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STÄDTE Fort Alamo des Mittelstands

Für bürgerliche Flüchtlinge aus Metropolenstreß und Vorortöde schuf der Disney-Konzern in Florida die Musterstadt Celebration: eine heile Welt mit vielen Zwängen. Von Thomas Hüetlin
aus DER SPIEGEL 5/1999

Als das Telefon klingelt, hört Lisa Biard, 37, auf, in ihrem Morgenkaffee zu rühren. Sie seufzt und geht ran. »Ja«, sagt sie matt, und dann noch ein paarmal »ja«, und als das Telefongespräch zu Ende ist, weiß sie, daß am nächsten Wochenende ungefähr 4000 Leute durch ihr Haus trampeln werden.

Das schöne Haus. Aus weißlackiertem Holz ist es, ein ebenso weißer Teppichboden liegt darin, »Home Sweet Home«-Kissen sind aufgestellt, und weil die Biards nicht nur Leute von gestern, sondern auch Leute von heute sein wollen, klebt ein »Hard Rock Cafe«-Aufkleber auf dem Kühlschrank. Lisa Biard hat die Augen von Liza Minnelli und den Haarschnitt von Carolin Reiber und organisiert 40 Stunden pro Woche die Praxis eines Schönheitschirurgen. Ihr Mann Scott trägt einen Vollbart und arbeitet als Ingenieur. Aber das nützt jetzt alles nichts, denn am nächsten Wochenende erwartet die beiden samt ihren zwei Kindern die Katastrophe. »Zum Glück«, sagt Lisa, »habe ich so was schon geahnt und 2000 Paar Chirurgenschuhe bestellt.«

Genauer besehen ist die Katastrophe auch gar keine, sondern eine Charity-Veranstaltung, eine in allen großen Zeitungen Zentralfloridas annoncierte Häuserschau. Fünf Dollar müssen die Neugierigen bezahlen bei dieser Wohltätigkeitsbesichtigung. Das Geld geht an ein Frauenhaus irgendwo in Florida. In Celebration gibt es kein Frauenhaus, aber dafür jede Menge gute Taten.

Sie sammeln gern in Celebration. Und das Beruhigende dabei ist, daß die Unglücklichen, denen geholfen werden soll, dahinleben jenseits des großen, weißen Zauns, der die Bewohner von Celebration trennt vom Rest der Welt. Sie sammeln - denn der Mensch von Celebration soll gut sein und Liebe verbreiten unter anderen Menschen.

Im Gegensatz zu den großen, bösen Städten, wo die Moral kaputt ist, gehört sie hier zum Lebensstil. Der Mensch von Celebration soll sich freuen, wenn sein Nachbar auf der Veranda sitzt und Zeit hat, faul zu sein. Er soll sich daran erbauen, daß Kinder und nicht Autos auf den verkehrsberuhigten Straßen herumlärmen. Und er soll gute Laune und wenigstens einen Kartoffelsalat dabeihaben, wenn endlich am Wochenende vor seinem Haus ein Wohnwagen der Disney Company angerollt wird und dann die Nachbarn bis spät in der Nacht das feiern, was sie »Blockparty« nennen. Musik gibt es dann und Grillfleisch und Volleyball und keine Möglichkeit zur Flucht weit und breit.

Das klänge eigentlich ganz nett, wenn da nicht dieser unsichtbare Zwang wäre. »Wer die Gemeinschaft nicht leiden kann, ist hier verkehrt«, sagt Scott Biard. Und damit es noch mehr Gemeinschaft gibt, haben die Disney-Leute das ersonnen, was Scott als »Social Engineering« bezeichnet. Bürgersteige sind damit gemeint, auf denen Leute herumlaufen können; enge Straßen, auf denen eigentlich nur Fahrräder und leise Golfkarren herumsurren sollen, und natürlich ein Supermarkt, den man, wenn der Golfkarren mal wieder nicht aufgeladen ist, auch zu Fuß erreichen kann.

Wie Scott und Lisa geht es vielen hier. Sie haben Angst vor dem Dreck und dem Tempo der Metropolen, genug von der Einsamkeit und Öde der Vorstädte, ein echtes Interesse an der Gesellschaft anderer, solange es Leute sind wie sie selbst: Leute, die bei Worten wie Familie, Kinder, Sauberkeit, Gesundheit, Erziehung und Sicherheit nicht sofort einschlafen. Leute, die die Werte der Disney Company teilen. »Denn Disney«, sagt Lisa, »das ist Qualität für Familien auch im kleinsten Detail.«

Aus ganz Amerika haben sich die Leute aufgemacht, um hier ein besseres Leben zu finden. Und jetzt hocken sie zusammen in Disneys neuer Stadt, die doch nur eine Art Fort Alamo des Mittelstands ist.

