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28. März 2011, 14:59 Uhr

Fukushima

AKW-Betreiber bittet Franzosen um Hilfe

In Reaktor 2 des havarierten Kraftwerks Fukushima hat sich eine Kernschmelze ereignet, so viel scheint nun sicher. Im Kampf gegen den drohenden Super-GAU wendet sich Betreiber Tepco an französische Firmen. Die Evakuierungszone rund um die Meiler soll trotz alledem nicht ausgeweitet werden.

Tokio - Seit zwei Wochen versuchen die Einsatzkräfte, die Lage im havarierten AKW Fukushima I unter Kontrolle zu bringen - selten gibt die Betreiberfirma Tepco dabei ein gutes Bild ab. Nun bitten die Japaner französische Firmen um Hilfe. Es seien Unternehmen wie EdF und Areva angesprochen worden, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Montag.

Zuvor hatte die Regierung bekanntgegeben, dass in Reaktor 2 vermutlich eine teilweise Kernschmelze stattgefunden hat. Sie soll auch der Grund für das stark verstrahlte Wasser sein, das in Block 2 gefunden wurde. Man glaube aber, dass der Prozess gestoppt sei, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Zum genauen Zeitpunkt der vermuteten Kernschmelze machte er keine Angaben. Schon in den ersten Tagen nach Beginn der Katastrophe hatte Tepco von einer möglichen "partiellen Kernschmelze" gesprochen, diese Angaben aber später zurückgenommen.

Zum ersten Mal wurde am Montag auch außerhalb des Gebäudes von Reaktor 2 stark radioaktives Wasser entdeckt. In mehreren Kontrollschächten eines unterirdischen Kanals, der aus dem Turbinengebäude des Reaktors hinausführt, habe sich verstrahltes Wasser angesammelt, teilte ein Tepco-Sprecher mit. Die Radioaktivität betrage 1000 Millisievert pro Stunde.

Die Kontrollschächte, in dem Kabel und Abwasserleitungen verlaufen, befinden sich demnach rund 60 Meter vom Meer entfernt. Möglicherweise sei auf diese Weise verseuchtes Wasser in den Ozean gelangt. Bereits am Sonntag war ähnlich stark radioaktiv verseuchtes Wasser im Untergeschoss des Turbinengebäudes entdeckt worden, insgesamt stand in vier Reaktoren radioaktives Wasser.

Am Montag wurde auch 30 Meter außerhalb der Reaktoren 5 und 6 stark radioaktiv belastetes Meerwasser entdeckt. Nach Angaben der Atomaufsichtsbehörde lagen die Werte radioaktiven Jods 1150-mal über dem Normalwert. An den beiden Reaktoren waren bis zum verheerenden Tsunami Wartungsarbeiten vorgenommen worden. Die Blöcke 5 und 6 gelten als einzige im AKW Fukushima als stabil.

Japan lehnt Greenpeace-Forderung ab

Die Regierung rief die Anwohner dringend auf, nicht in ihre Häuser im 20-Kilometer-Evakuierungsradius um das AKW zurückzukehren. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk kontaminiert ist, und es gibt derzeit ein großes Risiko (für die Gesundheit)", sagte Regierungssprecher Edano laut Kyodo. Anwohner sollten die Evakuierungszone nicht betreten, bevor die Regierung grünes Licht gebe.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte zuvor eine Ausweitung der Evakuierungszone gefordert. In dem Ort Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, gebe es eine so hohe Strahlenbelastung, dass eine Evakuierung notwendig sei, so Greenpeace. Vor allem für Kinder und Schwangere sei es dort nicht sicher. Die Regierung wies die Forderung jedoch zurück.

Scharfe Kritik am AKW-Betreiber Tepco

Tepco hatte am Wochenende widersprüchliche Angaben zur Höhe der Strahlung gemacht. Edano kritisierte den Umgang des Betreibers mit den Messwerten scharf. Das Vorgehen sei "inakzeptabel". Die japanische Atomaufsichtsbehörde wies den AKW-Betreiber an, Maßnahmen zu treffen, damit es nicht wieder zu solchen Irrtümern komme.

Die Techniker arbeiten in der Atomruine weiter daran, das hoch radioaktive Wasser aus den Gebäuden zu pumpen. Das ist nötig, damit die Arbeiten an der Wiederherstellung der Stromversorgung und der Kühlung fortgesetzt werden können.

Bisher wurden 19 Arbeiter bei der Rettungsaktion stärker verstrahlt - sie waren einer Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt. Drei Arbeiter, die am vergangenen Donnerstag einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt waren, wurden nach Angaben von Kyodo am Montag aus dem Krankenhaus entlassen.

hut/AFP/Reuters/dpa

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