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INTEGRATION Frau im Fenster

Ihre Eltern kommen vom Schwarzen Meer, sie ist in Westfalen geboren. Yasemin wollte nicht wie eine junge Türkin aufwachsen. Zu deutsch sei sie geworden, klagt ihre Mutter. Dabei weiß sie noch nicht einmal, dass Yasemin als Hure arbeitet. Von Mario Kaiser
Von Mario Kaiser
aus DER SPIEGEL 12/2005

Sie sitzt hinter dem siebten Fenster von links, zwischen der Bulgarin, die vorgibt, eine Türkin zu sein, und dem Deutschen, der vorgibt, eine Frau zu sein. Sie zupft am Saum ihres Negligés, auf dem sich goldene Blumen ranken auf nachtschwarzem Nylon, ausgestanzt, damit ihre Haut in den Blüten zum Vorschein kommt, ihre Lende, ihr Nabel, der Hügel ihrer rechten Brust. Sie lügt, wenn sie ihren Namen sagt. Sie soll Yasemin heißen.

Ihre Augen sind ein göttliches Werkzeug, dunkel und tief, sie dankt Allah jeden Morgen dafür. Sie betont die Konturen mit Eyeliner von Jade, braun 38. Die Schatten darunter, die sie von ihrem Vater hat und von einem Leben mit trostlosen Männern, verbirgt sie mit einem Abdeckstift von Agnès B. Sie sieht durch das Fenster, sucht, fixiert, wartet auf den Moment, auf den Blick. »Mit den Augen«, sagt sie, »mache ich alles. Wenn sie mir in die Augen sehen, gehören sie mir schon.«

Sie ist ein Produkt Deutschlands. Auf ihren Lippen liegt der Glanz von Labello, Gloss & Shine, den kauft sie bei Schlecker, 2,89 Euro. Sie kreuzt die Beine, in die sie Nivea Körperlotion reibt, Q10 plus, hautstraffend. Sie neigt den Kopf und fährt mit der Hand durch ihr Haar, das schwarz ist und lang, mit roten Strähnen, die schimmern wie Spuren von Blut. Ihr Hals riecht nach »Hypnotic Poison« von Christian Dior.

Sie hat ihr Haar niemals bedeckt, und ihren ersten Kuss schenkte sie einem Deutschen. Sie wurde ein Kind Deutschlands und blieb eine Tochter der Türkei. Sie hätte ein Beispiel dafür werden können, dass Integration möglich ist. Es war ein langer Weg vom Mädchen zur Hure.

Sie schiebt eine Zigarette zwischen die Lippen, und durch den Rauch, den sie aushaucht, sieht sie ihn kommen. Sie wirft den Kopf zurück und lächelt, als wollte sie sagen: Ich wusste, du würdest kommen. Sie erhebt sich von ihrem Stuhl und öffnet das Fenster. Lehnt sich hinaus in die Kälte und küsst ihn auf beide Wangen. Er fragt sie auf Türkisch, wie es ihr geht. »Gut«, sagt sie und zieht an der Zigarette, »Dank sei Allah.«

Sie zittert vor Kälte, Asche fällt von ihrer Zigarette. Sie schlingt den Arm um seinen Hals, damit er sie riechen kann, und dann fragt sie ihn, ob er mitkommen will auf ihr Zimmer, Nummer 11, erster Stock links. Sie weiß, was ihm gefällt, und er kennt ihren Preis. Er weicht ihrem Blick aus und löst sich, und sie weiß, dass er zu einer anderen gehen wird heute Nacht. »Ey, Kanake«, ruft sie ihm nach, »lass dich hier nie wieder blicken!« Er dreht sich um und verspricht, ihr die Arme zu brechen. Sie haucht ihm einen Kuss zu und lacht.

Die Straße liegt in rotem Licht, und die Fassaden schimmern wie geschminkt. In den Fenstern sitzen die Frauen wie Puppen, abwesend, starr, als spürten sie die Blicke nicht. Nur die Afrikanerinnen, die vorgeben, aus der Karibik zu kommen, stehen neben ihren Stühlen und tanzen. Es ist Freitagabend in einer Stadt im Ruhrgebiet, und in der Moschee unweit der Straße senkt der Hodscha sein Haupt und preist auf Knien die Größe Allahs.