Zur Zeit leben rund 2000 Menschen in 732 »Homes« auf der 40 Quadratkilometer großen Anlage, in 15 bis 20 Jahren sollen es bis zu 20 000 Menschen in etwa 8000 Häusern sein; gejagt von der Ahnung, daß die Gesellschaft zerbröselt; geplagt von der Gewißheit, daß die Mittelschicht, die früher einmal die tragende Stütze des Landes war, auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

Die Zukunft Amerikas scheint sich, nachdem die Idee des großen Schmelztiegels obsolet geworden ist, zum großen Teil in solchen »Gated Communities« abzuspielen. Siedlungen mit Schlagbaum und Zaun und privaten Sicherheitsdiensten, Quartiere und Städte, die Fremde nicht betreten dürfen ohne Voranmeldung. Mehr als 20 000 solcher Orte sind in den letzten Jahren im Land der Freiheit entstanden. Celebration ist auch so einer, nur ohne Schlagbaum und Voranmeldung, denn das ist schlecht fürs Image, und davon versteht Disney etwas. Gut fürs Image dagegen ist das moderne Full-Service-Programm: eine sichere fortschrittliche Schule, jedes Haus online, den schnuckeligen Italiener in der Ortsmitte, ein großes Kino, eine Beratungsstelle, die stets hilft, egal ob der Pudel einen Haarschnitt braucht oder die Oma einen Rollstuhl, und ein Heer von Dienstleistenden, die so wenig kosten, daß sie es sich nicht leisten können, in Celebration zu wohnen.

Die Pioniere im Disneyland des echten Lebens, das sind die Biards und Menschen wie Lisa und Al Dworkin, früher Börsenmakler in Chicago, die süchtig waren nach Geld und Adrenalin, bis ihre beiden Söhne zur Welt kamen und sie genug hatten vom Streß. Die Dworkins verkauften alles und zogen nach Celebration, selbst um den Preis, daß Al nur einen Job als Fremdenführer in Disneyland fand und jetzt sechs Dollar die Stunde verdient.

Da sind Jim Bailey und seine Frau, zwei Rentner, die nicht abgeschoben werden wollten, sondern, wie Bailey sagt, hinein wollten in eine »lebendige Gemeinschaft mit Kinderlärm und allem«.

Da sind Brian Haas und seine Frau Diane, zwei Ärzte aus New York, die mit ihren zwei Kindern einen bequemeren Platz zum Leben suchten. »Anfangs konnte ich mir nicht vorstellen, in einer Disney-Stadt zu leben«, sagt Haas, »zu sehr Mickey Mouse, um einen zynischen New Yorker Ausdruck zu gebrauchen. Aber Zynismus ist oft auch nur Tarnung für Leute, deren Idealismus früh frustriert wurde.«

Der Idealismus, der die Leute nach Celebration gezogen hat, ist einer, der von Politik nicht mehr viel hält und die Gestaltung für die Rahmenbedingungen des Lebens lieber einer Privatfirma überläßt, der sie vertrauen. »Politik«, sagt einer, »ist doch ein einziger großer Schweinestall, in dem am Ende alle betrogen werden. Disney dagegen hat uns noch nie enttäuscht.«

Wie andere Leute mit ihren Jeans oder ihrem Auto oder ihrem Parfüm versuchen, einen Lebensstil zu kaufen, tun es die Bewohner von Celebration mit einer ganzen Stadt. Selten hat der Kernsatz der markenbewußten neunziger Jahre, wonach das Design das Bewußtsein bestimme, besser gepaßt als in Disneys erster Siedlung: »Ich bin bei Walt, also bin ich.«

Natürlich muß einer in dieser Scheckbuch-Wohngemeinschaft Opfer bringen. Da sind zuerst einmal die Preise. Ein Haus innerhalb des weißen Zauns kostet zwischen 160 000 und eineinhalb Millionen Dollar, gut ein Drittel mehr als draußen.

Und dann sind da die Verbote, die jeder Siedler beim Notar unterschreiben muß. Der Rasen im Garten, steht darin, muß immer kurz geschnitten sein; die Vorhänge in den Fenstern zur Straße hin nur weiß; die Farbe des Hauses in einem angenehmen Pastellton gehalten; ein Flohmarkt vor der Garage darf maximal alle zwölf Monate stattfinden, ein politisches Plakat vor dem Haus soll nicht größer als 45 mal 60 Zentimeter sein, und es soll maximal 45 Tage vor einer Wahl aufgestellt werden. Dicke Autos von der Größe eines Pickups an sind verboten. So etwas, findet Disney, verdirbt das Straßenbild. »Wer sich dem dauernd widersetzt, dem kauft Disney sein Haus wieder ab«, sagt Lisa Biard. Also besser keine blauen Vorhänge. Probezeit auf Lebenszeit.

