Freigelassene Geisel Auswärtiges Amt plant keine Regressforderung gegen Osthoff

Kaum ist Susanne Osthoff aus ihrer Geiselhaft im Irak freigekommen, kursierten Meldungen über Geldforderungen der Regierung. Die könnten theoretisch erhoben werden - sind aber praktisch unwahrscheinlich.


Hamburg - Das Auswärtige Amt plant nach Informationen von SPIEGEL ONLINE keine Regressforderungen gegen Susanne Osthoff. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte SPIEGEL ONLINE, dass es "keinerlei Überlegungen" für eine Rechnung an Frau Osthoff gebe. "Für uns spielen die Kosten zur Zeit überhaupt keine Rolle", sagte der Sprecher, "im Vordergrund steht die Freude über die Freilassung."

Am Montag kursierten zunächst Gerüchte, wonach Osthoff nun für die im Amt entstandenen Krisen-Kosten zur Kasse gebeten werden könnte. "Wir entscheiden im Einzelfall, ob irgendwelche Kosten erstattet werden müssen", hatte die "Financial Times Deutschland" einen Sprecher des Auswärtigen Amts zitiert.

Doch zu dem Einzelfall Osthoff äußerte sich der Sprecher explizit nicht. Das Ministerium bemühte sich um Klarstellung: Der Nachrichtenagentur AP sagte ein Sprecher des Außenamtes, es gebe gar keine "Kosten, die nachweisbar belegt sind". Es sei gängige Praxis, dass die Arbeit des Krisenstabes und die Mehrarbeit der Botschaft nicht in Rechnung gestellt würden. Allerdings könnten von der aus der Geiselhaft im Irak freigelassenen Archäologin Flugkosten eingefordert werden. Bisher sei aber kein Flug für Osthoff bezahlt worden.


Die Spekulationen um Regressforderungen des Auswärtigen Amtes basieren auf einem theoretischen Gedankenspiel: Nach dem Konsulargesetz kann sich das Auswärtige Amt Hilfsleistungen für Deutsche im Ausland bezahlen lassen. "Der Empfänger ist zum Ersatz der Auslagen verpflichtet", heißt es dort. In der Praxis gibt es aber einen Ermessensspielraum.

Tatsächlich hatte sich der Krisenstab des Auswärtigen Amts und die Botschaft in Bagdad in den vergangenen drei Wochen rund um die Uhr um die Freilassung Osthoffs bemüht.

Ein Ansatzpunkt für die Spekulationen über eine mögliche Rückzahlung war der Fall der auf der Insel Jolo entführten deutschen Familie Wallert. Damals forderte die Bundesregierung knapp 13.000 D-Mark von der Familie ein.

Der Hintergrund des damaligen Entführungsfalls war jedoch anders. Zum einen war die Befreiung der Familie Wallert allein durch die Länge der Verhandlungen auch kostenintensiver als im Fall Osthoff. Vor allem aber war es den Beamten im Auswärtigen Amt zu Ohren gekommen, dass die Familie durch einen Exklusiv-Vertrag mit einem Magazin Honorare eingenommen hatte. Aufgrund dieser Ausgangslage entschied man sich für die Forderung nach einer Zahlung an die deutschen Behörden. Der Vater der Familie spendete schließlich das Honorar und auch den Erlös aus der Veröffentlichung seines Buchs über die Geiselnahme.

Osthoff will sich abschotten

Abseits der angeblichen Rückzahlung war in Berlin am Montag kaum etwas über Susanne Osthoff zu erfahren. Nach 23 Tagen in der Gewalt irakischer Kidnapper kommt die Ex-Geisel zunächst nicht nach Deutschland. Im Ausland will die Archäologin zunächst einige Tage in Ruhe mit ihrer Tochter verbringen. Die 43-Jährige werde den Irak "in allernächster Zukunft" verlassen, sagte Außenamtssprecher Martin Jäger. Sie wünsche aber vorerst keinen Kontakt mit der Öffentlichkeit und werde deshalb "vermutlich zunächst nicht nach Deutschland zurückkehren".