In der Straße, im siebten Fenster von links, sitzt Yasemin auf ihrem Stuhl und betrachtet die Männer, die hinter der Scheibe auftauchen wie Statisten in einem Stummfilm. Sie stoppen und starren, ältere deutsche Herren mit Kinnbart und Kreppsohlen, und sie weiß, dass sie nur kommen, um sich ihr Bild einzuprägen, bevor sie zum Pissoir am Ende der Straße gehen. Doch bald, wenn sich in der Moschee der Hodscha erhebt und das Freitagsgebet endet, werden sie kommen, ihre türkischen Kunden, und es wird ihnen nicht reichen, ihren Körper nur anzusehen. Es ist ein kurzer Weg von der Moschee in die Straße.

Sie ist eine Provokation, wie sie dasitzt in ihrem Fenster, so unbedeckt und scheinbar schamlos, ein Verrat an den Worten Allahs, des Barmherzigen, der verlangt, die Unzüchtigen auszupeitschen mit 100 Hieben, Sure 24, Vers 2. Sie lässt sie vergessen, was der Hodscha in der Moschee eben noch predigte, und sie begehren sie dafür.

Männer, denen nichts heiliger ist als die Ehre ihrer Töchter und Schwestern, werden sich auf sie pressen, Yasemin, die ihre Tochter sein könnte oder ihre Schwester. Nichts wird mehr heilig sein, wenn das Verlangen in ihnen steigt. Wenn sie für 30 Euro Dinge mit ihr tun, von denen ihre Frauen niemals erfahren sollen, dass es sie gibt. Und am Ende, wenn die Erregung aus ihnen weicht, werden sie ihr die Schuld dafür geben, weil sie es war, die sie rasend machte und vergessen ließ, woran sie glauben.

Sie wissen nichts von ihr, Yasemin, für die es ein langer Weg war in die Straße und die zurückbleiben wird, wenn sie sich von ihr erheben und zurückkehren in ein Leben, das sie hinter sich ließ.

Die Straße, in der Yasemin sie erwartet, liegt in einer grauen, vergessenen Gegend des Ruhrgebiets. Als noch Kohle aus den Stollen kam, wohnten hier Kumpel mit ihren Familien, in Reihenhäusern mit Rauputzfassaden und weißen Gardinen. Jetzt stehen hinter den Fenstern Frauen in allen Farben und Formen, und viele von ihnen können auf Deutsch nicht viel mehr sagen als »Blasen, Fickificki, 30 Euro«. An ihren Enden ist die Straße durch zwei graue Metallwände vom Rest der Stadt abgetrennt, hundert Meter Deutschland. Doch in dieser Nacht ist die Leitkultur türkisch.

Sie fahren in deutschen Autos vor, die Jüngeren in 3er BMW mit Spoilern, breiten Reifen und großen, verchromten Auspuffrohren. Sie hören Türkpop und HipHop, und auch wenn ein eisiger Wind weht, lassen sie die Fenster einen Spalt weit offen, damit man sie von weitem hören kann. Sie parken direkt vor dem Tor, wo das Halteverbot absolut ist und die Aufmerksamkeit maximal. Die älteren Männer steuern ihre Diesel-Mercedes diskret in die Seitenstraßen. An den Innenspiegeln baumeln Miniaturausgaben des Korans.

Die Jungen kommen niemals allein. Sie betreten die Straße in kleinen Gruppen, wie elektrisiert laufen sie an den Fenstern vorbei, aufgedreht von den Dingen, die sie nur im Verborgenen erfahren, der Erregung, dem Alkohol, den Drogen. Sie tragen gegeltes Haar und weiße Wollmützen, die wie Eierschalen ihre Köpfe bedecken. In ihren Ohren stecken die Stöpsel von MP3-Playern, sie halten ihre Handys wie Zepter. Wenn sie vor einem Mädchen stehen, das einer von ihnen schon einmal hatte, dann legt er den Arm um die Schulter des anderen, schlägt ihm mit der Faust auf die Brust und flüstert: »Alter, die hält gut dagegen.«

Die älteren türkischen Männer spazieren durch die Straße, als wären sie zufällig hier gelandet. Sie halten die Hände verschränkt hinter dem Rücken und vermeiden den Blickkontakt mit den jüngeren Türken. Sie

stehen vor den Fenstern und streichen bedächtig über ihren Schnurrbart.

Das Haus, in dem Yasemin arbeitet, ist das erste auf der linken Seite. Es hat zwei Etagen und einen paradiesischen Namen. Yasemins Zimmer liegt im ersten Stock, am Ende eines Gangs, auf dem sie ihre Kunden über einen roten Teppich führt. Ein süßlicher Geruch weht durch das Haus, in Yasemins Zimmer, zehn Quadratmeter klein, vermischt er sich mit dem von kaltem Rauch.

