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TERRORISMUS Früchte des Zorns

Drei Monate nach dem Bombenanschlag gleicht Bali einer Geisterinsel. Wo sich sonst zur Weihnachtszeit Touristen aus Deutschland und der halben Welt sonnten, kämpfen die Einheimischen mit den Folgen des Attentats, das dreieinhalb Millionen Balinesen zu Opfern macht. Von Ullrich Fichtner
aus DER SPIEGEL 2/2003

Acht Breitengrade unter dem Äquator brennt die Sonne auf Nur Sanjoyos metallicblauen Toyota Corolla, Baujahr 1981, vierter Austauschmotor, es ist der 66. Tag der neuen Zeitrechnung, letzter Dienstag vor Heiligabend, 32 Grad Celsius, es geht um viel, es geht um Nur Sanjoyos Zukunft.

»Soll ich den Wagen verkaufen? Soll ich noch warten?« Sanjoyo fragt auf Französisch, er ist gut in der Sprache, er ist Balis Fremdenführer mit der Registriernummer 2361, einer von offiziell 4000 TouristenGuides, er weiß alles über Götter, Tempel, Tänze, aber das nützt nichts mehr seit dem 12. Oktober 2002, 23.07 Uhr Ortszeit.

Sanjoyo hörte den Donner, die fernen Explosionen, er saß mit seiner Frau vor einem kleinen Fernseher der Marke Victory, sie sahen einen indischen Liebesfilm, sie dachten an nichts. Die Schläge hörten sich an wie die, die das nahe Elektrizitätswerk immer macht kurz vor einem Stromausfall. Aber um halb sechs Uhr morgens rief ein Bruder an von Java. Ob alle wohlauf seien? Ob Nur dort gewesen sei? Ob er etwa noch gar nichts gehört habe? Von den Toten? Von den Bomben?

Dass es bald um den Toyota gehen würde, um die Zukunft seiner beiden Kinder, um seine Familie, ahnte Nur Sanjoyo an jenem frühen Morgen nicht. Niemand auf Bali ahnte, wie machtvoll sich die Druckwelle der Bombe wirklich entfalten, wie gewaltig ihre Sprengkraft sein würde über die erste, jähe Zerstörung hinaus. Niemand wollte denken, dass die Bombe alle Balinesen getroffen hatte.

Im November lag die Insel wie tot im Indischen Ozean, die Hotelkomplexe und Villendörfer standen am Strand wie monströse Filmkulissen nach Drehschluss. Das blieb so im Dezember, den ganzen Advent hindurch, man verschob das Hoffen auf morgen, auf übermorgen. Aber die Druckwelle des Attentats zog ihre Kreise weiter und weiter, sie greift hinaus in die Provinz, sie bleibt nicht in den Städten.

Rund um den Tatort stecken Rosen und Kränze aus Papierblumen in Bauzäunen, die große Bombe legte in einem Umkreis von 200 Metern alle Menschen, Häuser, Motorräder um, sie zerfetzte in einem weit größeren Kreis Fassaden, Schilder und Dächer, sie ließ Fenster, Fernseher und Mopedtanks zerplatzen, fuhr wie ein tödliches Gewitter in Restaurantküchen, Badezimmer, Lagerräume. 190, 195, 200 Menschen starben. Und es begann eine neue Zeit. Es begann die Ruhe nach dem Sturm.

Es ist der 67. Tag der neuen Zeitrechnung, Mittwoch vor Weihnachten, das Mallorca der Australier, das Teneriffa der Taiwaner, das irdische Paradies für Amerikaner, Japaner, Franzosen steht still. Vor dem Terror flogen allein 150 000 Deutsche jedes Jahr ein, sie kamen im Tross von 1,5 Millionen Urlaubern aus aller Welt, der Fremdenverkehr brachte der Insel über 2,2 Milliarden Euro im Jahr und feierte Hochsaison einmal im Sommer, einmal in der Weihnachtszeit. Nun fehlen Geld und Menschen, sichtbar, an jeder Ecke, am Strand, in den vernagelten Budengassen.

Durch die Jalan Legian, wo bis zu jener Bombennacht der Dauerstau regierte und die Menschen sich Schulter an Schulter drängten, knattert eine Hand voll Mopeds in einer Flotte leerer Taxis. Jede Stunde gehen zwei, drei Dutzend Fremde vorbei und fotografieren sich vor den neuen Sehenswürdigkeiten unserer Zeit. Ziegelscherben in verkohlter Erde, Klumpen gefliester Wände, Stücke von geschmolzenem Glas, in denen ein zerrissener Himmel schimmert. Es ist Regenzeit. Hochsaison.