Aus Diplomatenkreisen war zu hören, dass es Frau Osthoff relativ gut gehe. Nach ihrer Ankunft in der deutschen Botschaft am Sonntagvormittag habe sie nicht geklagt und soll auch nicht besonders mitgenommen gewirkt haben. Allerdings sei sie von der medialen Aufmerksamkeit überrascht gewesen und hätte deshalb gebeten, dass sie zunächst keinen Kontakt zur Öffentlichkeit wolle.

Über ihre Erfahrungen in der Geiselhaft berichtete sie zunächst in einem langen Gespräch dem deutschen Botschafter. Am Montagvormittag telefonierte sie dann auch mit dem Leiter des Krisenstabs. In dem Telefonat bedankte sie sich ausdrücklich für die Hilfe der Bundesregierung.

Das Schicksal des Fahrers der deutschen Archäologin ist noch ungewiss. "Die Entführer haben zugesichert, den Fahrer auf freien Fuß zu setzen", bekräftigte Jäger zwar, fügte aber hinzu: "Er hat sich bislang bei der deutschen Botschaft nicht gemeldet." Die Hintergründe der Entführung sind weiter unklar.

"Es muss ein Deal stattgefunden haben"

Ob Lösegeld gezahlt wurde, ist ebenfalls offen. Experten zufolge ist dies aber wahrscheinlich. "Eigentlich zahlen alle Lösegelder, die Geiseln frei bekommen haben", sagte der Nahostexperte Peter Scholl-Latour heute der Nachrichtenagentur AP. Das Geld könne zum Beispiel über karitative Organisationen im Irak gezahlt worden sein. "Es muss irgendein Deal stattgefunden haben", sagte auch der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven. Über den konkreten Fall sprachen beide nicht.

Beide Fachleute vermuten sunnitische Nationalisten oder Kriminelle als Täter. "Bei aller Vorsicht deutet vieles in diese Richtungen", sagte Tophoven. Die Terrorgruppe um den jordanischen Extremisten Abu Mussab al-Sarkawi scheide dagegen aus. Es sei nicht wie üblich ein zweites Video veröffentlicht worden, auf dem die Geisel um ihr Leben flehe.

Geisel an andere Entführergruppe verkauft?

Einem Zeitungsbericht zufolge soll Osthoff während ihrer knapp dreiwöchigen Verschleppung an eine andere Entführergruppe übergeben worden sein. "Wir wissen, dass die Entführer anfangs eine kriminelle Gruppe waren, die nur auf Lösegeld aus war", sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elyas, der "Mitteldeutschen Zeitung". "Diese erste Gruppe hat Frau Osthoff an eine islamisch orientierte Gruppe 'verkauft'."

Die zweite Gruppe habe dann aber festgestellt, dass Osthoff nichts mit Spionage zu tun habe, und das Interesse an ihr verloren. "So kam es zu der schnellen Freilassung." Elyas berief sich auf eigene Informationsquellen im Irak. "Wir haben Bekannte und Kontaktpersonen, von denen wir Informationen bekommen." Eine offizielle Bestätigung für die Angaben gibt es bislang nicht. Mehrere Beamte mit Kenntnis von dem Geiseldrama sagten zudem, dass sie von dieser Version noch nichts gehört hätten.

Lob fürs Krisenmanagement

Bundeskanzlerin Angela Merkel sei erleichtert über die Freilassung, sagte Regierungssprecher Thomas Steg. Die Kanzlerin habe die hochprofessionelle Arbeit des Krisenstabs im Auswärtigen Amt und seines Leiters, Staatssekretär Klaus Scharioth, ausdrücklich gelobt. Das Krisenmanagement der Bundesregierung wurde auch von CSU-Chef Edmund Stoiber, sowie den Vorsitzenden von FDP und Grünen, Guido Westerwelle und Claudia Roth gelobt.

Zu den Hintergründen der Entführung und der Freilassung wollte sich die Regierung nicht äußern. Das sei "im Interesse aller derjenigen, die geholfen haben, das Problem zu lösen", sagte Innenminister Wolfgang Schäuble. Außenamts-Sprecher Jäger sagte lediglich: "Sowohl die Bundesregierung als auch die deutsche Botschaft hatten etwas mit dieser Freilassung zu tun."



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