Über ihrem Bett hängt das Bild einer blassen Blondine mit Sommerhut und entblößter Brust. Ein Teddybär lehnt an dem roten Kopfkissen, den schenkte ihr eine Nichte. Daneben liegt ein kleiner rosa Beutel, in den steckt sie das Geld, das die Kunden ihr geben. An der Wand der weiße Schalter, den sie in Notfällen drückt.

Auf ihrem Nachttisch liegen die Dinge, mit denen sie arbeitet: eine schwarze Peitsche, ein Dildo, Modell »Multi-Speed«, mit einem übergestülptem Kondom, ein Körbchen Kondome, »London befeuchtet«. Daneben ein Druckspender mit Gleitcreme Marke »Aqua Glide«, 1000 Milliliter, Penaten-Babyöl-Gel, blütenzart, und eine Rolle Küchenpapier.

Auf dem Boden, neben dem Bett, steht eine Lampe in der Form eines Herzens, sie leuchtet blutrot. Um sie herum hat Yasemin Ein- und Zwei-Cent-Münzen verstreut, das bringt Glück, das macht reich, sagt sie, es ist ein türkischer Brauch. Die Musik, die sie hört, ist türkisch. Sie mag Türkpop, aber ihre große Liebe ist Ferdi Tayfur, ein türkischer Schnulzenkönig mit großem Schnurrbart und gefärbtem Haar.

Vor Yasemins Fenster steht jetzt ein deutscher Mann. Sie küsst ihn auf beide Wangen und umarmt ihn für einen langen Moment. Er ist ein Stammkunde, einer der Männer, die eigentlich kommen, um mit ihr zu reden. »Den hab ich ein bisschen lieb«, sagt sie.

Das Fenster ist der Rahmen, in dem sich Yasemins Bild von den Männern formte, den Türken und den Deutschen. »Die Deutschen sagen guten Abend, wie viel, und fertig«, erzählt sie. »Bei den Türken musst du reden, reden, reden: Wie heißt du denn? Woher kommst du denn in der Türkei? Wie alt bist du denn?« Und wenn sie dann fragen, ob sie hier geboren ist, dann sagt sie: »Nein, ich bin nicht im Puff geboren. Ich bin in Deutschland geboren.«

Die Deutschen fragen, ob sie die Socken auf den Stuhl legen dürfen und ob sie das Bad benutzen dürfen. »Die Deutschen sind zärtlicher«, sagt Yasemin, »die streicheln dich. Die Türken fangen sofort an zu grapschen.« Und sie verlangen mehr als die Deutschen. »Die wollen für 30 Euro Brüste küssen«, sagt sie, »die wollen am liebsten eine ganze Hochzeitsnacht haben.«

Die Gleichgültigkeit, mit der die Türken ihr Leben und das ihrer Frauen gefährden, kann Yasemin schwer ertragen. »Die türkischen Männer«, sagt sie, »wollen fast alle anal. Und jeder Zweite fragt: 'Bläst du ohne Kondom? Fickst du ohne Kondom?' Die denken einfach nicht nach.«

Und hinterher, wenn sie bekommen haben, was sie wollten, urteilen sie über ihr Leben. Dann ist sie nicht mehr die Erfüllerin ihrer Wünsche, sondern die Beschmutzerin ihrer Ehre. Dann fragen sie: Warum machst du das? Hast du keinen Mann? Wissen deine Eltern davon? Schämst du dich nicht?

Sie hört sich das an, es macht sie nicht wütend, nicht mehr. Aber es gibt Grenzen. Wenn Männer kommen, an deren Hals Amulette hängen, in die Suren aus dem Koran eingraviert sind, dann verlangt sie, dass sie die Kette abnehmen. »Wir sind hier im Puff«, sagt sie dann, »aber vergiss nicht, dass du ein Muslim bist.«

Es gibt wenige Kunden, die in ihrer Erinnerung bleiben. Aber einen hat sie nicht vergessen. Er war ein älterer Mann, er war schüchtern und trug einen ehrwürdigen weißen Bart. Er war ein Hodscha. Er stand lange vor ihrem Fenster, bis sie es öffnete und ihn zu sich rief. »Er sagte: 'Ich schäme mich, ich bin zum ersten Mal hier, und ich weiß nicht, wie das geht'«, erzählt Yasemin. Sie fragte ihn: »Wie machst du es denn zu Hause?« Er ging mit auf ihr Zimmer und ließ sich Dinge zeigen, die er noch nie getan hatte. Dann zog er sich an und sagte, sie sei eine Schande für ihre Familie.