Es gehört zu den komischen Sitten von Celebration, daß niemand denkt, solche Regeln würden die Freiheit einschränken. Im Gegenteil - die sanfte Diktatur des großen Bruders, heißt es, sorge dafür, daß sich die Siedlung nicht in einen Slum verwandele. »Wer sein Haus pink streichen möchte oder vorhat, Schweine in seinem Garten zu züchten, soll woanders hinziehen«, sagt Scott Biard.

Aus diesem Grund stört es auch niemanden, daß in der Town Hall - dem Rathaus - kein gewählter Bürgermeister, sondern ein Town-Manager sitzt, den die Celebration Company, eine Disney-Tochter, bestimmt. Vor dem Eingang sollen Ziegelsteine mit den Namen der ersten Bewohner Volksverbundenheit demonstrieren. Diese Demokratie endet spätestens an der Tür.

Ein paar Meter weiter stehen in der Winterzeit grüne Lautsprecher mit roten Schleifen und Tannenzweigen. Tagsüber scheppern in der Weihnachtssaison nonstop Winterlieder über das sonnendurchglühte Pflaster, und weil der große Bruder immer Touristen in die Stadt locken will, war im letzten Jahr auch im März noch keine Ruhe.

Die Klagen von Pionieren und Siedlern nützten nichts. Das Wunder der Stille traf ein, als die Ehefrau des großen Disney-Vorsitzenden, Jane Eisner, zusammen mit einem der Architekten des Ganzen, Robert Stern, zu Besuch kamen. Als Sterns Mobiltelefon klingelte, verstand er wegen des Musiklärms nur die Hälfte. Da war sie dann da - die Ruhe, und zwar plötzlich.

Aber das ist lange her, und weil in der sorgsam gepflegten Mittelstandsnarkose die Uhren anders gehen, kann sich auch niemand mehr genau daran erinnern, daß im Sommer des vergangenen Jahres das erste und einzige schwere Verbrechen in Celebration passierte. Ein Unbekannter schrie, er habe eine Pistole, bedrohte ein Ehepaar samt dessen Tochter und zwang sie, Geld und Kreditkarten herauszurücken. Gedanken an derart Unangenehmes verdirbt die Laune, und die hat hier stets strahlend zu sein wie die Sonne von Florida. So weist die PR-Betreuerin vom großen Bruder auch darauf hin, daß im riesigen villaähnlichen Krankenhaus am Ortseingang vor allem Wert auf die Pflege der Gesunden gelegt werde. Kranke gibt es in anderen Krankenhäusern ja auch. Nur im Celebration-Spital will sie eigentlich niemand sehen.

Wo es offiziell keine Probleme gibt, soll man sie auch nicht herbeireden. Die meisten helfen sich mit Positiv-Denken nach Vorschrift, und wenn das nichts nützt, kommt bei einigen sturer Pragmatismus dazu. »Ich habe nie geglaubt, daß ich den Typen wählen darf, der diesen Laden hier leitet«, sagt Scott Biard über seine Siedlung. Er habe damals nur schnell ein Dach über dem Kopf gesucht, in das es nicht reinregnet, und eine Nachbarschaft, in der seine Frau endlich aufhört zu weinen.

Das mit dem Weinen hatte angefangen, als Scott, der Elektroingenieur war in der Firma, bei der schon sein Vater und Großvater gearbeitet hatten, hörte, daß genau dieser Laden von einem Größeren geschluckt würde. Bald war der Job in Gefahr, und weil es keinen anderen gab in seinem kleinen Nest in Indiana, mußte Scott sehen, daß er woanders unterkam.

Es gab Möglichkeiten in Detroit und Orlando, und weil Detroit den meisten Amerikanern ungefähr so reizvoll erscheint wie Kambodscha unter Pol Pot, blieb nur Orlando. Die Biards kamen, machten eine Stadtrundfahrt, sahen Straßen mit Basketballkörben und Fahrrädern, aber keine Menschen und schon gar keine Kinder. Lisa weinte danach wieder, diesmal die ganze Nacht, und spätestens da wußte Scott, daß er sich etwas einfallen lassen mußte.

