Frauenschicksale im Irak Verschleppt, vergewaltigt, verachtet

Der wahre Herrscher im Irak ist die Gesetzlosigkeit. Immer häufiger jagen Kriminelle Frauen und Kinder, ohne dass sie dafür belangt werden. Nun hat eine Menschenrechtsgruppe die Fälle brutaler Vergewaltigungen und Entführungen in Bagdad dokumentiert.
Von Lars Langenau

Hamburg - Sanarija ist so verspielt, wie es andere Kinder mit neun Jahren auch sind. Doch Sanarija darf nicht mehr auf die Straße. Nachts hat sie Alpträume, berichten Reporter der "New York Times", die sie zu Hause besucht haben.

Denn Sanarija wurde brutal vergewaltigt - mitten in Bagdad, an einem Nachmittag Ende Mai, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentiert. Da saß sie auf den Stufen vor dem Haus, in dem ihre Familie lebte. Ein Fremder verschleppte sie in ein nahe gelegenes, verlassenes Gebäude. Auf Nachbarn, die sahen, wie er das Mädchen verschleppt, schoss der Unbekannte. 15 Minuten später kam Sanarija weinend wieder aus dem Haus. Ihr Unterleib blutete.

Das Mädchen wurde in ein staatliches Krankenhaus gebracht, doch dort verweigerte man ihm eine Untersuchung. Anschließend wurde Sanarija ins Gerichtsmedizinische Institut gebracht. Doch auch das lehnte weitere Untersuchungen ab - es lag keine offizielle ärztliche Überweisung vor.

Als sie drei Tage später noch immer blutete, brachte ihre Familie sie zu einem amerikanischen Militärarzt. Der diagnostizierte Quetschungen im Vaginalbereich des Mädchens und ein durchstoßenes Jungfernhäutchen.

Human Rights Watch  hat Sanarijas Fall dokumentiert. Insgesamt listet die amerikanische Menschenrechtsgruppe 25 Fälle von Vergewaltigungen und Entführungen auf, die sich in jüngster Zeit in Bagdad zugetragen haben. Die Gruppe befragte in 70 Interviews Vergewaltigungs- und Entführungsopfer, irakische Polizeibeamte, Beamte des Gesundheitssystems sowie Mitglieder der US-Militärpolizei und zivile Beamte.

Ihr Bericht ist eine Dokumentation des Versagens der irakischen Nachkriegsbehörden und der US-Besatzungstruppen.

Die Entführung von Muna

Dazu zählt auch der Fall von Muna, deren richtiger Name hier keine Rolle spielen soll: Anfang Juni konnte das 15 Jahre alte Mädchen aus einem Haus nahe Bagdad fliehen. Sie wurde dort mit zwei Schwestern und sieben weiteren Kindern einen Monat lang festgehalten. Die vier Entführer und eine Frau, von der sie sagt, sie sei die Freundin oder Frau einer der Männer, haben sie geschlagen - bevorzugt mit einem Plastikschlauch.

Am zweiten Tag ihrer Entführung wurde Muna von ihren Geschwistern getrennt und konnte nur noch hören, wie sich alle Männer an ihrer 16-jährigen Schwester vergingen. Im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern wurde Muna nicht vergewaltigt - der älteste der Männer habe dies verhindert.

Muna ist davon überzeugt, dass sie an Menschenhändler verkauft werden sollte. Denn immer wieder kamen Männer in das Haus, hätten die Kinder betrachtet und dann mit ihren Entführern um den Preis gefeilscht. Die potenziellen Käufer hätten ihr immer wieder gesagt, dass sie nicht weinen solle. Schließlich warte auf sie ein schönes Leben als Tänzerin.

Doch in einem unbewachten Moment konnte Muna fliehen und erreichte irgendwann amerikanische Soldaten, die sie zur irakischen Polizei brachten. Doch dort wurde das Mädchen nicht einmal befragt. Ihre Geschwister und die anderen Kinder, befürchtet Muna, sind an einem anderen Ort vielleicht noch immer in Gefangenschaft - oder mittlerweile verkauft.