Sie liegt auf ihrem Bett, als sie das erzählt. Sie ist müde, sie ist immer müde, weil sie nachts arbeitet und am Tag nicht schlafen kann. Die Ringe unter ihren Augen werden dunkler. Ihre Haare werden langsam grau. Sie ist 29.

Sie zündet sich eine »Marlboro Light« an und sieht dem Rauch nach. Es ist früh am Nachmittag, und die Straße ist leer. Meistens guckt sie dann Videos. Ihr Lieblingsfilm heißt »Ibret«, was so viel bedeutet wie »warnendes Beispiel«, und so wie Yasemin die Geschichte erzählt, könnte es ihre sein. Es ist die Geschichte einer verbotenen Liebe. Eine junge Frau verlässt ihre Familie, weil sie einen Mann liebt, den sie nicht lieben darf. Sie gerät in die Szene und beginnt, als Hure zu arbeiten. Um sie zu finden, taucht ihr Geliebter ein in die Drogenszene, und am Ende finden sie sich. Sie kann diesen Film nicht sehen, ohne zu weinen.

Yasemin wird 1976 in einer westfälischen Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets geboren. Als sie vier Jahre alt ist, entzünden sich ihre Lungen. Im Krankenhaus bekommt sie eine falsche Spritze, und die Folgen sind katastrophal: Sie wird auf einem Auge blind, ihr linker Arm und ihr linkes Bein bleiben teilweise gelähmt.

Sie ist das jüngste von fünf Kindern, und der Vater, der diesen Schlag nie verwindet, entwickelt ein besonders enges Verhältnis zu seiner Tochter. Er glaubt, sie beschützen zu müssen. Yasemin kommt auf eine Behindertenschule, dort ist sie die einzige Türkin. Der Mutter, die strenger ist als der Vater, missfällt das. »Sie wird nicht lange Jungfrau bleiben«, sagt sie zu ihrem Mann. Als Yasemin 16 ist, geht der Vater mit ihr

zum Frauenarzt und bittet ihn, seiner Tochter die Pille zu verschreiben. »Was wollen Sie«, sagt der Arzt, »Ihre Tochter ist doch noch Jungfrau.«

Yasemin wächst freier als andere türkische Mädchen auf. Der Vater zwingt seine Tochter nicht, das Kopftuch zu tragen, auch dann nicht, als seine Brüder ihn dafür anfeinden. Sie darf das Haus ohne ihre Brüder verlassen. Yasemin genießt ihre Freiheiten, sie schminkt sich, sie flirtet. Aber bewahrt ihre Jungfräulichkeit.

Der erste Mann, den sie küsst, ist ein Deutscher. Er geht auf dieselbe Schule. »Meine Mutter hat immer gesagt: 'Du bist zu deutsch, du wirst nie mit einem türkischen Mann zurechtkommen'«, erzählt Yasemin. »Ich habe nicht eingesehen, dass ich eine Türkin bin.«

Als Yasemin 18 ist, verliebt sie sich in einen Kurden, der zehn Jahre älter ist. Ihre Eltern sind gegen die Beziehung. Yasemin nimmt ihr Schminkzeug und die 850 Mark, die sie für den Führerschein gespart hat, und haut ab.

Der Kurde ist Yasemins Vater zu konservativ, er fürchtet, dass er versuchen wird, eine traditionelle türkische Ehefrau aus seiner Tochter zu machen. Er weiß, dass Yasemin früher oder später ausbrechen würde. Doch Yasemin ist entschlossen, und als die Eltern merken, dass sie ihre Tochter verlieren, willigen sie ein in die Hochzeit.

Yasemin wird die Leibeigene ihres Mannes. Sie muss sich verschleiern und darf kein Make-up mehr tragen. Sie darf das Haus nicht allein verlassen. Wenn sie ihrem Mann widerspricht, schlägt er sie.

Er entjungfert sie, er zeigt ihr Pornos und bringt ihr die Stellungen bei, die ihm gefallen. Aber eine Ausbildung darf sie nicht machen. »Er hatte Angst, dass ich zu selbstbewusst werde«, sagt Yasemin. »Nicht mal für ihn durfte ich Dessous tragen, weil er Angst hatte, ein anderer könnte mich so sehen.«

Acht Monate hält sie es aus. Dann haut sie ab.