Der wohltätige Skål-Club hat zum Jahrestreffen ins spärlich bevölkerte »Hard Rock Hotel« von Kuta geladen. Tourismusmanager der zweiten Liga sind versammelt; Australier, Japaner, Franzosen, frei flottierende Weltbürger, Glücksritter, Ausgewanderte, wie man sie überall treffen kann im südlichen Asien. Der große Saal des Hotels erstarrt im Permafrost der Klimaanlage, dunkelhäutige Kellner servieren in Nikolausmützen, aber die Stimmung ist nur gedämpft heiter. Auf dem Buffet stapelt sich Red Snapper in Chili, australisches Rindfleisch, es gibt Tunfisch aus der Südsee, Lachs mit Papaya. Es gibt viel Alkohol und viel zu reden. Wendy Thomas, eine Engländerin in den Vierzigern, vertreibt »Bali Moon«, einen Fruchtschnaps in albernen Keramikflaschen, den sie in Kuta und anderswo zu blauen und grünen Cocktails vermixten, als noch Hully-Gully war. Seit Oktober macht »Bali Moon« 90 Prozent minus, 10 von 35 Leuten sind gekündigt, fürs Erste, der Rest arbeitet nur noch für ein Butterbrot.

Wendy Thomas trinkt »Bintang«-Bier unter einem gewaltigen Weihnachtsstern aus silbernem Flitter, sie sagt: »Ob ich mir Sorgen mache? Natürlich mache ich mir Sorgen. Wissen Sie, ich persönlich glaube das ja nicht, aber viele hier denken, dass die Balinesen nette Leute sind, solange sie Arbeit haben. Aber wenn sie erst drei Monate gehungert haben, dann fallen sie über ihre javanischen Nachbarn her. Oder über die Weißen. Wir werden viel Glück brauchen.«

Auf das Glück hat Nur Sanjoyo nie gehofft. Er hofft auf Allah, fünfmal betet er jeden Tag Richtung Mekka, er ist kein Hindu wie die Balinesen, er ist Muslim wie die Attentäter, von Java kam er vor 13 Jahren herüber, geboren in Bandung als achtes von neun Kindern eines pensionierten Soldaten der indonesischen Armee, der umgerechnet 25 Euro Staatsrente im Monat erhielt. Die Mutter buk kleine scharfe Kuchen aus Ingwer und Nüssen und verkaufte sie an die Kioske in der Nachbarschaft. Das achte Kind, Nur, ging putzen in einem Autohaus, Toyota, Mitsubishi, und er fühlte früh, dass er Besseres verdient hätte.

1989 ging er nach Bali, 24 war er damals, sein neues Leben begann im Frittenlokal eines Belgiers, der für Kleingeld arbeiten ließ und ansonsten mit Französisch-Unterricht bezahlte. Sanjoyo wusch Teller, schnitt Kartoffeln in Stifte, er vertrieb sich die Zeit mit Selbstgesprächen, die mit »Bonjour Monsieur, Bonjour Madame« begannen, und er summte Lieder vor sich hin von Charles Trenet.

Alle Wege führten aufwärts, damals, vom Agung-Vulkan, droben im Osten, Heimat der Götter, 3142 Meter hoch, lächelten Brahma, Vishnu, Shiva, sie lächelten auch für Muslime und Christen, gut war die Zeit, ehe der Terror kam, sie führte Nur Sanjoyo mit seiner Frau Made zusammen, sie gab ihnen Brot, vertrieb die Angst vor der Zukunft.

Jetzt geht die Angst um. Selbst über das Gesicht von Kadek Wiranatha flackert sie, schwer sitzt der reiche Mann mit dem Rücken zur Brandung am weißen Strand von Legian in seinem Restaurant »Ku-De-Ta«, einem duftenden, kühlen Palast aus dunkelgrauem Stein und Ledermöbeln, die Flügel des Baus öffnen sich zum Meer, als wollten sie nach dem Horizont greifen.

Auf der Karte stehen bretonische Austern, pazifische Hummer, Kaviar aus Iran, 50 Gramm Beluga für 1,8 Millionen indonesische Rupiah, 190 Euro, zwei gute balinesische Monatslöhne. Kadek Wiranatha, der Herr der Insel, wusste immer, wonach den Fremden der Sinn stand.

