Elterncouch Freunde-Bücher - die Zeitfresser aus der Kita

Begraben unter Freunde-Büchern: Manchmal hilft nur radieren
Illustration: Michael Meißner

Begraben unter Freunde-Büchern: Manchmal hilft nur radieren

Von Tilda Beck


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich zwei Mütter und ein Vater regelmäßig auf die Elterncouch.

    Tilda Beck schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.
Kenner nennen sie lässig "FB", Eltern nutzen sie als Spionage-Tool: Freunde-Bücher für Kindergartenkinder können eine Qual sein. Vor allem, wenn die Antworten der Mama überhaupt nicht gefallen.

Ich frage meinen Sohn: "Eddie, du isst doch gerne Maiskolben, oder?"

"Nein, Schokolade!"

"Aber doch nicht zu Mittag. Sag bitte etwas anderes."

"Kaugummi!"

"Nein, etwas anderes. Alles außer Süßigkeiten."

"Kacka!"

"Ok, ich schreibe jetzt Maiskolben."

Regelmäßig muss ich mit meinen Kindern Unterhaltungen wie diese führen. Das liegt an der Neugier der Leute. Ich könnte jetzt auf Facebook posten: "Eddie isst gern Maiskolben". Ich habe sogar einige Facebook-Kontakte, die regelmäßig Bilder von ihren Kindern veröffentlichen. Die meisten Eltern tun das nicht. Die meisten finden, Kleinkinder haben im Spionage-Netzwerk nichts verloren. Datenschutz und so.

Doch die Neugier bleibt. Mütter wollen wissen, ob Eddie Maiskolben isst oder vielleicht doch Nutella-Toast bekommt. Ob die anderen Kinder schon ihren Namen schreiben können. Hat Familie P. ihren Urlaub auf Phuket verbracht oder reichte es bloß für das Evangelische Feriendorf? Kennen die Kita-Freunde die Cartoons auf Super RTL? Mütter müssen diese Dinge wissen, um die eigene Erziehungsarbeit zu bewerten.

Um diesen Spionage-Drang zu befriedigen, wurde etwas erfunden, das nur Eltern von Kleinkindern kennen. Eine kleine Pest, die dem Rest der Welt verborgen bleibt, ein sinnloser Zeitfresser, der wie das soziale Netzwerk Daten über unsere Kinder sammelt und von Eingeweihten ebenfalls "FB" abgekürzt wird. Das Freunde-Buch.

Damit war das Freunde-Buch versaut

Sie wissen nicht, was das ist? Stellen Sie sich ein Poesie-Album vor, ohne Gedichte, dafür mit Fragebögen. Meist zieren diese Bände Helden aus Filmen oder Büchern, es gibt sie in Hunderten Variationen. Die Kinder müssen ihre Kontaktdaten, Geburtstage und körperlichen Merkmale eintragen und dann persönliche Vorlieben aufzählen: Was sie essen, womit sie spielen, wie sie sich verkleiden, welche Kinofilme sie gesehen haben. Lieblingstier, Lieblingsfarbe, Lieblingslied. Abschließend müssen die Aussagen mit einem Fingerabdruck unterschrieben werden.

Machen wir uns nichts vor: Kinder zwischen drei und fünf Jahren sind nicht so distinktive Individuen, wie die Eltern es gern hätten. So ziemlich alle mögen Lillifee und Puzzle beziehungsweise Dinosaurier und Piratendolche. Einhundert Prozent der Kinder steht auf Pommes und Limonade. Vor allem aber können Kleinkinder weder schreiben noch lesen, was bedeutet, dass Freunde-Bücher eine reine Eltern-Veranstaltung sind. Zwischen den Zeilen der Steckbriefe kann man ihre Ambitionen lesen: Schaut her, mein Vierjähriger weiß bereits, was ein Archaeopteryx ist. Übrigens, meine Kleine macht schon Ballett. Und wir sind neulich vier Wochen mit dem Wohnmobil durch Kalifornien getourt.

Manchmal stapeln sich die Dinger wochenlang in unserem Haushalt, weil die Kinder keine Lust haben, sich von mir verhören zu lassen. Dann drängeln die anderen Mütter per SMS: "Habt ihr eigentlich noch Leonies Freunde-Buch? Sie vermisst es schon ganz doll :-)" Ich stelle also den Kindern Suggestiv-Fragen, um dann die Steckbriefe so auszufüllen, wie es mir passt. Das läuft ab wie in einem Verhör, in dem man die Antworten längst kennt:

"Was kannst du besonders gut?"

"Anschmieren!"

"Hmm, das ist aber nicht nett. Du spielst doch toll Fußball, oder?"

"Angeschmiert, angeschmiert!"

"Schätzchen, können wir hier bitte zügig weitermachen? Wir müssen gleich noch Theo abholen. Also, was kannst du besonders gut? Fußball?"

"Weiß ich nicht."

"Na, ich finde schon. Ich schreibe das jetzt mal hin."

Nach zwei bis drei Seiten Fragebögen muss jedes Kind noch ein Bild malen. Meine Tochter bekam mit zwei Jahren ihr erstes Freunde-Buch in die Hand gedrückt. Sie hatte das Prinzip überhaupt nicht begriffen. Während ich dem Bruder aufs Klo half, malte sie gewissenhaft alle noch freien Seiten mit ihrem Krikelkrakel voll.

Damit war das fremde Freunde-Buch versaut. Kind und Mutter wären bei dem Anblick bestimmt ausgeflippt. An diesem Tag verbrachte ich den ganzen Abend mit radieren.

Zur Autorin
  • Illustration: Michael Meißner
    Tilda Beck,
    Mutter von Konrad (8), Edward (5) und Stella (3)

    Liebstes Kinderbuch: "Der Wal im Wasserturm" von Rüdiger Stoye

    Nervigstes Kinderspielzeug: "Winnie the Pooh"-Lernspielzeug von VTech

    Erziehungsstil: Leben und leben lassen



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