Gerichtspsychiater über psychisch kranke Täter "Wer unter Schizophrenie leidet, hält sich nicht für krank"

Wieso stößt jemand ein Kind vor einen Zug? Im Interview spricht der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber über Täter, die willkürlich angreifen - und warum solche Attacken kaum vorherzusehen sind.
Abgesperrter Bahnsteig am Frankfurter Hauptbahnhof

Abgesperrter Bahnsteig am Frankfurter Hauptbahnhof

Foto: CARSTEN RIEDEL/ EPA-EFE /REX

Kuscheltiere und Kerzen liegen am Gleis 7 am Frankfurter Hauptbahnhof, Passanten halten inne, die Polizei patrouilliert entlang der Gleise. Ein 40-Jähriger stieß am Montag einen Achtjährigen vor einen einfahrenden ICE. Das Kind starb, der Mann wurde festgenommen. 

Die Tat macht fassungslos, löst bundesweit Trauer und Entsetzen aus. Hans-Ludwig Kröber gilt als einer der profiliertesten Gerichtspsychiater der Republik. Mit Fällen wie diesem kennt sich der 68-Jährige aus.

20 Jahre lang leitete er das Institut für Forensische Psychiatrie in Berlin und die dazugehörige Ambulanz, die Hochrisikotäter nach ihrer Entlassung betreut. In dieser Zeit sprach Kröber auch mit Männern, die ihnen unbekannte Passanten vor einen einfahrenden Zug stießen. Er erklärt, warum Attacken wie die in Frankfurt so schwer vorherzusehen sind und psychisch Erkrankte mitunter zu spät Hilfe bekommen.

SPIEGEL: Sie haben vor einigen Jahren als forensischer Psychiater Täter begutachtet, die ihnen unbekannte Menschen vor eine U-Bahn stießen. Wie konnte es zu diesen Taten kommen?

Kröber: Im Abstand von wenigen Monaten gab es 2001 und 2002 in Berlin drei aufsehenerregende Taten, bei denen der jeweilige Täter einen ihm unbekannten Mann hinterrücks vor einen einfahrenden U-Bahn-Zug stieß. Einen Täter begutachtete ein befreundeter Kollege, der Mann war ein bekannter krimineller Gewalttäter. Die beiden anderen Beschuldigten begutachtete ich. Beide waren in markanter Weise schizophren erkrankt mit zahlreichen bizarren Symptomen. Sie hatten einen sehr typischen Krankheitsverlauf, die Schizophrenie trat bei ihnen gegen Ende der Lehrzeit auf. Bis zu diesem Krankheitsbeginn war einer der beiden völlig unauffällig gewesen, der andere war auch schon als Jugendlicher auffällig, emotional gestört.

SPIEGEL: Wie äußerte sich die Erkrankung?

Kröber: Seit Beginn der Krankheit, die meist keiner so recht bemerkt, zogen sie sich immer stärker von Freunden, Bekannten und Familie zurück. Beide entwickelten ein groteskes Wahnsystem. So hatte einer der beiden auch den Gedanken, von einer ganz anderen, hohen Abstammung zu sein. Die Männer hatten zunehmend ein massives Verfolgungsempfinden. Sie fühlten sich von schwer zu fassenden, unbekannten Mächten bedroht und beobachtet, sie bildeten sich ein, jederzeit Opfer eines Angriffs werden zu können. Für einen der beiden waren unter anderem die Kameras auf dem Bahnsteig ein Auslöser der Tat.

SPIEGEL: Wie kann das sein?

Kröber: Dieser 23-jährige Mann war schon seit Tagen hochgradig erregt und schlaflos. Er traute sich wegen der vermeintlichen Verfolger nicht mehr in seine Wohnung. Am Tattag lief er abends zur Rush-Hour im Menschengetümmel unruhig auf dem Bahnsteig einer großen U-Bahn-Station hin und her, murmelte vor sich hin, schrie aber auch: 'Hitler schuldet mir Geld' und machte andere merkwürdige Äußerungen. Manche Leute schimpften, er solle ruhig sein. Der Mann fühlte sich durch den Trubel noch mehr bedroht. Später, als die Medikamente schon wirkten, erzählte er mir, dass ihm die Kameras an dem Gleis aufgefallen seien. Sie waren in seine Richtung gerichtet und blinkten. In diesem Moment habe er geglaubt, dass die Kameras ihm das Zeichen geben würden, nun eine Tat durchzuführen. Als die Bahn einfuhr, stieß er die nächstbeste Person auf die Schienen.

SPIEGEL: Sind solche Taten immer willkürlich?

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