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Folge von 2001: Foto von Uwe Mundlos war im "Tatort" zu sehen

Foto: Colonia Media

NSU-Mann im ARD-Krimi Wie ein Foto von Uwe Mundlos in den "Tatort" geriet

Der Fall gibt Rätsel auf: In einer "Tatort"-Folge aus dem Jahr 2001 ist auf einer fiktiven Fahndungsakte das Foto eines tatsächlich Gesuchten zu sehen. Es handelt sich um den NSU-Terroristen Uwe Mundlos. Die Produktionsfirma sucht nach einer Erklärung.

Hamburg - "Bestien" lautet der Titel, es ist der "Tatort" Nummer 487. Über neun Millionen Menschen sahen zu, als er am 25. November 2001 erstmals in der ARD ausgestrahlt wurde. Es dürfte damals niemand mitbekommen haben, dass in einer Szene in eine gestellte BKA-Akte ein reales Fahndungsfoto montiert worden war: Das von Uwe Mundlos, der am 4. November 2011 tot in einem Wohnwagen gefunden wurde, der mit Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gründete und der mutmaßlich für insgesamt zehn Morde verantwortlich ist.

Nummer 487 ist nicht irgendeine Folge, es ist eine derjenigen, die für Diskussionen sorgt, weil sie ein sensibles Thema in einem provokanten Plot verarbeitet. Ein Mädchen wird vergewaltigt und ermordet, die Mutter bringt den Täter um, Ermittler Max Ballauf vernichtet ein Beweismittel, so dass der Frau eine Mordanklage erspart bleibt.

"Bedenklich" und "heikel" nannten Medienwächter und Polizeivertreter die Darstellung von Lynchjustiz unter Mithilfe der Kommissare, der WDR hatte mit "Bestien" für Diskussionen gesorgt. Vielleicht auch deshalb wurde die Folge bisher vergleichsweise selten wiederholt, zuletzt im Mai 2011.

In einer Szene besucht der Vater des ermordeten Mädchens die Redakteurin einer Kölner Zeitung, er erhofft sich von ihr Hilfe bei der Suche nach dem Täter. Die Frau zeigt ihm Akten des BKA, "alle Sexualverbrechen aus der Gegend hier, nehmen Sie sich Zeit", sagt sie zu ihm. Der Vater fragt: "Hier sind jetzt andere Fälle drin, als bei den Bullen, oder wie?" - und sieht sich die Papiere an. Auf der zweiten Akte wird ein Sexualverbrecher gezeigt, unten drei Fotos, die einen Schauspieler zeigen, sie sind gestellt. Oben links aber ein echtes Fahndungsfoto: Es zeigt Uwe Mundlos.

Als sich die Produzentin des Films, hingewiesen auf diese Szene, die Folge noch einmal ansieht, ist das Erstaunen groß. "Ich bin fast vom Glauben abgefallen: Es ist Mundlos", sagt Sonja Goslicki von Colonia Media SPIEGEL ONLINE.

Das Werk einer Praktikantin

Wie kommt das Foto von Uwe Mundlos in einen "Tatort"? Das Schwarzweißbild war am 20. Februar 1998 vom Landeskriminalamt Thüringen veröffentlicht worden. Das LKA fahndete damals nach Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe wegen "Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens im Bereich Jena". Die drei waren kurz zuvor untergetaucht. Einen Tag später berichtete die "Ostthüringer Zeitung" über die Fahndung und veröffentlichte neben den Fotos von Böhnhardt und Zschäpe auch das Bild von Mundlos.

Das BKA stellte den Fahndungsaufruf wenig später auf seine Internetseite, so steht es im Bericht der Schäfer-Kommission, die vom Thüringer Innenministerium eingesetzt worden ist, um die Arbeit der Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit dem NSU zu überprüfen.

Doch ein bundesweit beachteter Fall war das damals nicht: Ein Bericht in der "Tageszeitung", der SPIEGEL nannte die drei Untergetauchten im März 2000 als Beispiel für die zunehmende Gewaltbereitschaft in der rechten Szene. Das Fahndungsfoto von Mundlos allerdings erschien nicht.

Wie also kommen die "Tatort"-Macher ausgerechnet auf dieses Bild? Von Ende April bis Anfang Juni 2001 liefen die Dreharbeiten zu "Bestien". "Zu der Zeit hat man tatsächlich Requisiten, wie die in 'Bestien' zu sehenden Akten, im wahrsten Sinne des Wortes zusammengebastelt", sagt Produzentin Goslicki. Nach Angaben des damaligen Requisiteurs hatte eine Praktikantin die "Phantasieakten" aus Archivmaterial händisch zusammenkopiert, irgendwie muss das Foto von Mundlos dort hineingeraten sein. "Die junge Mitarbeiterin ist wohl davon ausgegangen, dass es sich um ein Foto eines Mitarbeiters gehandelt hat", so Goslicki. Denn mit solchem Material werden gestellte Akten hergestellt - normalerweise.

Als "Bestien" erstmals ausgestrahlt wurde, sollen Böhnhardt und Mundlos bereits mit dem Morden begonnen haben: Vier türkischstämmige Kleinunternehmer wurden zwischen September 2000 und August 2001 erschossen. Wer dahinter steckte, lag damals noch im Dunkeln, dass einer der mutmaßlichen Täter in einer der beliebtesten Sendungen der Deutschen zu sehen war, bleibt ein bemerkenswerter Zufall.