Fukushima-Unfall Behörden warnen vor Tokios Trinkwasser

Die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima belastet immer stärker die Bevölkerung der Millionenmetropole Tokio: Im Leitungswasser wurde erhöhte Radioaktivität gemessen, Kleinkinder sollten es nicht trinken. Außerdem zogen Behörden mehrere Gemüsesorten und Rohmilch aus dem Verkehr.

AFP

Tokio - Mizuki Okada wollte den Menschen im Katastrophengebiet im Nordosten Japans helfen, doch nun ist die Familie der Tokioterin selbst in Not. Die junge Frau packte gerade mit anderen Müttern Hilfsgüter zusammen, als sie erfuhr, dass in der Hauptstadt im Leitungswasser erhöhte Radioaktivität nachgewiesen wurde. Nun sorgt sich Okada um ihre beiden Kinder im Alter von drei Monaten und zwei Jahren.

"Das ist ein harter Rückschlag für uns", sagte Okada dem TV-Sender NHK. Sie und die anderen Mütter hätten gerade noch darüber gesprochen, nur das Leitungswasser zu benutzen - um möglichst viel Trinkwasser in das Katastrophengebiet liefern zu können. "Doch nun werde ich auf das Leitungswasser verzichten, um meine Muttermilch vor Verseuchung zu schützen", so Okada.

Die Tokioter Behörden hatten am Mittwoch in einer Wasseraufbereitungsanlage erhöhte Werte an radioaktivem Jod festgestellt - und eine Warnung herausgegeben: Kleinkinder bis zu einem Alter von einem Jahr sollten kein Leitungswasser mehr trinken, erklärte der Regierungschef der Hauptstadtregion, Shintaro Ishihara. Auch sollte mit dem Wasser keine Babynahrung zubereitet werden. Mit 210 Becquerel pro Kilogramm (siehe Kasten links) sei die Dosis doppelt so hoch wie für Kleinkinder erlaubt.

Laut der Tageszeitung "Mainichi" regelt das japanische Lebensmittelgesetz, Leitungswasser ab einem Jodgehalt von mehr als 100 Becquerel pro Kilogramm nicht für Baby-Nahrung zu verwenden. Der allgemeine Grenzwert liegt demnach bei 300 Becquerel.

Ishihara sagte, von dem erhöhten Wert gehe keine unmittelbare Gefahr aus. Das Wasser könne immer noch verwendet werden. Es sei für ältere Kinder und Erwachsene unbedenklich, das Leitungswasser in Tokio zu trinken, sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

Eltern sollen Kinder Wasser in den Hort mitgeben

Der erhöhte Gehalt an radioaktivem Jod war laut "Mainichi" im Leitungswasser aus dem Wasserwerk Kanamachi gemessen worden. Die Anlage wird aus dem Edo-Fluss gespeist und versorgt die 23 Bezirke Tokios sowie fünf angrenzende Regionen mit Leitungswasser.

Die japanische Regierung forderte die Bevölkerung auf, sich keine Vorräte mit Flaschenwasser anzulegen. Trinkwasser sei in den Katastrophenregionen im Nordosten weiterhin knapp, so Edano.

Als Mizuki Okada in den Supermarkt ging, um für sich und ihre Familie Mineralwasser zu kaufen, war es bereits ausverkauft. Ein Filialleiter eines Supermarktes sagte laut NHK, die Lieferung sei wegen der Katastrophe ohnehin begrenzt: "Morgen wollen noch mehr Menschen Trinkwasser kaufen."

Die 23 Bezirksämter der Millionen-Metropole warnen laut "Mainichi" die Menschen inzwischen vor der Verwendung des Leitungswassers für Baby-Nahrung, zum Teil im Internet, zum Teil über Kindertagesstätten. Verängstigte Eltern rufen die Bezirksämter an, um sich zu informieren. Der Bezirk Shibuya bittet die Eltern, ihren Kindern Mineralwasser in den Hort mitzugeben, die Bezirke Shinju und Daito haben bereits Flaschen bestellt.

"Kinder könnten versehentlich Badewasser schlucken"

Hitomi Amano hat bereits erste Vorsichtsmaßnahmen getroffen. "Aus Angst vor verseuchtem Leitungswasser habe ich heute den Reis mit Mineralwasser gekocht", sagte die junge Frau dem Sender NHK. Sie habe vier Mineralwasserflaschen als Reserve zu Hause, die aber schnell verbraucht sein würden. "Selbst wenn Mineralwasser nicht schon überall ausverkauft wäre - es wäre zu teuer, unseren ganzen Wasserbedarf damit abzudecken", so Amano.

Hitomi Amano hat vor allem Angst um ihre beiden Töchter, die einen Monat und zwei Jahre alt sind. "Wenn die Kinder baden, könnten sie beim Spielen versehentlich das Badewasser schlucken", so die junge Mutter. Sie wünsche, dass der Staat schnell Maßnahmen ergreife: "Damit wir sorglos das Leitungswasser benutzen können."

Wegen erhöhter Strahlungswerte hatte die Regierung zuvor bereits die Ausfuhr mehrerer landwirtschaftlicher Produkte aus Präfekturen im Umkreis des Kraftwerks untersagt. Laut dem japanischen Gesundheitsministerium wurden in elf Gemüsesorten sowie in Milch weit über der erlaubten Grenze liegende Radioaktivitätswerte festgestellt. Ministerpräsident Naoto Kan ordnete einen Lieferstopp für Brokkoli und das japanische Gemüse Komatsuna aus der Region Fukushima sowie für Rohmilch und Petersilie aus der Präfektur Ibaraki an, wie die Nachrichtenagentur Jiji mitteilte.