Als er vor 43 Jahren in Balis unberührtem, bäuerlichem Nordwesten geboren wurde, lebte Bali noch vom eigenen Reis. Heute wird er importiert aus Vietnam, China, Thailand, der Tourismus ernährt Bali, 80 Prozent der Menschen hängen an ihm direkt oder indirekt, und er meinte es besonders gut mit Kadek Wiranatha. Nicht nur das »Paddy's Café«, das in die Luft flog, gehörte ihm. Ihm gehören auch drei Hotels, ein halbes Dutzend Discotheken, Reisebüros, Souvenir-Fabriken, Ladenketten, Restaurants. Aber nun erfasst die Druckwelle der Oktober-Bombe Wiranathas gesamtes Imperium.

2000 Menschen arbeiten für ihn, er hat dafür sehr lange den Rücken sehr krumm gemacht, sein Business begann, als er den Auftrag bekam, eine Luxussuite für den US-Präsidenten Ronald Reagan kugelsicher zu machen. Jetzt rührt Kadek Wiranatha in einem Cappuccino, kaum heißer als die Luft, und sagt: »Die zweite Bombe wird die Armut sein.«

Am 12. Oktober, dem Unglückstag, war Wiranatha auf dem Sprung in die allererste Liga des Tourismus. In Toulouse standen zwei von ihm geleaste Airbusse A-310 zum Abflug bereit, auf der Heckflosse den Schriftzug »Air Paradise«, und sie hätten abfliegen sollen tags darauf, nach Denpasar, Bali. Dazu kam es nicht mehr, die Bomben von Kuta zerlegten die Zeit in Epochen, in ein Davor und das Danach.

»Air Paradise« sollte von Bali aus Australien bedienen, viermal die Woche Perth, dreimal die Woche Melbourne, konkurrenzlos billige Flüge, Wiranatha hatte schon 15 000 Tickets verkauft, aber die Maschinen blieben im Hangar. Bis heute.

Immer weiter verschiebt sich ihr Start. Erst hieß es Januar, dann Februar. Aber statt sein Reich in den Himmel zu heben, musste Wiranatha zwei seiner Hotels schließen. Arbeiter nach Hause schicken. Löhne kürzen. Läden abwickeln.

Der Terror hat die Insel von der globalen Tourismuskarte geschossen und zurückgeworfen in die Zeiten weltferner Abgeschiedenheit. Viele Flugunternehmen - Qantas, Lufthansa, Singapore - haben Direktflüge im Dutzend gestrichen, Tourismuskonzerne kippen Bali aus den Katalogen. Die Karawane des Tourismus zieht weiter zu den Orten, die vom Morden noch verschont geblieben sind oder an denen es schon wieder vergessen ist. Thailand ist auch schön. Sumatra. Singapur. Kambodscha. Sri Lanka. Vietnam.

Wiranatha winkt einem Kellner nach einem Schweißtuch, er wischt den eiskalten, dampfenden Lappen über sein großes, ruhiges Gesicht, er sagt, er wolle klingen wie ein Prophet: »Die Touristen werden wiederkommen. Bis dahin werden ein paar Leute hier Bankrott gehen, gut, aber in einem Jahr wird alles vergessen sein.«

Wiranatha will, dass alle Welt erfährt, dass der Terror nicht aus Bali kam, sondern dass er so importiert wurde, wie er nach Manhattan importiert wurde. Dass die Attentäter aus Malaysia kamen, von anderen Inseln Indonesiens, dass keiner der Mörder, soweit bekannt, von der Insel selbst stammte. »Sie haben sich einfach das beste Symbol gesucht«, sagt Wiranatha, »die Insel des Friedens. Bali ist friedlich. Bali ist einzigartig.«

Bali ist menschenleer. Und niemand braucht mehr Nur Sanjoyos Dienste. Seit den Bomben hat sein Telefon nicht ein einziges Mal wegen eines Auftrags geklingelt. Es ist der 68. Tag der neuen Zeitrechnung, Donnerstag vor Weihnachten, das heißt, Nur Sanjoyo hat seit 68 Tagen keine einzige Rupiah mehr verdient, geschweige denn Dollar. Sein Schwiegervater schickt dicke Bananen aus dem eigenen Garten, die Mutter Plastikboxen voller Kekse aus Java.

