Fotos aus der Hölle "Onkel, sie töten uns"
Hamburg - Am Tag des Sieges war Grosny grau. Unter aschfahlem Himmel hatte Tschetscheniens Präsident Achmad Kadyrow die traditionelle Parade zum Sieg der Sowjets über die Nazis abgenommen. Mit starrem Blick waren die Soldaten an ihm vorbeigezogen, gefolgt von blonden Militärmusikerinnen, die mit Inbrunst einen Marsch bliesen.
Zusammen mit den Sicherheitskräften war auch Fotograf Musa Sadulajew an diesem 9. Mai 2004 in Stellung gegangen. Seit Jahren fotografierte er für die Nachrichtenagentur AP - die Gelegenheit, ganz nah an den von Moskau als Statthalter eingesetzten Kadyrow heranzukommen, war günstig. Mit von der Partie war Adlan Chassanow, ein Kollege von Reuters, mit dem Musa seit langem freundschaftliche Duelle um das beste Foto austrug.
Kadyrow, die traditionelle Fellmütze "Papacha" auf dem Kopf, lächelte freundlich, als die populäre Sängerin Tamara Dadaschewa im gutgefüllten Dynamo-Stadion ein Lied zum Besten gab. "Auf das wir Tschetschenen endlich in Frieden leben mögen!", rief sie am Ende ihres Vortrags in die Menge. Im selben Moment, um 10.35 Uhr, explodierte die Bombe.
"Es gab einen fürchterlichen Knall. Das Erste, was ich tat, war auf den Auslöser zu drücken. Ich musste mich ducken, weil sowohl die Wachen als auch Armeeangehörige anfingen, wie wild um sich zu schießen", berichtet Sadulajew. Dann sah er das gelbe Hemd seines Freundes leuchten. Er fand Adlan, der mit überkreuzten Füßen in seltsam entspannter Position auf dem Boden lag. "Es wirkte so, als wäre er gar nicht verletzt. Dabei lag er in einer riesigen Blutlache und der hintere Teil seines Kopfes war weggerissen."
Er habe Adlans Namen gerufen, ihm helfen wollen, doch er wusste bereits, dass es zu spät war, erzählt der Fotograf. Während Ärzte und Helfer Chassanow ein Schmerzmittel injizierten und seinen Kopf notdürftig verbanden, griff Musa zu seiner Kamera. "Ich habe meinen Freund fotografiert, ihm sozusagen die letzte Ehre erwiesen", sagt er unter Tränen. Immer wieder habe er solche Situationen erlebt, die Fassungslosigkeit jedoch bleibe: "Der Geruch des Blutes ist unbeschreiblich. Eben noch stand ein Mensch neben dir, unversehrt und lebendig. Jetzt ist er tot und mit jeder Minute wird sein Körper kälter."
Bei dem Anschlag im Dynamo-Stadion sterben nicht nur Adlan Chassanow und Präsident Kadyrow. Die Behörden berichten von 6 Toten und 50 Verletzten, inoffizielle Schätzungen gehen von mindestens 32 Todesopfern aus. Der Anführer der separatistischen Rebellen, Schamil Bassajew, übernimmt die Verantwortung für das Attentat. Er bezeichnet den Tod des ehemaligen Staatschefs als "kleinen, aber wichtigen Sieg".
Sehnsucht nach Sicherheit
"Bassajew oder Kadyrow - wer versucht, mit den Mitteln des Terrors und der Gewalt etwas zu erreichen, kann nicht im Recht sein", ereifert sich Sadulajew. Ob islamistische Wahabiten oder die russische Armee - vor beiden müsse man in Tschetschenien Angst haben. "Ich habe mich nie mit Politik beschäftigt, ich versuche lediglich, unsere Geschichte in Bildern festzuhalten", so der Fotograf.
In einem Land, in dem die Menschen vor sich hinvegetierten und ums nackte Überleben kämpften, gebe es nur eines, wonach man sich sehne: Sicherheitsgarantien. "Ich will morgens in Ruhe zur Arbeit gehen können. Ich will, dass meine Kinder keine Angst mehr haben müssen. Das ist das größte Glück, nach dem man streben muss."
Musa Sadulajew ist ein kräftiger Mann, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen scheint. Die blau-grünen Augen schauen traurig unter langen Wimpern hervor, seine Höflichkeit ist so sanft wie gewichtig. Schon immer habe er Fotograf werden wollen, erzählt der 37-Jährige. Seine ersten journalistischen Versuche unternahm er während seines Wehrdienstes in der russischen Armee. Für die Gebietszeitung "Der Weg des Kommunismus" schrieb er zwischen 1986 und 1988 kurze Artikel über das "Soldatenleben", die mit der Wirklichkeit allerdings wenig zu tun hatten.