Drei Monate nach der Trennung lernt Yasemin in einer Discothek einen Türken kennen. Er arbeitet nicht, aber er fährt einen BMW. Er führt sie zum Essen aus und macht ihr teure Geschenke. Sie fragt ihn, wo das Geld herkommt. Er fährt mit ihr zum Straßenstrich nach Essen. Zeigt auf zwei Frauen und sagt: »Die arbeiten für mich.«

Yasemin lebt vom Sozialamt in dieser Zeit, und sie will nicht länger abhängig sein von ihrem neuen Freund. Ein halbes Jahr vergeht, dann bittet sie ihn, mit ihr nach Essen zu fahren. Sie fahren zum Straßenstrich, sie betrachten die Mädchen, und Yasemin sagt: »Das will ich auch.« Sie denkt, es ist leicht verdientes Geld.

Ihr Freund lässt es geschehen, aber das Geld, das Yasemin verdient, rührt er nicht an. Damit er sagen kann, er habe mit der Sache nichts zu tun. »Ich hab mich einfach da hingestellt und die Frauen gefragt, wie das geht«, erinnert sich Yasemin. »Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wo man mit den Männern hinfährt und was man mit denen macht.«

Die neuen Mädchen fallen immer sofort auf, doch Yasemin sticht hervor. Sie stellt sich in Hose, Pullover und Mantel an die Straße. »Ich konnte nicht so dastehen wie die anderen«, sagt sie. »Ich wollte ganz normal sein.«

Ihr erster Kunde ist ein Türke. Sie hat sein Gesicht nie vergessen. »Er war eigentlich ganz zärtlich«, sagt Yasemin und meint, dass er nicht grob war. »Er sagte nur 'Mach!' und lehnte sich zurück. Er hat mich nicht mal angefasst.«

Am Anfang kommt ihr jeder Kunde schmutzig vor. »Für mich haben die alle gestunken«, sagt Yasemin. Zu Hause nach ihrem ersten Tag kann sie ihren Freund nicht küssen. Drei Stunden lang steht sie unter der Dusche. »Das bist du nicht«, sagt sie sich, »das kannst du nicht sein.«

Die ersten zwei Monate sind hart. »Danach«, sagt sie, »war es Routine.« Nur an die älteren türkischen Männer kann sie sich nicht gewöhnen. »Dann

denke ich, das könnte mein Vater sein«, sagt sie.

Eines Nachts, als sie an der Straße steht und auf Kunden wartet, bemerkt Yasemin, wie ein Wagen immer wieder an ihr vorbeifährt. Der Wagen hält, und sie sieht drei junge Türken in ihm sitzen. Sie hat kein gutes Gefühl, aber sie steigt ein. Sie fahren eine Weile umher, dann halten sie an.

»Du gehörst da nicht hin«, sagt einer. »Was geht euch das an?« »Du könntest unsere Schwester sein.« »Und wissen eure Schwestern, dass ihr in den Puff geht?« »Was verdienst du am Tag?« »Tausend Mark.«

Sie geben ihr tausend Mark und sagen, sie solle nach Hause gehen.

Ihre Eltern ahnen lange Zeit nicht, womit Yasemin ihr Geld verdient. Dann sieht sie ein Onkel im Puff. Er schickt einen Neffen vor, der sagen soll, er habe Yasemin im Puff gesehen. Doch Yasemin kommt ihm zuvor. Sie besucht ihren Vater und sagt es ihm. Sie sitzen lange zusammen und schweigen. »Ich möchte darüber nichts wissen«, sagt der Vater, Tränen in seinen Augen. »Aber pass auf, dass dich niemand sieht.« Der Mutter sagen sie nichts.

Zwei Tage später spricht sie noch einmal mit ihrem Vater. Jetzt reden sie, erst auf Türkisch, dann auf Deutsch, weil es ihr leichter fällt, auf Deutsch davon zu erzählen. Der Vater bietet ihr eine Zigarette an, aber sie lehnt ab. Sie kann vor ihm nicht rauchen, es wäre respektlos. Und sie kann ihm nicht mehr in die Augen sehen, wenn sie seine Hand küsst.

Manchmal hat sie Träume. Sie erzählt dann von ihrer Idee, einen Puff nur für türkische Frauen zu führen. Was sie sich wirklich wünscht, ist eine Familie. »Manchmal«, sagt sie »sitze ich auf meinem Zimmer und heule und frage mich: Was machst du hier? Warum hast du keine Kinder?«

Sie spürt, wie ihr Körper leidet. Sie schnupft jetzt weniger Kokain, aber sie konnte nie ganz davon lassen.

