"Fridays for Future" versus Siemens

Ist das die neue Strategie der Aktivistinnen und Aktivisten?
Foto: Tobias Hase/dpa

Dieser Beitrag wurde am 10.01.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Ende vergangenen Jahres kündigten einige Ableger von "Fridays for Future" an, den wöchentlichen Streik ruhen lassen zu wollen – und stattdessen nach anderen Strategien zu suchen, Klimaschutz voran zu treiben (DER SPIEGEL).

Jetzt dürfte eines der ersten Ergebnisse eines solchen Versuches sichtbar werden: Am Freitagnachmittag traf sich Siemens-Chef Joe Kaeser mit Luisa Neubauer und Nick Heubeck von "Fridays for Future", um über ein umstrittenes Siemens-Projekt zu reden: Die Mitarbeit an einer Kohlemine in Australien. Denn obwohl die Beteiligung der Deutschen eher klein wäre, – es geht lediglich um Signalanlagen für die Eisenbahn, mit der die Kohle ans Meer gebracht werden soll – gab es Protest. (DER SPIEGEL)

Einer der Gründe: Der Widerstand von Klimaaktivistinnen und -aktivisten, sowohl in Australien als auch in Deutschland. In den vergangenen Tagen fluteten sie mit Zehntausenden Mails die Postfächer von Siemens mit der Aufforderung, den Auftrag zu stoppen. Am Freitag streikte "Fridays for Future" vor zahlreichen Siemens-Standorten in ganz Deutschland.

Auch deshalb kam wohl das Gespräch zwischen den Aktivistinnen und Joe Kaeser zu stande. Eigentlich war auch eine gemeinsame Pressekonferenz von Neubauer und Kaeser geplant. Doch sie platzte.

Da Siemens die Beteiligung am Kohlebergwerksprojekt nicht sofort zurückgezogen habe, sähen sie keine Basis für ein gemeinsames Pressestatement, erklärten die Aktivisten (RND ). Eine endgültige Entscheidung über das Projekt werde es erst am Montag geben, hieß es von Siemens. Stattdessen bot Joe Kaeser Luisa Neubauer einen Posten im Aufsichtsrat der neuen Siemens Energy AG an.

Jakob Blasel von "Fridays for Future" wirft dem Unternehmen deshalb eine PR-Taktik vor. "Ein Aufsichtsratsposten ist ja sehr nett – aber es ist vor allem ist ein Ablenkungsversuch, der die Problematik nicht löst", sagt der 19-Jährige. Von einem Konzern, der Verantwortung übernehmen wolle, erwarte er jedoch, dass er sich klar von dem Kohleprojekt distanziere. Die Bewegung werde daher am Wochenende nicht nachlassen – vor der Münchner Siemens-Zentrale wollen Aktivistinnen und Aktivsten die ganze Nacht ausharren.

"Darin sieht man die Ambivalenz im Verhältnis von Umweltbewegungen und Konzernen", sagt Simon Teune, Protestforscher an der TU Berlin. "Kann man in so einer Position wirklich etwas bewegen oder wird man allein schon mit der Bereitschaft, sich an einen Tisch zu setzen, vereinnahmt?" Es komme darauf an, wie ernst gemeint das Angebot sei – mit allen Konsequenzen.

Doch ist die neue Strategie von "Fridays for Future", gezielt Unternehmen zu bestreiken, vielversprechend?

"Ich würde nicht sagen, dass die Proteste gegen die Politik gescheitert sind, es ist viel passiert bei der Verschiebung der politischen Agenda", erklärt Simon Teune. Es sei aber klar geworden, dass "Fridays for Future" dabei keine schnellen Siege erringen könne. "Jetzt wird auf unterschiedlichen Wegen versucht, andere verantwortliche Akteure zu Bewegung zu zwingen."

Das nächste klimaschädliche Projekt, gegen das die Bewegung vorgehen möchte, ist bereits auserkoren: das Kohlekraftwerk Datteln 4, das im Sommer ans Netz gehen soll. Für Politik und Kraftwerksbetreiber "kein Gewinnerthema", sagt der Protestforscher. Nach den großen Protesten im letzten Jahr werde es relativ leicht sein, gegen Datteln zu mobilisieren – auch gemeinsam mit anderen Umweltbewegungen, mit denen "Fridays for Future" inzwischen gut vernetzt sei.

Auch im Falle von Siemens sieht Simon Teune gute Chancen, dass die Aktivisten am Ende noch einen Sieg davontragen werden. "Konzerne sind vor allem in ihrem Image angreifbar. Wenn Siemens jetzt mit dreckigen Formen der Energiegewinnung in Verbindung gebracht wird, laufen sie Gefahr, Schaden zu nehmen – und sind deswegen eher bereit, Zugeständnisse zu machen."

Ob das stimmt – und ob den Aktivisten der Effekt groß genug ist – wird sich im kommenden Jahr zeigen. Fest steht schon einmal: Klimaschädliche Projekte stehen 2020 unter besonderer Beobachtung der Aktivistinnen - und sie werden versuchen, viel Aufmerksamkeit darauf zu lenken. 

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