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17. März 2011, 07:59 Uhr

Fukushima

Freiwillige wollen im Unglücks-AKW helfen

Im Kampf gegen die Katastrophe in Fukushima setzt Japan jetzt auf einen Dreipunkteplan: Hubschrauber und Wasserwerfer versuchen die Reaktoren zu kühlen, zudem wird eine Stromleitung zu dem AKW verlegt. Laut einem BBC-Bericht haben sich Freiwillige gemeldet, die den Arbeitern helfen wollen.

Tokio - Es wirkt wie ein Tropfen auf den heißen Stein: In einem auf Fernsehbildern winzig aussehenden roten Behälter holt ein Hubschrauber Wasser aus dem Meer und schüttet es über dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ab. Das Wasser verteilt sich über den zerstörten Reaktor wie aus einer Sprinkleranlage. Was diese Maßnahme bringt, ist noch unklar. Aber sie ist einer der entscheidenden Bestandteile des Drei-Punkte-Plans zur Verhinderung einer verheerenden Atomkatastrophe in Japan: Hubschrauber und Wasserwerfer sollen die Reaktoren kühlen, bis zum Abend soll zudem eine neue Stromleitung gelegt werden.

Freiwillige wollen die Arbeiter in dem zerstörten AKW offenbar unterstützen. Die Betreibergesellschaft Tepco habe einen Aufruf nach etwa 20 freiwilligen Helfern zur Abwendung einer nuklearen Katastrophe gestartet, Firmenmitarbeiter und Mitarbeiter anderer Unternehmen hätten sich gemeldet, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji am Donnerstag. Unter ihnen sei ein kurz vor der Rente stehender Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Kernenergieproduktion. Tepco bestätigte die Angaben zunächst nicht.

Über den Internetkurznachrichtendienst Twitter zeigte sich eine Japanerin stolz und verängstigt, dass ihr Vater bei den Arbeiten helfen wolle. "Ich habe gegen die Tränen gekämpft, als ich gehört habe, dass mein Vater, der in einem halben Jahr pensioniert werden soll, sich zur Mithilfe bereit erklärt hat", schrieb sie. Er habe gesagt, die Zukunft der Atomgeneration hänge davon ab, wie Japan mit der Katastrophe umgehe, hieß es weiter. "Ich begebe mich auf eine Art Mission", zitierte die Frau ihren Vater.

Unterdessen läuft der Rettungsversuch aus der Luft: Am Donnerstag warfen zwei Armee-Hubschrauber Wasser über dem Reaktor 3 ab, dessen Dach bei einer Explosion abgerissen worden war. Der Fernsehsender NHK zeigte um kurz vor 10 Uhr Ortszeit Live-Bilder. Jeder der zwei Hubschrauber des Typs CH-47 Chinook kann dem Sender zufolge 7,5 Tonnen Wasser fassen. Allerdings durften die Helikopter nicht über dem Kraftwerk kreisen, sondern mussten im Vorbeifliegen Wasser abwerfen.

Mit Blei verstärkte Hubschrauber

Das Wasser soll die Temperatur im Kraftwerksinneren senken und das Abklingbecken wieder auffüllen. Wie viele Tonnen Wasser die Hubschrauber abwarfen, blieb zunächst unklar. Fraglich war auch, wie zielgenau sie während des etwa halbstündigen Einsatzes trafen und ob sich die gewünschte Abkühlung einstellte.

Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa erklärte nach dem Manöver, anders als noch am Mittwoch hätten die gemessenen Strahlenwerte am Donnerstag einen Lufteinsatz zugelassen. Zuletzt sei eine Strahlung von 4,13 Millisievert pro Stunde gemessen worden. Die Helikopter sind laut NHK mit einer Bleiplatte am Boden verstärkt, mit der die Besatzung vor radioaktiver Strahlung geschützt werden soll.

Der gewünschte Erfolg scheint jedoch ausgeblieben zu sein: Der Einsatz habe die Intensität der radioaktiven Strahlung am AKW nicht verändert. Die Dosis sei gleichgeblieben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf den AKW-Betreiber Tepco. Der Fernsehsender NHK berichtete ebenfalls von unveränderten Werten.

Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums räumte ein, dass sich ein Großteil des Wassers möglicherweise bereits in der Luft zerstreut habe. Der Einsatz soll aber weitergehen. Mindestens Dutzende weitere Wasserladungen sollten in den jeweils 40 Minuten abgeworfen werden, die eine Hubschrauberbesatzung arbeiten kann, ehe sie wegen der Strahlenbelastung abgelöst werden müsse.

Wasserwerfer stehen bereit

Die Brennelemente in Reaktor 3 enthalten hochgiftiges Plutonium und liegen teilweise frei. Die Angaben der Behörden zum Zustand des Reaktors sind jedoch oft widersprüchlich: Die wichtige innere Reaktorhülle des Blocks 3 sei möglicherweise beschädigt, hatte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch berichtet. Später hieß es, die Hülle sei intakt.

Auch auf dem Landweg wird versucht, Wasser zu den zerstörten Reaktoren zu bringen. Am Nachmittag will die Polizei beginnen, die beschädigten Reaktoren mit Wasserwerfern abzukühlen. Bei Reaktor 4 etwa ist das Dach noch teilweise intakt, das erschwert den Einsatz aus der Luft. Elf Spezialfahrzeuge würden eingesetzt, sagte Kitazawa. Äußerungen von US-Beamten zufolge gab es im Reaktorblock 4 ähnliche Probleme wie in Reaktor 3: Der US-Atomsicherheitsbehörde NRC zufolge gibt es im Abklingbecken des Blocks kein Wasser mehr.

Parallel reparieren AKW-Techniker die Stromversorgung. Damit soll in einem weiteren Schritt die defekte Kühlung wieder in Gang gebracht werden. Bis zum Nachmittag könnte sie teilweise wieder stehen, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Atomsicherheitsbehörde. Ein Tepco-Sprecher sagte, die Stromleitung sei fast fertig und solle "sobald wie möglich" ausprobiert werden. Er nannte aber keinen genauen Zeitpunkt.

Von den ursprünglich 800 Mitarbeitern des AKW waren zunächst nur 50 übrig geblieben, um gegen die Katastrophe anzukämpfen. Die Zahl der Helfer wurde inzwischen aber aufgestockt - laut CNN auf 180, laut ABC sogar auf 200 Mann.

"In den nächsten 48 Stunden entscheidet es sich"

Internationale Fachleute beurteilen die Lage äußerst kritisch: Laut der US-Atomregulierungsbehörde NRC liegen die Brennstäbe in Reaktor 4 wahrscheinlich komplett frei. Regierungssprecher Yukio Edano sagte am Donnerstag, die Kühlversuche in den Reaktoren 5 und 6 hätten noch nicht begonnen. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo weiter mitteilte, sank der Wasserstand in Block 5, der Druck stieg.

Sollte die Kühlung der abgebrannten Brennelemente nicht gelingen, ist nach Einschätzung des französischen Instituts für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) mit einer nuklearen Verseuchung größeren Ausmaßes zu rechnen. "In den nächsten 48 Stunden entscheidet es sich", sagte IRSN-Direktor Thierry Charles am Mittwoch.

In der Präfektur Fukushima verlassen immer mehr Menschen ihre Häuser und bringen sich in Sicherheit. Wie der Fernsehsender NHK berichtete, flohen weitere 28.000 Menschen vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung. Die USA halten die von Japan eingerichtete Sicherheitszone von 30 Kilometern jedoch für zu gering. Sie ziehen ihre Bürger aus einem Umkreis von 80 Kilometern ab.

Auch der Gouverneur der Präfektur Fukushima kritisierte die bisherigen Evakuierungsvorbereitungen als unzureichend. "Die Angst und Entrüstung, die Menschen in Fukushima empfinden, haben den Siedepunkt erreicht", sagte Yuhei Sato dem japanischen Fernsehsender NHK.

Weiter im Nordosten kämpfen die Menschen unterdessen gegen bittere Kälte. Benzin und Nahrungsmittel werden immer knapper.

Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer nach der Naturkatastrophe in Japan steigt weiter. Binnen weniger Stunden korrigierte die Polizei ihre Angaben noch einmal deutlich nach oben und nannte laut dem Fernsehsender NHK fast 5200 Tote. Mindestens 9000 Menschen gelten zudem noch als vermisst. Stündlich schwinden die Chancen, in den vom Beben und den Riesenwellen verwüsteten Gebieten noch Menschen lebend zu retten.

siu/dpa/dapd

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