Forensische Archäologie Katastrophen-Detektiv - der schlimmste Job der Welt

Er macht eine Arbeit, die keiner machen will: Der US-Forensiker Richard Gould durchkämmt Katastrophen-Schauplätze nach Spuren menschlicher Überreste. Familien der Opfer verschafft er so Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen. Psychisch ist der Job die Hölle.

New York - Richard Gould hat die Toten sorgfältig vergraben. Auf einer Schweinefarm in Massachusetts. Er hat sie nicht einfach entsorgt, wie es ein gewöhnlicher Mörder täte, in den Silos und Schlammgruben etwa. Er hat sie tief eingebuddelt und alle Spuren verwischt.

Gould weiß, es wird nicht mehr lange dauern, dann wimmelt es auf der Farm von den besten Forensikern des Landes, ausgerüstet mit dem neuesten Hightech-Equipment und einer Spürhundestaffel.

Auch wenn dabei die Toten und alle Spuren, die Gould bei seiner Arbeit hinterlassen hat, entdeckt werden - vor einer Strafverfolgung muss er sich trotzdem nicht fürchten. Im Gegenteil, dann ist die Aktion für ihn ein voller Erfolg. Denn Gould ist der Ausbilder der Forensiker - bei den vergrabenen Toten handelt es sich um Schweinekadaver.

Gould freut sich schon jetzt darauf, im nächsten Jahr mit seinen Leuten zur Übung auf die Farm zu gehen. "Das hab' ich ganz lange vorbereitet", grinst er, "die Schweine liegen da jetzt schon eine ganze Weile."

Richard Gould ist Gründer und Leiter der Organisation Forensic Archaeology Recovery (Far). Alle seine Leute machen freiwillig mit, arbeiten ohne Lohn - und machen den wohl schlimmsten Job der Welt.

Wenn es nach einer Katastrophe gilt, die Opfer zu bergen - schwerstversehrte Körper, in der Regel sogar nur Überreste davon - wird Far gerufen. Die Helfer dokumentieren akribisch den Fundkontext und bemühen sich, den Hinterbliebenen Gewissheit zu verschaffen, damit die ihre Trauer verarbeiten können. Manchmal bleiben von den Opfern einer Katastrophe nur ein Ring oder ein verkohltes Handy, manchmal können Gould und sein Team auch noch die Geschichte der genauen Todesumstände dazu liefern.

Feuerwehrmänner und Archäologen - bei Far helfen alle

Richard Gould ist 68 Jahre alt und Professor für Anthropologie an der Brown University in Rhode Island. Seine Forensik-Mannschaft ist ein bunter Haufen, der sich aus verschiedenen Berufsfeldern zusammensetzt. Viele der Freiwilligen sind junge Archäologen, die erste Erfahrungen im Feld mit Knochenfunden längst vergangener Kulturen gemacht haben. Andere haben ihr Berufsleben zum Beispiel als Feuerwehrmänner schon hinter sich.

Zwölf Polizisten der Providence Police sind dabei, auch Männer vom FBI, die bei Gould archäologische Methoden lernen. Die verschiedenen beruflichen Erfahrungen der Teammitglieder greifen ineinander, ergänzen sich. "Die beste Kombination ist ein Team aus Archäologen und Polizisten", erzählt Gould im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das bereichert die gemeinsame Arbeit ungemein."

Auch Freiwillige ohne einschlägige Berufserfahrung sind im Far-Team. "Die helfen zum Beispiel bei der Pressearbeit und mit der Logistik, leiten im Ernstfall den Verkehr um oder reden mit Angehörigen." Zur Kerntruppe, die in den Neu-England-Staaten aktiv ist, gehören 50 bis 60 Mitglieder. Etwa 120 bis 200 sind es in den gesamten Vereinigten Staaten. "Die können wir einfliegen, wenn jemand mit speziellen Fähigkeiten gebraucht wird, oder der Einsatz doch so lange dauert, dass die Leute vor Ort rotieren müssen."

Trainiert wird entweder in Online-Kursen oder einmal im Jahr im Feld. Über das Internet können sich die Mitglieder zum Beispiel im Incident Command System (ICS) fortbilden, dem nationalen Einsatzplan für Katastrophen.

Schaf mit Dynamitweste in die Luft gesprengt

Das ICS gibt jedem Desaster eine Struktur: Wo parkt man am Einsatzort sein Fahrzeug? Bei wem meldet man sich bei Ankunft vor Ort? "Ziemlich trockenes Zeug", sagt Gould, "aber es ist extrem hilfreich, das alles zu wissen."

Anschaulicher wird es dann bei den praktischen Übungen von Far. Einmal wollte Gould ein Selbstmordattentat simulieren: Er band einem toten Schaf eine Dynamitweste um den Bauch, legte es in ein ausrangiertes Dienstfahrzeug der Rhode Island Police und drückte auf den Auslöser. "Wir haben viel gelernt", so Goulds lakonisches Resümee. "Die Polizei sucht normalerweise nur im Umkreis von 30 Metern nach Körperresten. Wir haben noch Schafteile in hundert und mehr Metern Entfernung gefunden."

