Sterbehilfe-Debatte in Deutschland Der gewünschte Tod

In Belgien soll die aktive Sterbehilfe auf Minderjährige ausgeweitet werden, auch in Deutschland wird das Thema diskutiert. Soll der Staat Beihilfe zur Selbsttötung verbieten? Oder sogar aktive Sterbehilfe erlauben? Die Rechtslage in Europa - der Überblick.
Von Gesa Mayr und Hendrik Ternieden
Sterbehilfe in Deutschland: Was sollte erlaubt sein?

Sterbehilfe in Deutschland: Was sollte erlaubt sein?

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Hamburg - Die Debatte über Sterbehilfe gehört zu den wichtigsten Themen in Deutschland. Wie sieht ein würdevoller Tod aus? Was muss rechtlich erlaubt sein? Wo sind Grenzen zu ziehen? Der Bundestag wird in diesem Jahr mehrfach darüber debattieren, die Abgeordneten sollen ihrem Gewissen folgen.

Die europäischen Länder gehen sehr unterschiedlich mit dem Thema um. In Belgien wird diese Woche über eine Ausweitung der aktiven Sterbehilfe auf Minderjährige abgestimmt. Aller Voraussicht nach wird die Abgeordnetenkammer den Gesetzentwurf billigen.

In Deutschland spricht sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe für ein Gesetz aus, das jede Form der organisierten Selbsttötung verbietet. Doch einer Umfrage zufolge können sich 55 Prozent der Deutschen vorstellen, ihrem Leben im Alter aufgrund von schwerer Krankheit, langer Pflegebedürftigkeit oder Demenz selbst ein Ende zu setzen. Zwei Drittel der Deutschen sprachen sich in einer weiteren Umfrage für aktive Sterbehilfe aus. Aber was bedeutet das? Und wie ist die derzeitige Rechtslage? Der Überblick.

1. Welche Formen von Sterbehilfe gibt es?

Aktive Sterbehilfe: Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).

Assistierte Selbsttötung: Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde . Allerdings spielt das in der Praxis keine Rolle. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren zum Entzug der Approbation gekommen wäre.

Indirekte aktive Sterbehilfe: Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.

Passive Sterbehilfe: Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.

2. Was ist, wenn ein Patient seinen Willen nicht mehr äußern kann?

In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a , Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material  stellt das Justizministerium zur Verfügung.

3. Welche Alternativen zu Sterbehilfe gibt es?

Gegner von Sterbehilfe fürchten, dass alte und kranke Menschen sich bei einer prinzipiellen Ausweitung der Sterbehilfe unter Druck gesetzt fühlen könnten. Sie fordern eine stärkere Nutzung der Palliativmedizin. Diese kommt bei unheilbar kranken Patienten mit begrenzter Lebenserwartung zum Einsatz. Es geht vor allem darum, die Beschwerden und Schmerzen des Kranken zu mildern und ihm "durch bestmögliche Unterstützung im Sterben mehr Leben zu geben", wie die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin schreibt. Das Sterben solle nicht aufgehalten werden. Allerdings fordert Michael de Ridder, einer der bekanntesten Vertreter der Palliativmedizin, als letztes Mittel auch die Zulassung ärztlicher Beihilfe zum Suizid - wenn ein Patient trotz aller palliativer Maßnahmen weiterleidet und den Tod frei verantwortlich und nachhaltig wünscht.

4. Was will Gesundheitsminister Gröhe?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe möchte "jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen". Der Vorstoß richtet sich vor allem gegen Vereine wie Dignitas oder Sterbehilfe Deutschland. Damit geht er noch einen Schritt weiter als die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ein Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe gefordert hatte. Geht es nach Gröhe, werden künftig aber auch Vereine und Organisationen, die assistierten Suizid ohne Gewinnstreben ermöglichen, in das Verbot eingeschlossen. Gröhe will als Gesundheitsminister die Palliativmedizin und das Hospizwesen weiter ausbauen. Unterstützung bekommt er von der Bundesärztekammer, der katholischen Kirche und der Deutschen Stiftung Patientenschutz.