17 Seiten über das Versagen der Sicherheitskräfte

In dem 17-seitigen Bericht "Climate of Fear: Sexual Violence and Abduction of Women und Girls in Baghdad"  legt Human Rights Watch schonungslos offen, wie die herrschende Straflosigkeit in der chaotischen Nachkriegszeit bei vielen irakischen Frauen und Kindern zu einer tiefen Angst vor Entführungen und Vergewaltigungen geführt hat.

"Frauen und Kinder in Bagdad haben so große Angst, dass viele nicht in die Schule oder zur Arbeit gehen", sagte Hanny Megall, Direktor der Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika von Human Rights Watch. Die "New York Times" berichtet, dass immer mehr Verwandte ihre Kinder direkt vor den Toren der Mädchenschulen in Bagdad abholen. Mittlerweile würden sich nach Schulschluss richtige Autoschlangen bilden.

Das Vertrauen der Eltern in die neue staatliche Autorität ist einfach nicht vorhanden. Und Vergewaltigung gilt in arabischen Gesellschaften als Schande - für die Opfer. Die Frauen und Mädchen erhalten in der Regel keine Hilfe um ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten zu können. Vielmehr werden die geschändeten Opfer in ihrer Familie und Nachbarschaft zu Ausgestoßenen.

"Schlimmer als der Tod"

"Für die Familie der Frau ist das schlimmer als der Tod", zitiert die "NYT" die Bagdader Gynäkologin Chulud Jounis. So würden immer wieder Vergewaltigungsopfer nach ihrer Rückkehr von Verwandten ermordet. Denn erst mit der archaischen Tat der "Honor killings" könne nach alter Stammestradition die Ehre der Familie wieder hergestellt werden. Der Vater oder die Brüder des Opfers würden diesen Mord oft als ihre Pflicht begreifen, sagt Jounis. Und spätestens nach sechs Monaten Haft seien sie eh wieder frei.

"Wenn die irakischen Frauen wirklich eine Rolle in ihrer Gesellschaft spielen sollen, muss sich die Sicherheitslage verbessern", fordert Megally. Nach Ansicht von Human Rights Watch schenkt die lokale Polizei Anzeigen wegen sexueller Gewalt und Entführung nur wenig Aufmerksamkeit und behandelt die Opfer oft gleichgültig oder diskriminierend.

Die Organisation kritisiert auch die bürokratische Odyssee, der Frauen und Kinder ausgesetzt sind, wenn sie eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen wollen. Auch deshalb gebe es eine hohe Dunkelziffer, meinen die Menschenrechtler.

Zudem zeigt der Bericht auch das Scheitern der US-Militärpolizei, die nicht dazu in der Lage ist, die Lücke zu füllen. Human Rights Watch fordert als erste Maßnahmen die zügige Umsetzung von rechtlichen Reformen, Umschulungen für Polizisten und die Einführung von medizinischen Diensten.

Bis die irakischen Behörden selbst dazu in der Lage sind, sollten die USA eine spezielle Kommission einsetzen, die sexuelle Gewalttaten und Menschenhandel von Frauen und Kindern untersuchen würde.

Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht wie Bernard B. Kerik, früher bei der New Yorker Polizei und nun Berater des irakischen Innenministeriums, machen andererseits die Kultur die Iraker dafür verantwortlich, dass viele Fälle von verschwundenen Angehörigen überhaupt nicht gemeldet würden.

Sanarija kann auch fast zwei Monate nach der Vergewaltigung nicht mehr richtig schlafen, schreibt die "New York Times". Und die Mutter lässt ihre neunjährige Tochter seit der brutalen Vergewaltigung nicht mehr aus dem Haus.

Der Irak mag befreit sein, Sanarija ist es nicht.

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