Fukushima Schwäbische Pumpen gegen den Super-GAU

Ein deutsches Unternehmen liefert Spezialpumpen nach Fukushima, die Maschinen sind die weltweit größten ihrer Art. Was sie im Einsatz wertvoll macht, ist nicht allein die bloße Wucht, mit der sie das Wasser herausschleudern - sondern ihre Präzision und Vielseitigkeit.

DPA

Von


Hamburg - Langsam verschwindet die riesige Betonpumpe auf dem Stuttgarter Flughafen im Bauch einer Antonov der Volga-Dnepr Airlines. Vormittags hebt das russische Frachtflugzeug mit seiner rund 60 Tonnen schweren Ladung ab. Ziel ist der Flughafen von Tokio.

Auf den Weg geschickt hat sie der baden-württembergische Hersteller Putzmeister. Das Unternehmen aus Aichtal im Kreis Esslingen hat sich eigentlich auf Betontechnologie und Großpumpen spezialisiert, verfügt jedoch auch über Erfahrung mit Katastrophen. Bereits beim Reaktorunglück von Tschernobyl sei das Unternehmen mit elf sogenannten Autobetonpumpen im Einsatz gewesen, um beim Bau der Betonhülle zu helfen, sagt Gerald Karch, Technischer Geschäftsführer von Putzmeister.

Nun soll im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima weitere Technik aus Deutschland eingesetzt werden. Bereits seit Anfang vergangener Woche fördert eine 58-Meter-Großmastpumpe des schwäbischen Herstellers Wasser zur Kühlung der Reaktoren von Fukushima.

Weitere Pumpen geordert

"Dieser Einsatz scheint wohl erfolgreich zu sein", sagt Karch. Schließlich habe die AKW-Betreiberfirma Tepco vier weitere Spezialmaschinen bestellt. Zwei von ihnen haben bei einer Höhe von 62 Metern je einen Arm mit sechs Knickgelenken; darunter jene, die jetzt versandt wurde. Die beiden anderen Pumpen sind jeweils 70 Meter hoch und haben einen Arm mit fünf Gelenken. Sie gelten als die weltweit größten ihrer Art.

Sie werden von Baustellen in den USA abgezogen, für den Einsatz in Japan nachgerüstet und sollen in den kommenden Tagen geliefert werden. Der genaue Termin hängt laut Unternehmensangaben davon ab, wann ein Antonov-Flugzeug für den Transport frei sei.

Normalerweise sind die Maschinen dafür konstruiert, Beton in große Höhen zu pumpen, etwa beim Bau von Wolkenkratzern. Doch seit langem schon gibt es einen Feuerlösch-Nachrüstsatz für die Geräte, so dass sie auch in Krisenfällen eingesetzt werden können.

Laut Karch haben die Pumpen drei Vorteile:

  • Sie sind mobil einsetzbar und unabhängig von externer Stromversorgung, da die Maschinen vom Dieselmotor des Lkw angetrieben werden, auf den sie montiert sind.
  • Sie können bis zu 160.000 Liter Wasser, mit einem Druck von 85 bar pro Stunde, in die Reaktoren pumpen - die zwei- bis dreifache Menge normaler Feuerwehrfahrzeuge. Im Unterschied zum Strahl aus Feuerwehrschläuchen und Löschkanonen wird der Wasserstrahl aus der Pumpe nicht vom Wind zerstäubt.
  • Durch die Knickgelenkarme erreichen die Pumpen fast jeden angepeilten Punkt. So kann auf größere Distanz das Kühlwasser zielgenau verteilt werden.

In Tokio gibt es eine Service-Niederlassung von Putzmeister. Dort werden die Pumpen umgerüstet und mit Videokameras bestückt, damit die Katastrophenhelfer, die per Fernsteuerung arbeiten, auch sehen können, wohin sie das Wasser leiten. Zudem, so Karch, würden dort die Mitarbeiter des japanischen Kraftwerkbetreibers Tepco in der Bedienung der Maschinen geschult. "Sie bekommen einen Crashkurs", sagt Karch. Eigene Mitarbeiter entsende das Unternehmen nicht ins Katastrophengebiet.

Japan verfüge nicht über mobile Pumpen dieser Größe, da Fahrzeuge mit sechs Achsen keine Straßenzulassung hätten, so Karch. Für die Pumpen seines Unternehmens seien Sondergenehmigungen erforderlich.

Hilfe aus dem Ausland

Die Lage in der Akw-Ruine bleibt extrem gefährlich, noch immer tritt Radioaktivität aus. Die japanischen Betreiber des Unglückskraftwerks nehmen daher zunehmend Hilfe aus dem Ausland an. Unter ihnen sind Experten des französischen Energieunternehmens Areva. Es gilt mit elf Milliarden Euro Jahresumsatz als größter Atomkonzern der Welt. Seit Jahren ist Areva in Japan aktiv.

