Protest gegen Kinderschwund Warum ein Bürgermeister Viagra verteilen will

Viagra per Gemeindedekret: Mit diesem Programm will ein französischer Bürgermeister dem Einwohnerschwund in seinem Dorf begegnen. Meint er das ernst?

Ein Interview von , Paris


Jean Debouzy ist seit 1995 ehrenamtlicher Bürgermeister des Dorfes Montereau im französischen Department Loiret an der Loire. Jüngst erließ der 76-jährige Ruheständler ein Dekret, Viagra-Pillen in seinem Rathaus zu verteilen - wegen des Kinderschwundes am Ort.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Debouzy, warum wollen Sie als Bürgermeister ihren Bürgern Pillen geben, noch dazu Viagra?

Debouzy: Als Bürgermeister kann ich ein Dekret über alles Mögliche erlassen. Die Idee, Viagra-Pillen zu verteilen, kam mir, weil ich die Aufsicht über vier Schulklassen habe. Eine von ihnen soll jetzt aufgrund der zurückgehenden Schülerzahl geschlossen und die Lehrerin versetzt werden. Dagegen wehre ich mich. Unser Präsident Emmanuel Macron hat gerade entschieden, dass keine weiteren Schulen im Land geschlossen werden dürfen, aber er hat nichts über die Klassen gesagt. Seine Politik ist ambivalent.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass Viagra die Kinderzahl in Ihrem Dorf erhöhen kann?

Debouzy: So hat man es mir immer erklärt. Es gibt Väter, die Viagra nehmen, um ihre Fruchtbarkeit zu erhöhen. Mein Dekret betrifft die 18- bis 40-Jährigen. Es ist ein Weckruf, der alle aufrütteln soll. Ich will Wind machen und die Öffentlichkeit alarmieren, damit man mir die Lehrerin nicht wegnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Hat das funktioniert?

Debouzy: Ich habe gerade drei französischen TV-Sendern Interviews gegeben und 22 Interviews mit Zeitungsjournalisten geführt. Ihre Kollegen aus Kanada, Brasilien und Belgien haben sich auch schon gemeldet. Für mich ist das ein Erfolg. Jetzt wird die Schulbehörde ihre Entscheidung hoffentlich ein zweites Mal überdenken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn schon Viagra im Rathaus vorrätig?

Debouzy: Noch nicht. Ein Dekret tritt erst in Kraft, wenn der Präfekt es bewilligt. Das hat der Präfekt verweigert und mir gesagt, ich mache mich lächerlich. Natürlich ist das ein etwas eigenartiges Dekret, natürlich lachen die Nachbarn jetzt. Aber das ist mir egal. Es geht doch auch um Humor, mit dem ich die Behörden auf ein ernstes Thema aufmerksam machen will.

SPIEGEL ONLINE: Welches?

Debouzy: Auf dem Land in Frankreich findet man heute schon kaum einen Arzt mehr. Wir leben in einer medizinischen Wüste. Und jetzt will man auch noch unsere Schulen schrumpfen. Ich selbst bin einst auf einer Dorfschule mit vier Kindern unterrichtet worden und habe später erfolgreich über viele Jahre einen Molkereibetrieb geführt.



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