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JUGEND Frühe Übung

Kinder sollen möglichst früh für Politik interessiert werden. Deshalb dürfen Schüler in Baden-Württemberg in einem eigenen Wahlakt abstimmen.
Von Harald Schumann
aus DER SPIEGEL 45/2000

Demokratische Werte »sollten gerade beim Umgang mit Jugendlichen wirklich ernst genommen werden«, sagt der junge Mann. »Teilhabe an politischen Prozessen muss von klein auf geübt werden«, ergänzt sein Freund. »Engagement für die Demokratie müsste das Normale sein, nicht die Ausnahme«, bekräftigen beide.

Wenn die Berliner Ökonomie-Studenten Gerald Wolff, 27, und Sascha Müller, 27, über ihre Aktivitäten sprechen, klingt das ziemlich hochtrabend - ungefähr so, wie sich ein Bundespräsident den aktiven Bürger in der Zivilgesellschaft vorstellt.

Doch Wolff, Müller und ihre Mitstreiter des Vereins Kumulus e. V. meinen es ernst. Genervt vom Ausschluss der Jugend aus dem Politikbetrieb, opfern sie einen großen Teil ihrer Freizeit, um Jugendlichen politische Teilhabe zu ermöglichen. So sammelten sie vergangenes Jahr bei Berliner Schülern deren hundert wichtigste »Fragen an Politiker« und übergaben sie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Anschließend organisierten sie Diskussionsrunden mit Thierse in Berliner Schulen und mit Mitarbeitern von Joschka Fischer im Auswärtigen Amt über »Jugendverdrossenheit der Politik« sowie »Macht und Moral«.

Mit ihrem jüngsten Projekt wollen Wolff und Müller nun eine bundesweite Demokratie-Aktion auslösen: Bei politischen Wahlen sollte auch für nicht wahlberechtigte Jugendliche ein paralleles Wahlverfahren an Schulen eingeführt werden, schlagen sie vor. Zwar ändere das nichts am Wahlausgang. Mit der Vorbereitung im Unterricht, so hoffen sie, ließen sich aber vertieftes politisches Bewusstsein und Kenntnis demokratischer Abläufe bei jungen Leuten herbeiführen.

Das klingt naiver, als es ist. In den USA hat ein vergleichbares Projekt erstaunlichen Erfolg. Die dortige Initiative »Kids Voting« hat bereits 6000 Schulen mit rund fünf Millionen Schülern zur Teilnahme gewonnen. Mit einem eigens entwickelten Unterrichtskonzept prüfen die Lehrer mit den Schülern zuvor die Kandidaten und deren Programme. Am Wahltag gehen die Schüler genau wie die Wahlberechtigten in die Wahllokale und geben dort auf gesonderten Stimmzetteln ihr Votum ab.

Die Begleitforschung, durchgeführt von drei Wissenschaftlerteams der Unis Stanford (Kalifornien), Wisconsin und Arizona State, erbrachte erstaunliche Resultate. Demnach führt die frühe Demokratie-Übung vor allem bei Kindern aus unterprivilegierten Schichten zu verstärktem politischem Interesse und verdoppelt die Häufigkeit der Lektüre politischer Zeitungen. Vor allem aber tragen die Schüler die Politik in ihre Familien. Damit, so meinen die Forscher, erhielten die Eltern eine »zweite Chance« zur politischen Sozialisation. Sogar im traditionell wahlmüden Amerika stieg so die Wahlbeteiligung unter den betroffenen Eltern um bis zu zehn Prozent.

Darum sei ein ähnliches Vorhaben auch in Deutschland »unbedingt nützlich und unterstützenswert«, meint der Mainzer Wahlforscher Jürgen Falter. Der Politikwissenschaftler konnte während eines USA-Aufenthalts den Effekt bei seinen eigenen Kindern beobachten, die in Minneapolis am Kids Voting teilnahmen. »Die Begeisterung war enorm, die Kinder beginnen sich selbst aktiv politische Informationen zu beschaffen.«

Die Kumulus-Leute trafen mit ihrem »Projekt Juniorwahl« bei deutschen Politikern aber zunächst auf Unverständnis. Als sie zur schleswig-holsteinischen Landtagswahl im vergangenen Februar die Kieler Parlamentarier um Unterstützung anschrieben, erhielten sie nicht eine einzige Antwort.

Auch in Nordrhein-Westfalen stießen die Demokratie-Trainer auf keine Gegenliebe. Er sehe keinen Sinn darin, ein »apolitisches, fiktives Projekt« zu fördern, antwortete der damalige SPD-Fraktionschef Manfred Dammeyer. Im Übrigen könne man »die Lehrer nicht dienstlich verpflichten, eine Spaßwahl durchzuführen«, erklärte ein Sprecher des Bildungsministeriums.

Beim dritten Anlauf, zur Wahl in Baden-Württemberg im kommenden März, fanden Juniorwahl-Initiatoren Unterstützung bei der Stuttgarter Kultusministerin Annette Schavan (CDU). Die Ministerin will zunächst einer repräsentativen Auswahl von Schulen ab der achten Klasse die Teilnahme an der Juniorwahl empfehlen. Landtagspräsident Peter Straub (CDU) signalisierte, dass er - professionelle Organisation vorausgesetzt - die Schirmherrschaft übernehmen könnte.

Die Landeszentrale für politische Bildung beteiligt sich an der Erarbeitung des Unterrichtsmaterials, das per CD an alle Schüler verteilt werden soll. Und anders als in den USA soll zudem die Stimmabgabe gleich elektronisch und per Internet erfolgen. Die Infrastruktur will die »Forschungsgruppe Internetwahlen« des Osnabrücker Informatikers Dieter Otten stellen.

Für die anfallenden Kosten, rund eine halbe Million Mark, will die Stuttgarter Landesregierung mangels Etatposten allerdings nicht aufkommen. »Ab sofort«, so versprechen Wolff und Müller, werde Kumulus wie das amerikanische Vorbild bundesweit um Sponsoren werben, möglichst bis hinein ins Bundespräsidialamt.

Denn die Projekt-Präsentation beginnt stets mit einem Zitat aus der gemeinsamen Erklärung von Johannes Rau sowie der Vorgänger Roman Herzog und Richard von Weizsäcker aus dem September 1999. »Vor allem muss die jüngere Generation«, so kündeten die ersten Bürger der Republik damals, »stärker als bisher von klein auf in demokratische Lebensformen hineinwachsen können.« HARALD SCHUMANN

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