Was sich in seiner in Kasachstan stationierten Einheit abgespielt habe, sei unbeschreiblich gewesen. "Wir haben bei eisiger Kälte in einem völlig verdreckten Viehstall gehaust und vor lauter Hunger mit täglich zwei Scheiben Brot das Fett aus den ungespülten Bechern gekratzt", so Musa. Soldaten seien eben Menschen ohne Pass, ohne alle Rechte. "Wir waren nichts als billige Arbeitskräfte für den Staat", so sein Resümee.
Musas Engagement wurde gleichwohl belohnt. Als 1989 bei der Zeitung eine Stelle als Fotograf frei wurde, bekam er sie. Seine ersten Aufnahmen seien "primitiv" gewesen, so Musa. Doch sein Ausflug in die Welt der Planerfüllung und der Erntemaschinen, der Mai-Demonstrationen und pausbäckigen Pioniere sollte nicht lange dauern.
Spätestens als Dschochar Dudajew im Oktober 1991 an die Macht kommt, ist es mit sozialistischer Behaglichkeit vorbei. Mit der Unabhängigkeit Tschetscheniens bricht das Chaos aus. "Wir haben uns von Brot und Wasser ernährt, während andere in Saus und Braus lebten und auf der Straße mit Geldscheinen um sich warfen", erinnert sich Sadulajew. Weil die Löhne nicht mehr gezahlt wurden, hielt er sich und seine Familie mit Porträtaufnahmen über Wasser. Als der erste Tschetschenien-Krieg begann, gelang es ihm, über eine schwedische Journalistin Kontakt zu der Nachrichtenagentur AP bekommen. 1995 veröffentlichte er dort seine ersten Bilder.
"Es ist etwas völlig anderes, dabei zu sein"
Mit Beginn des zweiten Krieges 1999 wird das Leben in der Kaukasus-Republik immer unerträglicher. Als russische Soldaten das Dorf Gorogorsk 55 Kilometer nordwestlich von Grosny angreifen und "massenhaft Zivilisten exekutieren" bringt Musa seine Familie in Panik ins benachbarte Inguschien. "Es ist eine Sache, Reportagen aus Kriegsgebieten im Fernsehen zu sehen. Es ist etwas völlig anderes, dabei zu sein, wenn die Armee dein eigenes Dorf zerstört - jene Armee, in der ich sowie alle meine Brüder und Verwandten gedient haben, die Armee eines Landes, dessen Bürger ich sein soll. Das war aber keine Befreiungsarmee, niemand hat uns gerettet, sie haben einfach alles zerstört."
Als er seine Nichte über die Grenze bringt und in einen heftigen Schusswechsel gerät, ruft die ihm zu: "Onkel, sie töten uns - lass das nicht zu." Musa lässt es nicht zu, er rettet das Mädchen und kümmert sich so gut er kann um seinen Sohn, die greise Mutter und den Rest der Familie. Die lebt mit 30 bis 40 weiteren Flüchtlingen in zwei Zimmern bei inguschischen Gastgebern und hungert. "Ich werde nie vergessen, wie mein Sohn zu mir sagte: 'Papa ich will Fleisch essen.' Und ich konnte es ihm nicht geben. Das war furchtbar."
Nachdem die russischen Truppen Fotos und Unterlagen in seinem Haus in Gorogorsk gefunden und ihn als kritischen Journalisten identifiziert hatten, war eine Rückkehr nach Tschetschenien mit großen Risiken verbunden. Sadulajew konzentrierte sich auf sein Umfeld und fotografierte die Flüchtlinge in den Lagern. Über AP gehen seine Bilder um die Welt.
"Beslan - der Krieg gegen die Engel"
Als russische Spezialkräfte am 3. September 2004 die Schule Nummer 1 in Beslan stürmen, ist Sadulajew vor Ort. Zu Fuß hat er die Wachposten umgangen und sein Objektiv auf das Grauen gerichtet, das sich ihm darbietet: "Überall rannten schwerverletzte, blutende Kinder in Unterwäsche umher. Das Leichenhaus war komplett überfüllt, die Toten lagen auf der Straße."
Sprachlos vor Schmerz machte ihn eine Szene am Rande des Tumultes: "Eine Frau saß mit dem Kopf ihrer toten Tochter im Schoß auf dem Boden und erzählte ihr etwas. Sie war ganz ruhig, sie weinte nicht und sprach leise zu ihrem toten Kind."
Wenn in Tschetschenien ein Erwachsener stirbt, wünscht man, Gott möge ihm alle Sünden verzeihen. Stirbt hingegen ein Kind, betet man dafür, dass es ihm gut gehen möge in der anderen Welt. "Denn ein Kind ist unschuldig, ein Engel. Wie kann man sich an einem Engel vergreifen?", fragt Sadulajew.
Trotz seiner Liebe zum Beruf bekennt der Chronist zweier Kriege: "Interessant war das Fotografieren nie für mich. Einfach nur schrecklich."