Aber die Schule für Nadja, die erste Tochter, fünf Jahre alt, kostet nicht Bananen und Kekse, sondern Geld, acht Euro im Monat und noch einmal acht die Schulspeisung. Die vier Uniformen für das Kind haben ein Loch in den Etat gerissen, nur mit Mühe kann Sanjoyo den Kredit bedienen für das kleine Haus am Stadtrand, zu dem er es, stolz, gebracht hat.

»Ich könnte für den Toyota 26 Millionen bekommen, das ist nicht schlecht, n'est-ce pas? Ich könnte einen Laden eröffnen, meine Frau ist auch dafür«, sagt er. Sie schmieden Pläne für eine andere Zukunft jenseits vom Tourismus. Das Geld für den Toyota könnte das Startkapital sein, »ein kleines Geschäft, warum nicht?«, sagt Sanjoyo. Ein Schwager kann billig Sandalen besorgen aus Singapur, T-Shirts, Kinderhosen. Ein gutes Geschäft? Reicht es für ein Leben?

Es ist morgens halb elf, Nadja kommt heim von der Schule, spielt mit ausgefransten Filzstiften vor einer großen, leeren Schrankwand, unvermittelt sagt Sanjoyo, die Stimme leise, den Blick gesenkt: »Wissen Sie, es sind 200 Menschen gestorben, das ist eine furchtbare Tragödie, furchtbar. Aber jetzt, wenn sich nichts ändert, werden dreieinhalb Millionen Balinesen zu Grunde gehen. Das ist der Terror.«

Nicht weit von seinem Haus versteckt sich die Zentrale von »Sobek«, Balis größtem Organisator von Outdoor-Spaß - Trekking, Rafting, Touring. Die Gebäude aus Bambus und Tropenholz liegen verborgen in einem staubigen Viertel an der Landstraße Richtung Norden, die Firma macht 90 Prozent minus mit 380 Leuten auf Kurzarbeit, sie arbeiten alle nur noch einen Tag in der Woche und haben sechs Tage frei, bei vollem Lohnausfall.

Der Chef heißt Steven McMillan, 39, ein Australier, der in seinem früheren Leben auf Sumatra und anderswo Golfplätze gemanagt hat. Er wird noch im Januar 40 Prozent der Belegschaft kündigen, dem Rest wird er pauschal die Löhne halbieren, McMillan sagt: »Wir hatten in guten Monaten 10 000 Kunden, jetzt sind es 1000. Wir hatten jeden Tag 100 Fahrräder draußen, jetzt sind es 10. Wir waren mit 30 Teams auf dem Wasser, heute mit 5. Es ist, als hätte jemand in unsere Taschen gelangt und das ganze Geld geklaut.«

McMillan glaubt an Bali, weil er nicht an das Gedächtnis der Menschen glaubt. »Sie werden wiederkommen«, sagt er, »irgendwann merken sie, dass sie es in ihrer Streichholzschachtel nicht mehr aushalten, und dann gehen sie ins nächste Reisebüro, so wird's sein.«

Es ist der 69. Tag der neuen Zeitrechnung, Freitag vor Weihnachten, die Angst geht um und die immer gleiche Geschichte vom plötzlichen, freien Fall. Michael Szarata erzählt sie, Manager des gewaltigen Spaßbads »Waterbom« in Kuta, der gebürtige Braunschweiger muss schnellstens 60 von 280 Angestellten loswerden, die Pleite droht, er schickt jetzt schon Leute mit 35 in den »Vorruhestand«, um den »break even point« nicht zu verfehlen.

Stephan Killinger erzählt die Geschichte, ein Oberbayer aus Garmisch-Partenkirchen, Chef des Four-Seasons-Luxusresorts über der Bucht von Jimbaran; Killinger ist Herr über 147 Einzelvillen mit eigenen Pools und Privatgärten zu Preisen von 575 bis 3500 Dollar pro Nacht. Killinger sagt, seine Auslastung liege bei 20 Prozent, 2003 werde ein hartes Jahr sein für alle, aber Bali sei schließlich der »Brotkorb des indonesischen Tourismus«.

Killinger spricht Englisch aus Rücksicht auf seine Assistentin, er ist 36, Bali war seine Chance, er ist erst sechs Monate im Amt. Trotz mischt sich in seine Rede, wenn er sagt, auf Deutsch jetzt, »und außerdem hat sich Bali, jetzt mal als Insel, durch die Bombe doch überhaupt nicht verändert«.

