Fotostrecke

Fukushima: Wütende Nachbarn

Foto: Mast Irham/ dpa

Fukushima-Krise China wirft Japan bewusste Täuschung vor

Japan hat radioaktiv verstrahltes Wasser in den Pazifik geleitet - und seine Nachbarn erst anschließend darüber informiert. Vor allem Peking ist verärgert, fordert eine Entschuldigung. Die Reaktion aus Tokio kommt prompt.

Tokio - Japans Beziehungen zu seinen Nachbarn sind zunehmend belastet: Die Einleitung radioaktiv verseuchten Wassers in den Pazifik hatte China, Russland und Südkorea ohnehin bereits verärgert. Nun gab Außenminister Takeaki Matsumoto zu, dass Japan erst nach Beginn der Einleitung die Botschaften der Pazifik-Anrainerstaaten informiert habe. Das meldet die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch.

"Es ist wahr, dass unsere Benachrichtigung erst versendet wurde, nachdem der Wasserabfluss begonnen hat", sagte Matsumoto im Parlament. Inzwischen seien die Kommunikationskanäle jedoch verbessert worden. "Wir bedauern, dass wir bei der Weitergabe der Informationen zwei Minuten zu spät waren."

China, Russland und Südkorea hatten die Entsorgung von schwach verstrahltem Wasser aus den Unglücksreaktoren wiederholt massiv kritisiert und umfassende Schutzmaßnahmen gefordert. Vor allem China verschärfte seinen Ton gegenüber der japanischen Regierung wegen ihres Umgangs mit der Atomkatastrophe.

Die regierungsnahe chinesische Zeitung "Global Times" forderte eine Entschuldigung des japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan gegenüber den Nachbarstaaten. Sie warf Kan und seiner Regierung vor, die "Wahrheit" über das Ausmaß der Katastrophe verschwiegen zu haben. Wegen der "bewussten Täuschung" schulde Kans Regierung seinen Nachbarn eine "ernsthafte offizielle Entschuldigung", schrieb das der Kommunistischen Partei nahestehende Blatt.

China kritisiert milde Berichte westlicher Medien

Den westlichen Regierungen und Medien warf "Global Times" ungewöhnliche Milde gegenüber dem japanischen "Fehlverhalten" vor. "Hätten EU und USA ebenso viel Toleranz an den Tag gelegt, wenn es in China zu einem derartigen Zwischenfall gekommen wäre?", hieß es in dem Kommentar.

Am Dienstag, vier Wochen nach Beginn der Katastrophe, hatte die japanische Aufsichtsbehörde Nisa den Unfall im Atomkraftwerk Fukushima auf dieselbe Bewertungsstufe wie Tschernobyl heraufgesetzt. In den Wochen davor hatte Peking wiederholt von Tokio Transparenz über das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung angemahnt. Am Dienstag forderte Ministerpräsident Wen Jiabao erneut seinen japanischen Kollegen auf, "China sofort und umfassend" über alle Entwicklungen in der Krise zu informieren und umfasende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Chinas Regierung und sein Volk seien beunruhigt über den Abfluss von bisher rund 10.000 Tonnen belasteten Wassers ins Meer. "Wir fordern die japanische Regierung auf, die Besorgnisse über die Auswirkungen auf die maritime Umwelt und benachbarte Länder ernst zu nehmen." Chinas Gesundheitsministerium verlangte von den Behörden in 14 Küstenregionen, das Meerwasser beständig auf Radioaktivität zu untersuchen.

Aus Angst vor der Strahlenbelastung boykottieren viele Chinesen den Verzehr von Fisch, der vor der Küste von Dalian in Nordostchina unweit der koreanischen Halbinsel und Japan gefangen wird.

Angst vor "radioaktiver Ansteckung"

Auch in Japan selbst wächst die Sorge vor radioaktiver Belastung. Für eine Aufnahme in den Notunterkünften für Tsunami-Opfer müssen Bewohner aus der Umgebung des havarierten AKW neuerdings nachweisen, dass sie nicht radioaktiv verstrahlt sind. Können sie die amtliche Bescheinigung nicht vorlegen, werden sie abgewiesen.

Die Angst vor einer "radioaktiven Ansteckung" geht inzwischen so weit, dass ein Krankenhaus in Fukushima die Behandlung eines achtjährigen Mädchens aus Minamisoma verweigerte, nur weil es keinen Unbedenklichkeitsschein hatte. "Das war ein Schock", sagte ihr Vater Takayuki Okamura der Zeitung "Mainichi". "Als hätten wir mit unserem neuen Leben als Evakuierte nicht schon genug Sorgen." Die Kleine hatte demnach bereits einen Termin für die Haut-Behandlung.

Ausgestellt werden die Bescheinigungen von den Behörden der Präfektur Fukushima. Ziel der Initiative sei es eigentlich gewesen, den Menschen in den Auffangzentren die Panik vor ihren Schicksalsgenossen aus der Evakuierungszone um Fukushima zu nehmen, sagte ein Vertreter der Gesundheitsdienste. Er betonte, außer den Kraftwerksarbeitern sei niemand aus den Evakuierungszonen gefährlich für seine Mitmenschen - "die Leute übertreiben".

Ungeachtet eines Nachbebens der Stärke 5,8 hat der Flughafen Sendai am Mittwoch wieder seinen Betrieb aufgenommen. Kurz nach acht Uhr (Ortszeit) morgens landete die erste Maschine aus Tokio. Der rund hundert Kilometer von der Atomruine Fukushima entfernte Flughafen war vor gut einem Monat von dem Jahrhundert-Tsunami überschwemmt worden.

wit/AFP/dpa
Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.