Biograf über Fritz von Weizsäcker "Er war ein neuer Typus, einer der Modernsten in dieser Großfamilie"

Der tödliche Angriff auf Fritz von Weizsäcker richtete sich offenbar gegen die ganze Familie. Der Biograf Hans-Joachim Noack kennt sie seit Langem - und erläutert, welche Rolle der Sohn des früheren Bundespräsidenten hatte.
Zur Person
Foto: Helga Noack

Hans-Joachim Noack, Jahrgang 1940, gilt als einer der renommiertesten politischen Biografen in Deutschland. Der Journalist arbeitete für die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Rundschau" und lange Jahre für den SPIEGEL. Er schrieb Bücher über Willy Brandt, Helmut Kohl und Helmut Schmidt, zuletzt erschien "Die Weizsäckers. Eine deutsche Familie" .

SPIEGEL: Herr Noack, Sie kennen die Familie von Weizsäcker persönlich. Wie sehr berührt Sie der gewaltsame Tod Fritz von Weizsäckers?

Hans-Joachim Noack: Ich habe mich jahrelang mit dieser Familie befasst, morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Schlafen. Das ist ein Schock für mich, gerade weil Fritz von Weizsäcker unter den vielen herausragenden Persönlichkeiten dieser Familie eine ganz besondere war.

SPIEGEL: Inwiefern?

Noack: Er hatte etwas unglaublich Positives, Ermunterndes, war kommunikationsfreudig, aufgeschlossen und lebenslustig. Mir werden sehr lebendige Bilder von ihm in Erinnerung bleiben.

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Noack, Hans-Joachim

Die Weizsäckers. Eine deutsche Familie

Verlag: Siedler Verlag
Seitenzahl: 432
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SPIEGEL: So geht es offenbar nicht nur Ihnen, der Tod hat bundesweit Trauer und Bestürzung ausgelöst. Warum ist das Mitgefühl so groß?

Noack: Das dürfte daran liegen, dass die Weizsäckers die deutsche Nachkriegsgesellschaft in ganz besonderer Weise geprägt haben. Sie sind auf den Gebieten des Geistes und der Macht seit den Fünfzigerjahren zur Avantgarde geworden. Richard von Weizsäcker etwa, der ehemalige Bundespräsident, stand für ein sehr vitales Streben nach politischem Einfluss.

SPIEGEL: Sein Bruder Carl-Friedrich hatte eine nicht nur glänzende Vergangenheit.

Noack: Ja, weil er in der NS-Zeit am glücklicherweise gescheiterten Bau einer deutschen Atombombe beteiligt war. Nach dem Krieg ist es ihm aber gelungen, zu einem Guru der Friedensbewegung zu werden. Diese Art von Läuterungsprozess zeigt, dass gerade Richard und Carl Friedrich Lichtgestalten waren in dieser Nachkriegsrepublik, die noch nach ihrer Identität suchte.

Carl Friedrich von Weizsäcker (l.) und Richard von Weizsäcker (im Februar 1989 in Stuttgart)

Carl Friedrich von Weizsäcker (l.) und Richard von Weizsäcker (im Februar 1989 in Stuttgart)

Foto: Norbert Försterling/DPA

SPIEGEL: Sind die Weizsäckers die deutsche Version der Kennedys?

Noack: Diese Analogie liegt nahe, und es gibt zumindest auffällige Parallelen. Und dazu passt, dass Richard von Weizsäcker über John F. Kennedy geradezu ins Schwärmen geraten ist. Das war für ihn der Idealtypus eines Staatsdieners.

SPIEGEL: Wie sieht dieser Idealtypus aus?

Noack: Richard von Weizsäcker hat es mir mal so erklärt: Es gehe darum, ins Räderwerk der Geschichte einzugreifen, indem man sich der Sache des Volkes annimmt. Außerdem hat er - ebenso wie sein Bruder Carl Friedrich - schlicht bella figura gemacht.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Noack: In ihm ist zum Vorschein gekommen, was sich die Mehrheit der Bevölkerung als Präsident in einem demokratischen Staatsgefüge vorgestellt hatte. Das war ein vergeistigter Staatsmann, eine integre Führungsfigur. Das ist angesichts der Familiengeschichte durchaus erstaunlich.

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SPIEGEL: Weil der Vater im Nationalsozialismus verstrickt war, als SS-General und Staatssekretär unter Außenminister Ribbentrop?

