Folgen des Erdbebens Bürger und Experten machen Behörden Vorwürfe

Eine solche Katastrophe hat Italien seit langem nicht erlebt. Die Zahl der Toten des Erdbebens in L'Aquila ist auf mindestens 150 gestiegen, rund 1500 Verletzte werden ärztlich behandelt - teils in provisorischen Freiluft-Lazaretten. Zehntausende verloren ihr Zuhause, viele kritisieren die Behörden.


Hamburg - Es sind nicht mehr als dürre Zahlen, doch sie lassen erahnen, welche verheerenden Folgen das Erdbeben in Mittelitalien für die Region hat.

30 Sekunden lang zitterte die Erde in der Gebirgsregion der Abruzzen nordöstlich von Rom. Danach waren mindestens 150 Menschen ums Leben gekommen, wie Krankenhäuser der Region am Abend berichteten. 1500 Verletzte wurden gezählt, 70.000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf. Bis zu 15.000 Häuser wurden beschädigt - viele von ihnen drohen einzustürzen.

Und das ist nur die Bilanz des ersten Tages.

Dutzende Menschen werden noch immer vermisst, viele sind unter den Trümmern ihrer Häuser begraben. Die Helfer kommen nur langsam voran. Sie müssen sich einen Weg durch zum Teil völlig zerstörte Städte bahnen. Einige Zufahrtsstraßen sind blockiert. Bewohner und Retter graben mit den bloßen Händen nach Verschütteten.

Die OPs nicht funktionsfähig, die Notaufnahme überfüllt

SPIEGEL ONLINE
Am schwersten betroffen sind L'Aquila und die Orte in der Umgebung. Nach Angaben von Bürgermeister Massimo Cialente wurden in der 70.000-Einwohner-Stadt L'Aquila vor allem moderne Wohnblocks zerstört. Warnungen vor den Erdstößen hatte es in der Vergangenheit viele gegeben - passiert ist dennoch wenig.

Das größte Krankenhaus der Stadt wurde evakuiert, die Universitätsklinik der Stadt musste wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Nach Angaben der regionalen Gesundheitsbehörde ist nur ein Operationssaal noch funktionsfähig, die Notaufnahme aber völlig überfüllt. Der Zivilschutz errichtete ein Feldlazarett. Die Verletzten wurden auf der Straße unter offenem Himmel behandelt. Die am schwersten Verletzten wurden per Hubschrauber in umliegende Krankenhäuser gebracht.

Gesundheitsminister Maurizio Sacconi rief die Bevölkerung zu Blutspenden auf. Krankenhäuser appellierten an Ärzte und Pflegepersonal im ganzen Land, ihnen zu Hilfe zu kommen.

Italien lehnt Unterstützung aus dem Ausland ab

Ministerpräsident Silvio Berlusconi rief den Notstand aus, um finanzielle Soforthilfen zu mobilisieren, und er versprach den Erdbebenopfern schnelle Hilfe. Es werde ein Zeltlager für bis zu 20.000 Betroffene aufgebaut, niemand werde seinem Schicksal überlassen. Eine Reise nach Moskau sagte der Regierungschef ab. Am Abend sollte das italienische Kabinett zu einer Krisensitzung zusammenkommen.

Nach Angaben von Innenminister Roberto Maroni wurden rund 1500 Feuerwehrleute und 200 Polizisten zur Verstärkung ins Erdbebengebiet geschickt. Staaten aus aller Welt boten Italien Unterstützung bei der Rettung und Versorgung der Opfer an: Laut Agostino Miozzo vom italienischen Zivilschutz gibt es Hilfsangebote aus Deutschland, Russland, Frankreich, Griechenland, Österreich und von der Europäischen Union. Die Angebote will Rom aber nicht annehmen - nach einer ersten Einschätzung der Lage brauche man keine Unterstützung aus dem Ausland, sagte Miozzo.

"Das ist ein Skandal"

In der Bevölkerung entfacht das Desaster Wut über die Behörden. In den vergangenen Wochen waren mehrere kleine Beben in den Abruzzen gemessen worden. "Das ist ein Skandal, seit drei Monaten schon hat regelmäßig die Erde gebebt, die Behörden wissen das genau!", schimpfte Maria Francesco, deren Haus zerstört wurde. Der Staat habe nichts unternommen. "Heute Nacht war es die Apokalypse, 20 Sekunden die reinste Hölle. Es hat sehr lange gedauert." Francescos Haus wurde zerstört: "Es gibt nichts mehr zu retten", sagte sie. Sie wolle nun "so schnell wie möglich" aus L'Aquila fliehen, aus Angst vor Nachbeben - ihr Auto hat ein zerdelltes Dach und zerborstene Scheiben. Tausende Bewohner verließen L'Aquila mit Koffern in der Hand zu Fuß.

"Wir haben uns immer gesagt, alles hier sei erdbebenfest gebaut", sagte Nicoletta Giusti, zu erschöpft, um sich sonderlich darüber aufzuregen, SPIEGEL ONLINE. "Aber sie haben wohl, um zu sparen, schlechten Zement genommen oder zu wenig Stahl - was weiß ich."

"Es ist nicht Teil unserer Kultur, in seismischen Zonen der Gefahr angemessen zu bauen", kritisiert Enzo Boschi, Chef des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie. So seien Häuser eingestürzt, "die nicht dafür konstruiert worden sind, einen solchen - nicht besonders heftigen - Erdstoß zu ertragen". Dabei habe sein Institut eine detaillierte Karte zu der Bebengefahr erarbeitet.

