Friedliche Fans "Mitten ins Herz getroffen"

Fassungslosigkeit, Trauer, aber keine Gewaltausbrüche: Nach der Niederlage der deutschen Elf hatte die Polizei erstaunlich wenig zu tun. Mancherorts waren die Beamten sogar komplett arbeitslos - das hat es seit Jahren nicht mehr gegeben.

Berlin - In den Ruhrgebietsstädten Bochum und Herne hatte die Polizei in der Halbfinal-Nacht keinen einzigen Einsatz. "Keine Verkehrsunfälle, Einbrüche, Schlägereien und Brände - das hat es schon seit ein paar Jahren nicht mehr gegeben", sagte ein Sprecher. "Man könnte meinen, dass sich auch die Ganoven eine Nacht freigenommen haben, um Fußball zu schauen." Ausdrücklich lobte der Sprecher die Nebenwirkungen des Fußball-Krimis: "Fußball als Prävention - danke Jürgen Klinsmann und der deutschen Nationalmannschaft."

Auch in Berlin blieb es nach der Niederlage ruhig. "Abgesehen vom üblichen Geschubse ist nichts passiert", sagte ein Polizeisprecher. Insgesamt habe es 45 Festnahmen gegeben, was er angesichts der Menschenmassen auf den Straßen als "verschwindend gering" wertete.

Zwischendurch sei die Stimmung aus Frust auch etwas aggressiver geworden, eskaliert sei die Situation aber nicht. Am Spielort Dortmund musste die Polizei bei einige "kleineren Auseinandersetzungen" einschreiten, insgesamt habe es aber ein "großartiges Fußballfest" gegeben.

Statt Jubel und Euphorie herrschte in den meisten deutschen Innenstädten Fassungslosigkeit, Stille und Trauer. "Natürlich sind wir sehr enttäuscht", sagte ein Fan nach der Niederlage. "Jetzt werden wir eben Dritter." Viele andere Fans saßen fassungslos auf der Straße, einige weinten. Das war, als hätten sie mich mitten ins Herz getroffen", sagte eine 36-Jährige. "Wir waren so nah dran." Dennoch: Die deutsche Mannschaft habe ihr Bestes gegeben. Ein andere Fan sagte: "Die Italiener waren einen Tick besser. Die Leistung der deutschen Mannschaft war aber toll." Dem stimmte ein italienischer Fußballfreund zu: "Es war ein Spiel unter gleichen Mächten." Die Italiener seien aber am Ende doch ein Stückchen besser gewesen.

Nach dem ersten Schock feierten viele Fans die Leistung der Mannschaft - der Niederlage zum Trotz. Am Berliner Kurfürstendamm lagen sich deutsche und italienische Fans sogar in den Armen. Die erweiterte Berliner Fanmeile meldete Rekordbesuch: Rund eine Million Menschen zitterten mit dem deutschen Team auf dem Areal zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule.

Polizei stoppt Randalierer in Rheinland-Pfalz

Einzig aus Rheinland-Pfalz meldete die Polizei ernstere Rangeleien. Die Sicherheitskräfte mussten in Mainz kurz vor Mitternacht Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzen, um eine Schlägerei zwischen Deutschen und Italienern zu beenden. Drei deutsche Randalierer seien festgenommen worden. In Speyer konnte die Polizei eine drohende Massenschlägerei zwischen deutschen und italienischen Fans verhindern, indem sie die beiden Fanblöcke durch ein massives Aufgebot trennte. Ein 38-jähriger Vietnamese, der sich offenbar über den Sieg der Italiener ärgerte, wurde festgenommen. Wie die Polizei berichtete, hatte der Mann die feiernden Fans beleidigt und versucht, sie an einem Autokorso zu hindern.

Glimpflich verlief in Speyer der Sturz einer 21-jährigen Frau, die wegen der deutschen Niederlage kurz nach Mitternacht die schwarz-rot-goldene Fahne von ihren Balkon entfernen wollte. Als die junge Frau sich über die Brüstung beugte, um die unteren Befestigungsschnüre zu lösen, verlor sie das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Sie landete nach Polizeiangaben auf der Motorhaube eines unter dem Balkon geparkten Wagens. Während der Wagen erheblich verbeult wurde, erlitt die Frau nur leichte Verletzungen.

ffr/AP/sid/reuters

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