Fotostreit Vatikan-Botschafter boykottiert Holocaust-Gedenkfeier

Die Bildunterschrift unter einem Foto von Papst Pius XII. in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem erzürnt den Vatikan. Der Botschafter des Kirchenstaates sagte seine Teilnahme an den Holocaust-Gedenkfeiern ab. Der Grund: Die negative Darstellung des einstigen Papstes sei verletzend.


Jerusalem - In einem Brief an den Direktor der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem forderte der Erzbischof Antonio Franco gestern die Änderung der Bildunterschrift, in der Papst Pius XII. als teilnahmslos gegenüber den Leiden der Juden während des Zweiten Weltkrieges dargestellt wird, oder eine Entfernung des Bildes. Am Sonntag veranstaltet Jad Vaschem die alljährliche Feier zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ein Sprecher der Gedenkstätte kritisierte die Absage des Vatikan-Botschafters scharf. "Wir sind schockiert und enttäuscht", erklärten die Jad-Vaschem-Mitarbeiter gestern. Die Absage des Apostolischen Nuntius Antonio Franco widerspreche den Aussagen des verstorbenen Papstes Johannes Paul II., der bei seinem Besuch in Jad Vaschem im Jahr 2000 betont habe, wie wichtig das Gedenken an den Holocaust und an seine Opfer sei.

Das Bild von Papst Pius XII. ist im 2005 neu eröffneten Teil der Holocaust-Gedenkstätte ausgestellt. Das Foto trägt eine Bildunterschrift, in der das Kirchenoberhaupt wegen seiner Haltung zur Deportation und Ermordung der europäischen Juden in der NS-Zeit als umstrittene Persönlichkeit dargestellt wird.

Jad Vaschem ist das größte Archiv zum Holocaust, der den Massenmord an sechs Millionen Juden umschreibt. "Jad Vaschem widmet sich der Geschichtsforschung, und das Holocaust-Museum zeigt die historische Wahrheit über Papst Pius XII., so, wie sie sich den Wissenschaftlern heute darstellt", heißt es in der Erklärung aus Jad Vaschem. Die Gedenkstätte habe dem Nuntius mitgeteilt, dass seine Forscher das Thema gern weiter untersuchen würden - auch in den vatikanischen Archiven. Historiker verlangen seit längerem einen vollständigen Zugang zu den Dokumenten des von 1939 bis 1958 amtierenden Kirchenoberhauptes.

Die Rolle Pius XII., der von 1938 bis 1958 Papst war, ist bis heute Gegenstand von Historiker-Kontroversen: Viele Forscher werfen ihm Schweigen und Passivität angesichts des Schicksals der Juden vor. Der Vatikan betont dagegen, Pius habe sich dafür eingesetzt, die römischen Juden während der Besatzung durch die Hitlertruppen vor der Deportation zu bewahren.

ffr/AFP/Reuters



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