Mit Far füllt Richard Gould eine Lücke, die bisher schmerzhaft im Katastrophenmanagement klaffte. Wenn ein "worst case" eintritt, dann ist nur die erste Welle des Einsatzes geregelt. Es gibt staatliche Organisationen wie die Polizei und die Feuerwehr, die darauf spezialisiert sind, den Ort des Geschehens zu sichern, Verletzte zu versorgen und weitere Menschen vor Schaden zu bewahren. Handelt es sich um das Resultat eines Verbrechens, kommen eventuell noch Forensiker, um den Tathergang zu klären.

Wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sind, folgen jedoch direkt die Aufräumtrupps und schaffen unterschiedslos alles weg: Gebäudereste, Mobiliar, aber auch persönliche Gegenstände oder eben Leichenteile, die zu klein waren, um in der ersten Phase die Aufmerksamkeit der Bergungsteams zu erregen.

"Das ist wie Archäologie im Zeitraffer"

Forensische Anthropologen werden vom Staat zwar beschäftigt, ihr Aufgabenbereich beschränkt sich allerdings auf die Klärung von Kriminalfällen, nicht auf die Bergung von Menschen. "Search and Rescue"-Teams arbeiten in der Bergung, haben aber nicht das geschulte Auge eines Forensikers oder Archäologen, wenn es um die Identifizierung noch kleinster Teilchen geht.

"Bevor die forensische Arbeit überhaupt beginnen kann, müssen die menschlichen Überreste mit archäologischen Methoden geborgen werden", erklärt Gould. "Ich sage oft, dass ich im Grunde meines Herzens ein Archäologe bin, der nur vorgibt, forensischer Anthropologe zu sein."

Also gründete Gould einen neuen Zweig der Archäologie, die er selber Forensische Archäologie nennt. Dabei werden - bei extremer psychischer Belastung der Forscher - archäologische Methoden unter enormem Zeitdruck angewandt. Statt wie sonst bei Archäologen üblich hat das Team von Far nicht Monate oder Jahre, sondern nur wenige Tage Zeit, um den gesamten Unglücksort wissenschaftlich zu dokumentieren: "Das ist wie Archäologie im Zeitraffer."

"Im Staub erkannte ich Fragmente eines Schulterblattes"

Als Gould im Oktober 2001, kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center, nach New York kam, wurde ihm schlagartig bewusst, welch enormer Bedarf es nach forensisch-archäologischen Sichtungen von Katastrophen-Schauplätzen gab. Was er dort sah, schockierte ihn zutiefst.

Gould ging durch Lower Manhattan, und sein archäologisch geschultes Auge erfasste Dinge, die außer ihm niemand gesehen hatte: "Alles war mit einer grauen Aschesubstanz bedeckt, die wir 'Katzenstreu' nennen. Darin erkannte ich alles mögliche, zum Beispiel Fragmente eines menschlichen Schulterblattes."

Die Streuung von Leichenteilen nach dem Einsturz der Türme des World Trade Centers war schier unglaublich. Noch in Brooklyn fand man Papierfetzen mit Blut darauf. Menschliche Überreste waren bis tief hinein in die Kanalisation gelangt.

Gould bat die Behörden darum, eine Testgrabung in Manhattan machen zu dürfen. Erst Anfang 2002 bekam er die Genehmigung. Obwohl das Unglück da schon Monate zurücklag, konnte Far noch beweisen, dass die forensische Archäologie viel mehr leisten kann als herkömmliche Bergungsmethoden. "9/11 war wie ein Weckruf", sagt Gould. Bis heute sind nur knapp 60 Prozent der Opfer durch Funde von Körperteilen identifiziert.

Brand in der Disco - 340 Eimer mit Spurenresten

In der Tat hat sich das Betätigungsfeld der forensischen Anthropologen seit dem 11. September gewandelt. Vorher arbeiteten Forensiker strikt an der Aufklärung von Verbrechen. Seit 9/11 ist die Bedeutung dieser Disziplin, gerade was den humanitären Aspekt anbelangt, immer stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.

Ein Jahr nach dem Test in Manhattan kam der erste große Einsatz für das Far-Team. Im Februar 2003 ging bei einer pyrotechnischen Show einer Band der Tanzclub "The Station" in West Warwick, Rhode Island, in Flammen auf. Innerhalb von wenigen Minuten brannte das Gebäude lichterloh, im Feuer starben hundert Menschen.

Inzwischen hatte Gould Far in das Disaster Mortuary Operational Response Team (DMORT) eingegliedert, einen Verband von Bestattern, die sich nach Katastrophen um die Bergung der Leichen kümmern. Er bekam den Auftrag, die Brandstätte so aufzuräumen, dass am Ende kein Schaulustiger mehr irgendeine Hinterlassenschaft der Opfer einstecken und mitnehmen konnte. Sein Team trug 340 Eimer aus der Ruine, gefüllt mit den Resten von 88 Einzelfundstellen, darunter Gitarrenplektren und Kundenkarten von Supermärkten.