Erst am vergangenen Freitag hatte der Erdbebenforscher Giampaolo Giuliani vor einem starken Beben in L'Aquila und Umgebung gewarnt. Der Wissenschaftler hatte eine Vorhersage mit Hilfe der Emissionen von Radon-Gas unternommen. Die Polizei bestellte ihn daraufhin ein, weil er Unruhe geschürt habe, und verpflichtete ihn, seine Erkenntnisse aus dem Internet zu entfernen.

Italiens Zivilschutzchef Guido Bertolaso wehrte sich gegen den Vorwurf, Warnungen von Experten in den Wind geschlagen zu haben. Trotz der häufiger auftretenden Erdstöße in den vergangenen Tagen sei nicht absehbar gewesen, wann es ein starkes Beben geben könnte, sagte Bertolaso. Zu diesem Schluss seien auch Fachleute gekommen. Berlusconi sagte, man müsse sich erst um Hilfe für die Opfer kümmern und könne "später über die Vorhersagbarkeit von Erdbeben diskutieren".

Das Erdbeben der Stärke 6,2 hatte sich um 3.32 Uhr nachts ereignet. Das Epizentrum lag unter der Regionalhauptstadt L'Aquila in fünf Kilometern Tiefe.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.

Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

han/dpa/AP/AFP/reuters

insgesamt 309 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IsArenas, 06.04.2009
1.
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
In Italien gewiss nicht. Viele neue, als erdbebensicher geltende Gebäude (seit dem großen Beben in Messina /Reggio Calabria von 1908 sind theoretisch sowieso alle Gebäude per Gesetz "erdbebensicher") sind heute Nacht/Morgen eingestürzt wie Kartenhäuser. Außerdem sind Erdbeben einfach zu unkalkulierbar, die Werte auf den Skalen sagen nicht viel aus. Der Zivilschutz geht jetzt davon aus, das Epizentrum habe nur 5 km unter der Erdoberfläche gelegen. Im Übrigen denke ich, dass es gegen die gewaltigen Verschiebungen der afrikanischen Platte gegen Norden (die Alpen wachsen immer noch!) letztlich keinen Schutz gibt, außer vielleicht aus bestimmten Zonen wegzuziehen -- da gibt es in Italien aber noch viel gefährlichere Gegenden als die Abbruzzen, wo es ja ständig bebt...
ntholeboha 06.04.2009
2. Nein!
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
Auch mit modernsten und in der Zukunft noch besseren Instrumentarien sowie vielfaeltigen Vorsorgen wird es keinen ausreichenden Schutz in Europa geben koennen. Sicher Panikmache waere ebenso unangebracht aber wir leben nun einmal quasi auf einem recht aktiven Pulverfass. Eindaemmungen von Gefahren sind sicher weiterhin denkbar. Es gibt jedoch auch Punkte, die es mit zu beruecksichtigen gilt: Warum z. B. muessen sich Menschen am Fusse von Vulkanen ansiedeln? Sind die Einwohner von Gefahrengebieten ausreichend ueber die gegebenen Situationen informiert und wie sind sie auf etwaige Naturereignisse vorbereitet? Wer kann mit absoluter Sicherheit sagen, wie sich das Erdinnere kuenftig auch in sicherer geglaubten Gebieten entwickeln wird? Und nicht zuletzt: warum 'nur' ueber Europa nachdenken im Zeitalter der Globalisierung? Die eigenen Fehlleistungen beim Umgang mit unserer Umwelt sind dabei noch gar nicht beruecksichtigt. Ausserdem mutet es auch seltsam an, Katastrophen dann als solche zu postulieren wenn es um Menschenleben geht - als ein Teil der gesamten Erde, die uns nicht aber die wir brauchen.
ebert 06.04.2009
3. Schäden?
Erstaunlich ist, dass ein Beben mit "nur" 5,7 auf der Richterskala (laut Landeserdbebendienst Freiburg übrigens in 10km Tiefe) solche Schäden verursacht. Das Beben 2004 im Kandelwald hat trotz 5,4 lediglich zu einzelnen Gebäuderissen und herunterfallenden Dachziegeln geführt. Wird in Italien anders gebaut?
Mo2 06.04.2009
4. Und
Berlusconi möchte Atomkraftwerke bauen, schön mit sandigem Mafia-Beton...
Lottofreak 06.04.2009
5. Sicherheit gibt es wohl nur begrenzt in
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
statisch korrekten und auf tiefem Fundament gebauten Häusern. Wie man aus dem Süden eben leider nur zu gut weiß wurde und wird dort noch immer beim Bau arg gepfuscht und gespart wo es nur geht.Billigbeton, dünne tragende Wände, schlechter Stahl oder kaum einer... ec. - Bin kein Bau Ingeneur aber soviel sagt mir mein gesunder Verstand, daß ein Objekt welches fast nur auf Sand oder lösigem Boden gebaut ist eben schneller einstürzt als ein Haus fest auf/in Beton verankert. Ich selber wohne in einem 80 Jahre altem 3stöckig. 4 Kant Altbaublock mit Innenhof in Bayern - die Bausubstanz ist erbärmlich verkommen und es gibt schon viele Risse in Wohnungen - außerdem ist der Pfusch unverkennbar, keine Wohnung gleicht der anderen d.h. es haben unendlich viele unterschiedliche Leute hier rumgebaut.... bei einem Edbebeben dieser Stärke - Oh Gnade Gott..... würde hier alles ebenso zusammenbröseln- ein gruseliger Gedanke - ich wohne nämlich Parterre.....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.