Evakuierung in Frankfurt Familienbilder auf den Stick, Dokumente aus dem Haus

Es ist die größte Evakuierung in der Geschichte der Bundesrepublik: Wegen einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg müssen mehr als 60.000 Frankfurter ihre Wohnungen verlassen. Elf Betroffene berichten.

Markus Kirchgessner

Von , Frankfurt am Main


Sie wurde erschaffen, um zu zerstören. Eine Detonation hätte alles in ihrem Umkreis in Schutt und Asche gelegt - und sie würde es noch heute tun. Die Druckwelle würde Mauern einreißen und Dächer abdecken. Über Kilometer hinweg hätte sie Auswirkungen auf die Statik von Gebäuden, auf Kabel und Gasleitungen. Doch bisher blieb die Bombe stumm.

Mehr als 72 Jahre schlummerte die britische Fliegerbombe unentdeckt im Untergrund. Über der im Boden verborgenen Luftmine vom Typ HC 4000 wurde sogar wieder gebaut. Erst vergangene Woche wurde sie auf der Baustelle auf dem Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt am Main entdeckt. Aber mit den Jahrzehnten unter der Erde ist sie nicht unbedingt harmloser geworden.

Damit sie für immer schweigt, wird sie vom Kampfmittelräumdienst am Sonntagmittag entschärft. Über 60.000 Menschen müssen dafür vorab in Sicherheit gebracht werden.

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Was sagen die Evakuierten?: "Drei Portionen Hundefutter - vorsichtshalber"

Nur wenige Meter vom Fundort entfernt steht das Haus von Hermann Sandel. Eine Explosion der Bombe würde sein Haus dem Erdboden gleichmachen. Auch wenn er weiß, dass eine Detonation unwahrscheinlich ist, ein mulmiges Gefühl bleibt. "Wir sind gestern erst aus dem Urlaub gekommen und packen nun das Wichtigste zusammen", sagt der 53-Jährige. Für alle Fälle hat er alle Familienbilder auf einem USB-Stick gesichert und schafft sie mit den wichtigsten Dokumenten aus dem Haus. "Ein Restrisiko bleibt schließlich."

Via Twitter rät die Frankfurter Feuerwehr, die Wohnungen am besten so zu hinterlassen, als würde man in den Urlaub fahren. Dazu gehört, die Fenster geschlossen zu halten, Rollläden runter zu lassen und Eingangstüren abzuschließen.

Es ist die größte Evakuierungsaktion der Nachkriegszeit. Wenn es darum geht, die explosive Altlast des Krieges mit einer Sprengstoffmenge von 1300 bis 1400 Kilogramm unschädlich zu machen, gehen auch die Experten vom Kampfmittelräumdienst in Deckung, denn die Entschärfung kann ferngesteuert erfolgen. Durch eine sogenannte Raketenklemme soll der Zünder im Idealfall rausgedreht werden.

In einem Radius von 1,5 Kilometer um den Fundort darf sich dann niemand mehr aufhalten. Auch zehn Altenheime und zwei Krankenhäuser mussten dafür evakuiert werden. Darunter auch die größte Neugeborenen-Station der Stadt. Insgesamt konnten rund 6500 Menschen das Gebiet nicht selbstständig verlassen.

insgesamt 34 Beiträge
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irgendwieundsowieso 02.09.2017
1. Fenster auf!
Wer nicht grad im EG wohnt oder leicht zugängliche Fenster hat, sollte vorne und hinten von der Wohnung diese kippen und die Türen in der Wohnung offen lassen. So vermeidet man ein Bersten der Fenster durch die Druckwelle einer Luftmine - (wenn man nicht im Umkreis von 500 Metern wohnt.... das wär dann auch schon egal.... ) - sollte also doch was daneben gehen. Hoffen wir, dass alles gut abläuft.
Spiegelleserin57 02.09.2017
2. ein lehrreiches Ereignis!
nun wird wieder allen Menschen vorgeführt was es heißt sein Heim mit allem was einem lieb ist zu verlassen. Ein Vorgeschmack was das für die Flüchtlinge bedeutet hat und auch für unsere Eltern die den Krieg erlebt haben. Ob dies nachdenklich stimmt...wer weiß? Erschreckend ist dieser Fund auf jeden Fall denn er zeigt was noch alles unter unserer Erde schlummert und bis heute nicht entdeckt wurde aber immer noch eine Gefahr darstellt. Hier wird wieder sichtbar was Krieg bedeutet für all die die den Krieg nur aus den Geschichtsbüchern kennen. Auch die die den Waffenhandel NUR als einen Wirtschaftsfaktor sehen wie in einem anderen Forum laut kundgetan wurde werden nun sehen was da exportiert wird. Hoffen wir alle dass die Räumdienstleute wieder gute Arbeit leisten und nichts passiert. Ihnen wünsche ich jetzt schon gutes Gelingen und ein herzliches DANKE im voraus!
danieldurchschnitt 02.09.2017
3. deja vu
So ein klein wenig von dem Gefühl, dass die noch nicht an der Front verheizte Zivilbevölkerung erleiden musste, bevor sie durch den Bommbenhagel endgültig befreit wurde. Bomb, bomb bomb, so geht es auch heute noch vor allem in Nahost.
imo27 02.09.2017
4.
Das erinnert daran, was die Menschen in den Städten in Deutschland während des 2. WK durchmachen mussten. Flüchten konnten sie nicht, nur sich verstecken. In den Medien wird das so gut wie nie thematisiert, sondern tabuisiert.
bauerbernd 02.09.2017
5. Kommt nach Eltville
da gibt es freien Eintritt für alle Frankfurter in der Burg und im Freibad
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