Bali ist nicht nur Kuta, die Insel hat viel mehr als Strandkilometer und Shoppingmeilen für Massentouristen, sie greift aus nach Westen in Urwälder, sie ist besetzt mit einer Kette hoher Vulkane, durchzogen von Flüssen und Wasserfällen. Obstplantagen und Nassreisfelder staffeln sich in Terrassen an den Flanken der Berge. Eine Fahrt über Land bringt Bilder mit sich, schöner als Prospekte sie inszenieren. An den Fenstern schiebt sich eine Kulturlandschaft vorbei, alt, beruhigend, sanft. Hier, in den Dörfern, auf den Feldern, hat die Bombe mit drei, vier Wochen Verzögerung gezündet.

Auch auf dem Markt von Baturiti, Balis zentralem Handelsplatz für Obst und Gemüse im Hochland der Insel, geht die Angst um. Die Händler rangieren Suzuki-Pick-ups und Kleinbusse durch die Stände, Bauern sitzen zwischen Säcken mit Weißkohl, Mais, Lauch, Kartoffeln, Rettich, sie verkaufen nichts mehr. Der Marktplatz ist halb leer.

Eine Bäuerin sagt, sie weiß ihren Namen nicht und nicht ihr Alter, sie habe vor »der Tragödie« sechs Tonnen Gemüse und Obst verkauft an einem Tag. Jetzt schlägt ihre Familie noch 300 Kilogramm los. Die Hotels brauchen keinen Salat mehr. Die Restaurants keine Süßkartoffeln. Die Luxusresorts keinen Lauch, keine Schlangenfrüchte, keine Ananas. Das ist der Dominoeffekt des Terrors. Die Druckwelle.

Für die Fahrt über Land hat Nur Sanjoyo sein Kopftuch angelegt, einen Sarong um die Hüften, balinesische Tracht. Am Fuße des Agung, im heiligsten der heiligen Tempel Besakih, spult er erleichtert sein Programm ab, er kostet für ein paar Stunden wieder die Routine des Touristen-Guides 2361, er ist ein guter Führer, er wirkt gelöst. Erklärt die Pagoden und Figuren, die Architektur, die verschlungene Zweiheit des balinesischen Glaubens, in dem Gut und Böse, Schön und Hässlich, Hell und Dunkel, Rein und Unrein untrennbar und ewig verbunden sind.

Vom Tempelberg aus ist der Strand von Kuta eine ferne Gegenwelt, das Böse, Dunkle, Niedere, Falsche. Viele Balinesen glauben das, nicht erst seit dem blutigen Oktober. Sie lebten vom Tourismus und fürchteten ihn zugleich. Weil er Traditionen stört. Weil er Gebete verhindert. Weil er Hotelresorts bringt, wo Felder waren. Weil er Menschen zu Kellnern macht.

Auch Nyoman Sari glaubt das, ein Reisbauer aus der Nähe von Ubud, 56 Jahre alt, er hat die Druckwelle bislang nur gespürt wie einen Hauch. Mit eigenen Händen hat er sich sein kleines Gut gebaut über die Jahrzehnte, vier Bambushütten am Rande des Dschungels um einen Hof, drei Büffel, zwei Schweine, Hühner. Er beginnt jede Äußerung mit dem Satz: »Ich bin nur ein Bauer, ich bin ungebildet, aber ...« - aber er glaube, dass die Götter die Abkehr vom Glauben und Beten mit der Bombe bestraft hätten; dass Bali zurückkehren müsse zu Gleichgewicht und Reinheit. Aber die Druckwelle hat auch Nyoman Saris Hof erreicht.

Der Sohn ist ein Holzschnitzer. Bis zum Oktober hat er Masken verkauft, längliche, unheimliche Fratzen, Großhändler brachten ihm das Holz zum Bearbeiten, aber nun kommen sie schon lange nicht mehr, und niemand bringt mehr Holz oder Geld. Für jede Schnitzarbeit wurden 7000 Rupiah gezahlt, nicht einmal ein Euro. Aber das kann viel Geld sein dieser Tage auf Bali. Es geht um jeden Cent.

Es geht um den metallicblauen Toyota Corolla, Baujahr 1981, vierter Austauschmotor. Sein Besitzer Nur Sanjoyo hat zwei Angebote, einer will jetzt 27 Millionen bezahlen, 2900 Euro, obwohl die Klimaanlage seit ein paar Tagen regelmäßig ausfällt, immer wenn man rechts den Blinker setzt, aber Sanjoyo hat noch nicht Ja gesagt. Er zögert. Er hat in der Zeitung gelesen, dass Deutschland seine Reisewarnung aufgehoben habe. Er sagt, »vielleicht wird doch wieder alles normal, vielleicht schon bald«. Morgen. Übermorgen.