Sie nimmt jetzt den Spiegel und legt ihn auf das rote Kopfkissen auf ihrem Bett. Öffnet das Päckchen und schüttet das Pulver auf den Spiegel. Nimmt ihre Sparkassenkarte und mahlt es fein, schiebt das Pulver zusammen zu einer Linie. Führt das Röhrchen in ihr linkes Nasenloch und saugt die Linie auf. Dann streckt sie die Zunge heraus und leckt den Rest von der Karte.

Es ist spät am Abend, als der Vater sie anruft. In das Haus der Familie in der Türkei wurde eingebrochen. Die Möbel wurden zerschlagen. Yasemin weiß, wer es war. Bei ihrem letzten Besuch im Dorf gab einer ihrer Cousins ihr ein Zeichen, sie solle ihn anrufen. Sie tat es, und er sagte: »Ich liebe dich.« Er wollte sie als zweite Frau haben. Sie wies ihn zurück, und er rächte sich.

Das Dorf, aus dem Yasemins Vater stammt, liegt etwa 60 Kilometer entfernt vom Ufer des Schwarzen Meeres. Eine schmale Straße führt hinauf in die Berge, durch eine karge, blassbraune Landschaft. Dort, am Ende eines Schotterweges, steht das Haus der Familie.

Yasemin erinnert sich gern, wie sie im Sommer immer in die Türkei fuhren. Sie presste dann die Nase ans Fenster, und wenn sie ein Auto mit deutschem Kennzeichen sah, winkte sie, weil es wie ein Gruß aus der Heimat war. Auf ihrem Handy hat sie ein Bild vom letzten Sommer, den sie in ihrem Dorf verbrachte. Sie trägt Kopftuch darauf. Sie tat es freiwillig, und sie empfand es als befreiend.

Wenige Tage nach dem Einbruch entschließen sich Yasemins Eltern, in die Türkei zu fliegen. Sie wollen nach ihrem Haus sehen und den Cousin zur Rechenschaft ziehen. Jeden Abend verlässt Yasemin die Straße, in der sie arbeitet, und geht in einen Call-Shop und ruft ihren Vater an. Es sind laute Gespräche. Sie bittet ihn, kommen zu dürfen. Er verbietet es ihr.

Als die Polizei den Cousin verhaftet, darf Yasemin kommen. Es ist einer der letzten Tage im Januar, und überall im Land wird Kurban Bayrami, das Opferfest der Muslime, gefeiert. Früh am Morgen, es ist noch dunkel, geht der Vater in die mintgrüne Moschee und betet mit den anderen Männern aus dem Dorf. Yasemin begleitet ihn nur bis zum Eingang. Sie hat ihre Tage, sagt sie, »und Gott sieht das«.

Überall im Dorf hängen geschlachtete Kühe und Schafe an den Bäumen. Neben der Moschee häuten Männer mit langen Klingen eine Kuh, der Kopf liegt abgetrennt daneben. Blut tropft von den Händen der Männer, in den Straßen fließen rote Rinnsale. »Wenn ich in mein Dorf komme«, sagt Yasemin, »fühle ich mich leichter.« Sie kann mit den Leuten einfacher reden, sie kann sich in ein Café voller türkischer Männer setzen, in Deutschland kann sie das nicht. »Hier fühle ich mich freier«, sagt sie, »auch wenn ich in Deutschland sehr frei lebe.«

Manchmal denkt sie daran, für immer im Dorf ihres Vaters zu bleiben. Sie erinnert sich, sie war 14 damals, als in Deutschland ein Mann auf der Straße zu ihr sagte: »Guck dir die Ausländerin an, und behindert ist sie auch noch. So was hätte man früher im KZ vergast.« Das hat sie nie vergessen.

Das Schaf, das für Yasemin geschlachtet wird, hat einen schwarzen Kopf und grüne Augen. Es ist ein schönes Schaf, und jetzt, wo es vor Yasemins Augen zerhackt wird, tut es ihr leid. Sie tunkt ihren Zeigefinger in das Blut, das aus dem abgeschnittenen Kopf läuft, und tupft es auf ihre Stirn. Sie darf sich jetzt etwas wünschen, und sie tut es: dass sie eines Tages hier leben wird.

Sie nimmt die Hand ihres Vaters und küsst sie. Sie sieht ihm nicht in die Augen.

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