Die Temperaturen in West Warwick lagen zum Zeitpunkt des Brandes weit unter dem Gefrierpunkt. Für eine Nass-Spülung, sonst die beste Methode, um Kleinteile aus Schotter zu sieben, war es zu kalt. Die Helfer mussten Stück für Stück Eisbrocken aus dem Boden hacken.

Die Belohnung ist die Dankbarkeit der Familien

Dazu kam, dass der Ort noch von Spurensuchern und örtlichen Beamten wimmelte. Gould weiß, dass hier sein Schwachpunkt ist. "Ich bin an die Kritik von Kollegen gewöhnt, das macht mir nichts aus", sagt der Professor, "aber von offiziellen Verantwortlichen kritisiert zu werden, die keine Ahnung von unserer Arbeit haben, ist viel, viel schlimmer." Er gibt zähneknirschend zu, dass auch sie wahrscheinlich nur ihren Job so gut wie möglich machen wollen. "Aber manchmal ist das wie Armdrücken."

Nicht immer stimmen die Ziele der Verantwortlichen mit den Zielen Goulds überein. Zugangsbeschränkungen oder Nachrichtensperren können Goulds Arbeit hinfällig machen. Und so stellt er sich die Frage: "Kann die forensische Archäologie der Wissenschaft, der Regierung und den trauernden Angehörigen gleichermaßen dienen?"

Gould versucht zumindest, das Dilemma zu lösen. "Die Ziele der Regierung mögen nicht immer die unseren sein", sagt er, "aber einer muss den Job ja machen." Die Belohnung ist die Dankbarkeit der Familien, denen Far das Trauern möglich macht, weil er ihnen mit seiner Arbeit Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen verschafft: "Allein darum geht es bei dem, was wir tun."

Einsatz nach "Katrina": "Das war ein sehr schwerer Tag"

Der schlimmste Tag seiner Karriere ereignete sich im Spätsommer des Jahres 2005. Da war Gould mit seinem Team an der Golfküste, um nach dem Hurrikan "Katrina" zu helfen. Eine Woche lang identifizierte er Tote in Gulfport, Mississippi. Schließlich brachten sie Kinder in die improvisierte Leichenhalle, eines nach dem anderen. Goulds Erzählfluss gerät ins Stocken, wenn er davon erzählt: "Das war ein sehr schwerer Tag."

Danach half er selber bei der Bergung weiterer Opfer aus Krankenhäusern, Altenheimen und Schulen in New Orleans. Zuvor waren die Bergungsarbeiten nicht sonderlich koordiniert abgelaufen. "Es war schlimm. Wir hatten alle diese Toten, aber viele der freiwilligen Helfer brachten sie rein ohne Information über den Kontext oder den Fundort." Nicht nur deshalb sollte sich die Identifizierung der Katrina-Opfer als besonders schwer herausstellen. "Das Wasser hatte zudem alle Unterlagen der Zahnärzte zerstört – sonst eine gängige Methode für die Identifizierung von Toten."

Besonders wichtig ist es nach den Einsätzen, die Eindrücke psychologisch zu verarbeiten, ein sogenanntes "Debriefing" zu machen. Bei Feuerwehrleuten oder Polizisten geschieht dies oft in Gruppensitzungen: "Das halte ich für wenig sinnvoll", sagt Gould. "Jeder hat seinen ganz eigenen Weg, mit seinen Eindrücken umzugehen."

"Unendlich lohnenswert, aber sehr stressig"

Gould stellte ein Liste mit Namen von psychologischen Experten zusammen, mit denen er in der Vergangenheit gute Erfahrungen machte. Die kann er anrufen, wenn er oder jemand aus seinem Team eine persönliche Betreuung braucht. "Ich weiß selber nie, wie gut ich mit der nächsten Katastrophe werde umgehen können", sagt Gould. "Forensische Archäologie ist so unendlich lohnenswert, aber es ist auch sehr stressig. Eines Tages muss ich vielleicht aufhören."

Wenn man Gould reden hört, ahnt man, dass dieser Tag noch lange nicht gekommen ist. "Wir trainieren wie besessen für den Ernstfall, von dem wir uns alle fürchten", fasst er die Einstellung des Teams zusammen. "Aber", fügt er mit einem Grinsen hinzu, "wenn er da ist, möchten wir auch nirgendwo anders sein."

Das Szenario für den nächsten Gang ins Gelände hat sich Gould bereits ausgedacht: "Die Mafia hat eine Menge unliebsamer Zeugen aus dem Verkehr gezogen und hier in diesem Waldstück vergraben. Dann haben sie einen Tipp bekommen, dass die Polizei demnächst das Areal untersuchen will, haben die Leichen ausgegraben und woanders hingebracht. Doch sie haben Spuren übersehen: Gewebereste, Handys ..." Nach diesen minimalen Spuren wird Far am Wochenende suchen.

Zugleich ist die Übung das Vorspiel für die nächste Trainingseinheit: Denn die fiktive Mafia-Truppe aus Goulds Szenario transportierte ihre Opfer auf eine Schweinefarm in Massachusetts.

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