Es ist der 70. Tag der neuen Zeitrechnung auf Bali, noch drei Tage bis Weihnachten. In Undase Agung, einem Marktflecken in nördlicher Provinz, hacken sich zwei Hähne die Schnäbel in Brust und Nacken, 400 Männer verfolgen den Kampf auf Leben und Tod, sie brüllen und rauchen auf steilen Tribünen um eine quadratische Arena, sie verspielen ihr Geld, ihre Mopeds, das wird den ganzen Tag so gehen, 30 Hahnenpaare, 30 Kämpfe, alle illegal, aber die Polizei schaut nicht hin.

Wenn die Tiere, blutend, nicht mehr kämpfen wollen, werden sie unter eine Glocke aus Korb gezwungen, dicht an dicht, scharfe Messer um die Füße gebunden, damit sie wieder übereinander herfallen. Das Publikum johlt, nichts ist hier übrig vom großen Lächeln der Insel, vom Bali-Klischee der verzaubernden Sanftmut. In die Gesichter steht Mordlust geschrieben, der tödliche Ernst, und der Hahnenkampf weckt, weil dies Indonesien ist, Bilder von Menschenjagden im riesigen Inselreich, von Ambon und Aceh, von Timor, Jakarta und Kalimantan, er ruft Bilder wach von sozialer Unruhe, von Amokläufen, von Panik.

Bali schwirrt neuerdings von Militäreinheiten und Polizei, an jeder Ecke sind die Uniformen der nationalen Armee TNI zu sehen, sie sollen den Touristen in Australien und der Welt den guten Willen der Regierung zur Terrorbekämpfung demonstrieren, 15 des Attentats Verdächtige sind mittlerweile gefasst, auch der geständige Drahtzieher Imam Samudra, aber was die Regierung wirklich fürchtet, ist weniger klar. Ist es wirklich neuer Terror? Oder nicht doch die eigene Bevölkerung? Werden die Arbeitslosen von Bali von der Polizei umstellt, zur Sicherheit?

Die Insel braucht gute Bilder, sie muss sich ein neues Image schaffen. Man hofft auf eine Solidaritätswelle ähnlich der nach dem 11. September in den USA, aber diese Hoffnung stirbt jeden Tag ein Stückchen mehr. Bali ist nicht New York, Washington, USA. Bali ist nur eine Insel fernab im Indischen Ozean, irgendwo.

Dann ist der 71. Tag der neuen Zeitrechnung auf Bali, Sonntag, zwei Tage bis Weihnachten, zehn bis Neujahr. Die Ablage im Toyota von Nur Sanjoyo - links vorn, wo sich die Musikkassetten stapelten, französische Chansons, »Der Charme der fünfziger Jahre«, »Die großen Erfolge des Twist«, solche Sachen -, sie ist leer und sieht aus wie gewischt.

Er habe, sagt Nur Sanjoyo, mit einer Schwägerin gesprochen am Vorabend, sie arbeite als Empfangsdame in einem Hotel nahe Ubud, einem guten Hotel, sehr teuer, sehr schön. Dort wohnte auch seine Kundschaft all die Jahre, gute Kundschaft. Die Schwägerin habe ihm erzählt, dass im Januar von den 54 kleinen Villen nur 4 gebucht seien, im Februar bislang nur 2. »2 von 54«, sagt Nur Sanjoyo, er setzt den Blinker, es wird heiß im Auto.

Hinter ihm liegt eine unruhige Nacht, wenig Schlaf, seine Frau und er, sie redeten, flüsternd, um die Kinder nicht zu wecken. Es ging um ihre Zukunft, es ging um den Toyota, um ihr einziges Kapital, es ging darum, an Geld zu kommen für einen Laden, ein Geschäft mit Sandalen, T-Shirts, Kinderhosen. »Ich kann nicht Touristenführer sein, wo keine Touristen sind«, sagt Nur Sanjoyo, das hat er auch zu seiner Frau gesagt. Er wischt sich Schweiß aus dem Gesicht und Tränen.

Es ist der 71. Tag der neuen Zeitrechnung auf Bali, zwei Tage bis Weihnachten, Hochsaison. Am Nachmittag verkauft Nur Sanjoyo den Toyota, metallicblau, Baujahr 1981. Er nimmt Abschied von seinem alten Leben. Er fängt ein neues an.

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