Lisa ließ sich was einfallen, denn sie hatte von Disney in ihrer kleinen Zeitung in Indiana gelesen, und die Urlaube bei Disney waren auch schön gewesen, und schon saß Scott im Auto. Als er die pastellfarbenen Häuser entlangfuhr, dachte er: »Sehr seltsam, aber ganz hübsch, sehr seltsam, mich erinnert das an den Horrorfilm ,The Stepford Wives', aber es ist ganz hübsch und sicher, und Lisa wird es bestimmt gefallen.« Das war ihm wichtig. Denn Scott ist einer der amerikanischen Männer, die staubsaugen müssen und die Spülmaschine einräumen und manchmal Gefrorenes in die Mikrowelle schieben, und wenn er sich schon für die Familie engagiert und seiner Frau hilft, damit sie in einer Arztpraxis arbeiten kann, dann will er wenigstens Ruhe in seinem Haus und kein Geweine.

Die hat er jetzt. Diese herrliche Ruhe, die gern gestört wird von eifrigen Nachbarn und diesen Pflichtpartys, die so häufig sind, daß sich Scott manchmal schon am Sonntag an seinen 30 Autominuten entfernten Arbeitsplatz zurücksehnt. Diese himmlische Ruhe, die auch die Touristen bewundern, die am Wochenende in der Modellsiedlung einfallen, sich auch von einer geschlossenen Haustür nicht aufhalten lassen und, das kann schon mal passieren, einen, wenn man mit einem Handtuch um die Hüfte aus der Dusche steigt, mit ihren Videokameras abfilmen. Diese göttliche Ruhe, die nur unterbrochen wird, wenn der Privatsheriff nachts um halb zwei klingelt und sagt, daß die Autotür offen ist, aber das Autotelefon noch drin.

»Ein herrlicher Morgen«, sagt Scotts Frau Lisa jetzt, »ich finde, wir gehen jetzt zum Farmersmarkt in die Stadt und zwar zu Fuß.« Scott verdrückt sich zu einem Fortbildungskurs für Immobilienmakler, weil man ja nie wissen kann heutzutage. Aber die Kinder müssen mit zum Markt. Es geht vorbei an blitzsauberen Gärten, und sogar die gut versteckten Mülltonnen hinter den Häusern sehen aus wie frisch gewienert. Vorbei an mexikanischen Gärtnern, die mit blauen Netzen Ahornblätter aus einem der zahlreichen künstlichen Tümpel fischen. Es geht weiter über eine Holzbrücke, als Lisa plötzlich stehenbleibt. »Das ist nicht richtig«, sagt sie und zeigt auf zwei braune Enten und eine weiße Gans. »Diese Gans hat hier nichts verloren. Die gehört nicht zu den Enten. Die stört nur deren Familienleben.«

Irgendwo natürlich ahnt auch Lisa, daß sie da Unsinn redet und die guten alten Zeiten des wohlgeordneten Familienlebens unwiederbringlich vorbei sind - sosehr sie sich die auch manchmal zurückwünscht. Nie hat Lisa Biard das Amerika der Kleinstadtbildermaler wirklich gekannt. Nie hat sie nur zu Hause gesessen, die Kinder geschaukelt und gestrickt, während ihr Mann draußen Bäume gefällt hat.

Die Biards waren schon immer eine vollkommen postmoderne Familie - mit Langlaufgerät vor dem Fernseher, Brotbackmaschine in der Küche, einem zwölfjährigen Jungen, der vor dem Computer festgewachsen ist, und einem achtjährigen Mädchen, das in einer Fußballmannschaft spielt.

Das wenigste hier ist so wie in der guten alten Zeit, und genau deshalb sind die Biards in Disneys Simulation von Behaglichkeit genau richtig. Selbst wenn sie manchmal Zweifel haben an der Ordnung des großen Bruders. »Wir leben hier im Goldfischglas«, sagt Lisa, »die Kinder wachsen auf in einem Kosmos, der nur schön und gut ist.«

Zur Abwechslung geht es an den Wochenenden oft raus aus dem weißumzäunten Gehege ins Aquarium in Orlando oder in das Wissenschaftsmuseum. »Aber natürlich reicht das nicht«, sagt Lisa.

Bis die Kinder groß sind, hat Disney bestimmt auch für diesen Mißstand eine Lösung. Vielleicht einen dreiwöchigen Grundkurs zur Vorbereitung auf das wirkliche Leben in einem Themenpark voll mit Armen, Häßlichen und Bösen: für die Jüngsten der Angriff sadistischer Kameraden, für die Älteren ein paar Straßenhuren und Drogendealer. Und wenn die jungen Erwachsenen glauben, sie hätten die Welt im Griff - dann schickt sie herein, die Immobilienmakler.

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