Die Experten sollen den Technikern vor Ort im Umgang mit dem kontaminierten Wasser helfen. Die Arbeiter im Kernkraftwerk Fukushima müssen trotz verschiedener Lecks weiter Wasser in die Reaktoren pumpen, um sie zu kühlen - gleichzeitig müssen sie kontaminiertes Wasser abpumpen. "Die Menge Wasser ist enorm und wir können alles Wissen brauchen, das wir bekommen können", sagte Hidehiko Nishiyama, Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde.

Am Mittwochabend ist Areva-Chefin Anne Lauvergeon mit fünf Experten in Japan eingetroffen, um in der Atomkrise zu helfen - und die Geschäftsbeziehungen zu pflegen. In den vergangenen Jahrzehnten hat Areva seine Technik erfolgreich nach Japan exportiert.

Die Japaner hatten französische Hilfe - auch das Angebot, Roboter zu schicken - nach der Katastrophe zunächst abgewiesen. Später änderte Tepco seine Meinung.

Areva will Unterstützung ausweiten

Areva kündigte nun an, seine Unterstützung noch ausweiten zu wollen. Die Anfragen von Tepco nach technischer Unterstützung würden zunehmen, darauf werde reagiert, sagte der Chef von Areva Japan, Rémy Autebert.

Neben den französischen sind auch US-Experten am Kraftwerk im Einsatz. Sie haben Roboter zur Unterstützung mitgebracht, die bei Kampfeinsätzen in Afghanistan und im Irak erprobten wurden. Sie können Filmaufnahmen machen und Geröll wegräumen. Tokio gab außerdem die Einrichtung einer US-japanischen Kommission aus Atomexperten und US-Militärs bekannt, die sich mit der Fukushima-Krise befassen sollen.

Bereits am Mittwoch hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der japanischen Regierung im Kampf gegen die Atomkatastrophe technische Hilfe angeboten. Deutschland könne funkgesteuertes Spezialgerät zur Verfügung stellen, das für Aufräum- und Reparaturarbeiten an Reaktoren eingesetzt werden könne.

Solche Gerätschaften könnte beispielsweise der Kerntechnische Hilfsdienst (KHG) mit Sitz in der Nähe von Karlsruhe zur Verfügung stellen. Der Dienst steht eigenen Angaben zufolge mit Tepco sowie verschiedenen diplomatischen Stellen in Kontakt und hat Detailinformationen über die Hilfsmöglichkeiten geliefert. Eine konkrete Anforderung der japanischen Seite liege bislang jedoch nicht vor.

mit Material von dpa, dapd und AFP

insgesamt 109 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
timewalk 01.04.2011
1. Made in Germany
Zitat von sysopEin schwäbisches Unternehmen liefert Spezialpumpen nach Fukushima, die Maschinen sind die weltweit größten ihrer Art. Was sie*im Einsatz wertvoll macht, ist nicht allein*die bloße Wucht, mit der sie das Wasser heraus schleudern - sondern ihre Präzision und Vielseitigkeit. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754373,00.html
Deutschland rettet die Welt! Jetzt fehlt bloss noch die Wind & Solar Branche wieder als Branchen Weltmeister (Hat uns China abgeheimst).
Addams 01.04.2011
2. Zukunftsorientiertheit
Zitat von timewalkDeutschland rettet die Welt! Jetzt fehlt bloss noch die Wind & Solar Branche wieder als Branchen Weltmeister (Hat uns China abgeheimst).
Endlich mal ein Beispiel für die arbeitsmarktpolitische Nachhaltigkeit von Kernkraftwerken. Die Meisten hier verstehen nicht, was unsere Regierung vorhatte: Schaffung von deutschen Arbeitsplätzen auch noch in 25.000 Jahren. Na wenn das keine Zukunftsorientiertheit darstellt.
so_nicht 01.04.2011
3. Dankbarkeit
In sechs Monaten werden Großmastpumpen japanischen Designs auf den Markt kommen, die wunderbarer Weise dem deutschen Vorbild bis in Detail gleichen. Zum halben Preis. Aus Dankbarkeit. Wie in der Vergangenheit tausendfach geschehen.
Haio Forler 01.04.2011
4. .
Zitat von timewalkDeutschland rettet die Welt! Jetzt fehlt bloss noch die Wind & Solar Branche wieder als Branchen Weltmeister (Hat uns China abgeheimst).
Die Griechen können's halt nicht ;)
distributer 01.04.2011
5. Technische Geraete...
na hoffen wir mal, die Pumpen und Roboter halten die Strahlung aus. Vor ca. 27 Jahren mussten dann doch wieder Menschen ran und im 45 Sekundentakt das verstrahlte Geroell wegraeumen, weil die Maschinen nicht standhielten...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.