Noack: Der Begriff "Verstrickung" bemäntelt ein wenig seine politische Nähe zu einem System, das noch in den Großdeutschland-Ideen des Jahres 1914 gefangen war.

SPIEGEL: Wie ging die Familie damit um?

Noack: Die Söhne haben ihren Vater bis ans Ende ihrer Tage verteidigt, überwanden ihn aber zugleich durch eigene Läuterungsprozesse.

SPIEGEL: Und der Enkel Fritz?

Noack: ...ist erstaunlich unbefangen damit umgegangen. Er hat gesagt: Ich bin weder der Chefankläger meiner Familie, noch ihr Verteidiger. Ich will einfach nur, dass alles Schritt für Schritt geklärt wird. Das zeigt, warum diese Familie in verschiedenen Systemen höchste Ämter übernehmen konnte - im Kaiserreich ebenso wie in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik.

SPIEGEL: Warum? Aus Opportunismus?

Noack: Ich glaube eher, dass dies Lernfähigkeit zeigt. Richard von Weizsäcker fiel schon in den Sechzigerjahren als Außenseiter innerhalb der CDU auf, als einer, der gegen den Strich bürstet. Er war sehr eigenständig, um nicht zu sagen: eigenwillig. Das hat mir imponiert.

Richard von Weizsäcker mit Ehefrau Marianne (1968 in ihrer Wohnung in Bonn)

Richard von Weizsäcker mit Ehefrau Marianne (1968 in ihrer Wohnung in Bonn)

Foto: Peter Popp/DPA

SPIEGEL: Wie gut kannten Sie ihn?

Noack: Ich lernte ihn 1969 kennen, da war ich Reporter der "Frankfurter Rundschau", und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl stellte seinen neuen "Hochkaräter" vor. Vor ein paar Jahren, kurz vor seinem Tod, traf ich Weizsäcker dann letztmalig. Er war im Umgang immer sehr unprätentiös - sich seiner Würde aber dennoch wohl bewusst. Solche Typen vermisst man zusehends.

SPIEGEL: War Fritz von Weizsäcker auch so ein Typ?

Noack: Er war gewissermaßen ein neuer Typus. Während die Weizsäckers der vorangegangenen Generationen mit Kant und Platon verbunden waren, mit Theologie und Geistlichkeit, war er eher von Irdischem gefesselt.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Noack: Ihn interessierte die Zukunft, er war etwa ein glühender Anhänger der künstlichen Intelligenz. Mir erschien er als einer der Modernsten in dieser Großfamilie - was nicht heißt, dass ihm Tradition und Familie egal waren: Zur Medizin kam er zum Beispiel wohl nur wegen seines Bruders Andreas.

SPIEGEL: Wie das?

Noack: Andreas von Weizsäcker erkrankte sehr früh an Krebs und litt jahrzehntelang darunter, ehe er 2008 starb. Sein Bruder Fritz wandte sich der Medizin offenbar auch deshalb zu, weil er davon überzeugt war, so viel Know-how erwerben zu können, dass er Andreas retten kann. Diese Geschichte veranschaulicht, wie groß das Urvertrauen der Weizsäckers in die eigenen Qualitäten ist.

SPIEGEL: Und dass sie bereit sind, den eigenen Lebensweg in den Dienst ihrer Verwandten zu stellen?

Noack: Ja, die Familienbande sind in der Tat enorm eng. Fritz von Weizsäcker sagte einmal: "Wir sind zunächst einmal wir. Wir wehren alle Angriffe von außen ab".

Fritz von Weizsäcker

Fritz von Weizsäcker

Foto: Schlosspark Klinik/ epa-efe/ Rex

SPIEGEL: Ist das das Erfolgsrezept der Familie?

Noack: Dieser Eindruck ergibt sich jedenfalls, wenn man auf die 66 Kinder, Enkel und Urenkel Ernst von Weizsäckers schaut. Sie haben es in unterschiedlichen Berufen in Spitzenpositionen gebracht, alle sind Vollakademiker. Bis gestern Nachmittag hätte ich gesagt: Diese Familie blüht und gedeiht wie kaum eine andere.

SPIEGEL: Was bleibt von Fritz von Weizsäcker?

Noack: Da möchte ich keine Prognose wagen. Sein Tod wird aber eine riesige Lücke in den innerfamiliären Verband reißen.

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