Freigelassene Geisel "Die tapferste Frau, die ich erlebt habe"

Susanne Osthoff missachtete Gefahren, um helfen zu können. Sie kannte keine Angst und keine Ruhe, ständig zog es sie in den Irak. Dafür ließ sie sogar den Kontakt zur Heimat und zur Familie weitgehend abreißen.


Frankfurt/Main - Die freigelassene Susanne Osthoff muss eine besondere Frau sein. Glaubt man denen, die sie kennen, ist sie tapfer, mutig, und tatkräftig. Um im Irak zu helfen, ließ sie sogar den Kontakt zur Heimat und zur Familie weitgehend abreißen.

Die 43-jährige Archäologin, die den Irak und seine Menschen als junge Studentin kennen und lieben lernte, lebte ganz ihre Aufgabe - und sie missachtete Gefahren, um helfen zu können.

Das Bild der Susanne Osthoff setzt sich aus vielen Facetten zusammen. Die Studentin der vorderasiatischen Archäologie und Semitistik schrieb eine Magisterarbeit mit dem Titel "Der Spiegel im Vorderen Orient", unternahm mehrere Studien- und Ausgrabungsreisen in die Türkei, nach Syrien, Tunesien, Jordanien, Algerien, Marokko, Ägypten, in den Irak und den Jemen und durchquerte zwei Mal mit dem Motorrad die Sahara.

Sie kannte sich aus mit Kultur und Sprachen des Nahen Ostens. Hinzu kam die Ehe mit einem jordanischen Araber, aus der eine heute elfjährige Tochter hervorging, die nach der Scheidung in Deutschland lebt. In Glonn, einem Dorf westlich von München, ist Osthoff den meisten Menschen kein Begriff, obgleich die 43-Jährige eine gewisse Bekanntheit erlangte. 2003 erhielt die unermüdliche Helferin einen Preis für Zivilcourage.

"Die wollten, dass ich bei Aldi arbeite"

Im Frühjahr desselben Jahres war sie, mit dem Lkw voller Medikamente von Damaskus kommend, die erste Privatperson aus dem Westen, die kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner Bagdad erreichte. "Sie ist absolut durchsetzungsstark", charakterisierte sie der Tropenmediziner Folke Hess vom Medikamentenhilfswerk action medeor.

Der Archäologie-Experte Roger Atwood, mit dem sie im altbabylonischen Isin südlich von Bagdad unter Einsatz ihres Lebens die alten Ausgrabungsstätten ihres Studiums besuchte, nannte sie "die tapferste Frau, die ich jemals erlebt habe". Osthoff selbst war nur traurig, weil sie das Grabungsfeld kaum wiedererkennen konnte. Zu brutal hatten Plünderer gewütet.

Die Archäologin, Helferin und Krankenschwester ohne Ausbildung ist gebürtige Münchnerin und nimmt es hin, dass die Familie wenig Verständnis für ihre gewagten und von manchem als eigensinnig empfundenen Aktionen hat: "Die wollten, dass ich bei Aldi arbeite", beschwerte sie sich im März 2004 in einem Interview. Ihre Mutter Ingrid Hala hatte kurz nach der Entführung gesagt: "Man kann sie nicht zwingen, hier zu bleiben. Die Angst war immer da, ich hab schon immer Sorgen unterdrücken müssen." Die 62-Jährige fügte damals hinzu: "Ich hoffe, dass wir sie so heil wiedersehen wie auf den Bildern hier."

Die Hoffnung wird sich erfüllen, denn Susanne Osthoff ist auch nach mehr als dreiwöchiger Geiselhaft nach Angaben der Bundesregierung in guter körperlicher Verfassung.

Niemand konnte sie zurückhalten

Der Onkel der Freigelassenen, Peter Osthoff, hatte "schon immer im Hinterstüberl gehabt, dass so was passieren kann". Denn sie habe immer gefährliche Sachen gemacht. Zwar sei es die Spitze, wenn sich jemand so einsetze. Aber es sei auch klar, dass die Mutter habe. Und er wunderte sich kurz nach dem Bekanntwerden der Entführung, dass sie sich so zurückgezogen hat: "Mit der gesamten Verwandtschaft hat sie fast keinen Kontakt mehr gehabt." Der Onkel weiß nicht einmal, wo Susanne Osthoffs Tochter lebt, die am vergangenen Dienstag (13. Dezember) zwölf Jahre alt geworden sein soll. "Sie müsste in einem Internat sein, was man so gehört hat", sagte Peter Osthoff.

Der Glonner Bürgermeister Martin Esterl lernte Susanne Osthoff im März 2003 kennen, als sie mit einem alten VW-Transporter zu einer Hilfslieferung in den Irak aufbrach. Bis obenhin voll gestopft mit Medikamenten und Lebensmitteln sei das Fahrzeug gewesen. "Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Zielstrebigkeit und Konsequenz sie ihre Ziele verfolgt hat. Ich hatte den Eindruck, dass sie niemand von ihrem Ziel abbringen konnte", sagte Esterl. Vier Jahre lang habe sie in Glonn gewohnt. Am Dorfleben habe sie nicht teilgenommen.

Esterl nannte Osthoff eine Nomadin, eine Wanderin zwischen den Welten. "Ich habe den Eindruck gehabt, dass sie von ihrem Denken und Fühlen mehr drunten im Irak war als bei uns", sagte der Bürgermeister. Sie sei entschlossen gewesen, den Menschen im Irak zu helfen, obwohl sie die Gefahren ganz klar gesehen habe. Man könne nur "hoffen, dass sie da gut raus kommt", sagte Esterl vor drei Wochen. Seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht.

Thomas Seythal/ap



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