Wie die Zeitung "Mainichi" berichtete, hatte das Ministerium für Gesundheit und Arbeit am Mittwochmorgen kurzfristig 35 Lebensmittel geprüft. Demnach wurden sogar in 21 Agrarprodukten der Grenzwert von Jod überschritten, in 25 der Grenzwert von Cäsium.

Keine erhöhten Strahlenbelastungen in der EU entdeckt

Weltweit steigt die Sorge über mögliche Auswirkungen des Atomunglücks von Fukushima. Die US-Behörden kündigten in der Nacht zum Mittwoch strenge Importvorschriften für Lebensmittel aus dem Land an und verhängten einen Einfuhrstopp für Milch, Gemüse und Früchte aus vier japanischen Verwaltungsbezirken. Südkorea könnte folgen. Auch die Europäische Union soll sich nach dem Willen Frankreichs mit Importen aus Japan befassen.

Bislang sind in der EU bei Kontrollen von Lebensmitteln aus Japan keine erhöhten Strahlenbelastungen aufgefallen. "Es wurde nichts entdeckt", sagte der Sprecher von EU-Gesundheits- und Verbraucherkommissar John Dalli. Schon in der vergangenen Woche hatte die EU die 27 Mitgliedstaaten aufgefordert, aus Japan eingeführte Lebensmittel zu untersuchen. Nun lägen erste Ergebnisse vor. Falls ein Staat kontaminierte Lebensmittel entdeckt, kann er über ein Schnellwarnsystem eine entsprechende Mitteilung an die EU-Länder gegeben.

Auch Deutschland verstärkt seine Vorsichtsmaßnahmen: Vor allem bei Fisch und Fischerzeugnissen solle die Strahlenbelastung überprüft werden, teilte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) mit. Eine Gefährdung deutscher Verbraucher durch kontaminierten Fisch aus Japan könne derzeit ausgeschlossen werden. Wegen des verheerenden Tsunamis ist der Handel mit Japan nach Aigners Worten ohnehin praktisch zum Erliegen gekommen.

Internationale Atomenergiebehörde beklagt mangelnde Informationen

Im Katastrophen-AKW Fukushima ist die Lage nach wie vor nicht unter Kontrolle. Das Gelände wurde zeitweise evakuiert, nachdem schwarzer Rauch aus dem Gebäude von Reaktor 3 aufstieg. Die Ursache war nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Tepco zunächst nicht klar. Ein für den Nachmittag geplanter Einsatz der Tokioter Feuerwehr wurde abgesagt.

Am Mittwoch wurde wieder deutlich höhere Radioaktivität festgestellt als in den Tagen zuvor. Die Strahlenbelastung im Bereich von Reaktor 2 war nach Angaben der japanischen Atomaufsicht so hoch wie noch nie.

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA beklagte sich über mangelnde Informationen aus Japan. Es gebe keine Angaben über Temperaturen von verbrauchten Brennstäben in den Reaktoren 1, 3 und 4. Es trete noch immer Strahlung aus, und man wisse nicht, woher diese komme, erklärte die Behörde.

Das Erdbeben mit dem anschließenden Tsunami ist Schätzungen zufolge die teuerste Naturkatastrophe der Weltgeschichte. Die japanische Regierung schätzt die Schäden auf umgerechnet etwa 220 Milliarden Euro. Darin sind etwa Zerstörungen von Straßen, Wohnungen oder Fabriken eingerechnet, nicht aber Folgen wie durch die Stromausfälle. Mindestens 23.000 Menschen kamen ums Leben oder werden vermisst.

Mitarbeit: Yasuku Mimuro

siu/dpa/AFP/dapd



insgesamt 56 Beiträge
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Gluehweintrinker 23.03.2011
1. Diskutieren - worüber?
Die radioaktive Belastung des Trinkwassers in Tokyo ist doppelt so hoch wie erlaubt. Was gibt es hier zu diskutieren? Es wird sich nun hoffentlich zeigen, ob das Märchen vom "billigen Atomstrom" endlich als solches entlarvt wird. Laut Statistik ist mit einem Super-GAU alle 25 Jahre zu rechnen, irgendwo auf der Welt. Es muß nicht wieder, wie man jetzt sieht, kein dünn besiedeltes Land wie die Ukraine treffen. Dann rechne man bitte die gesamtgesellschaftlichen Kosten des Unfalls in den Strompreis mit ein. Na, immer noch "billig"?
cosmo72 23.03.2011
2. Ist erst mal was passiert lässt man einfach eintweichen, in die Nahrungskette ???
Industrielöschkanonen für Oelfeuer auf die Türme in Fukushima! 22700 l/min wäre die Maximalleistung *mal 3!* Es gibt Möglichkeiten, welche viele Probleme (andauernde Einsätze von Menschen, komplexe Montage im stark strahlenden Bereich) umgehen. Ferngesteuerte Löschkanonen für Industriebrände (http://www.williamsfire.com/product/aa90b7af-5367-4d42-8bd3-491ff270e194/Ambassador_2X6_Gun_Trailer.aspx) auf den Türmen oberhalb der Reaktoren in einer sehr günstigen Löschposition abgesetzt - auf einem unten Konisch geformten Zylinder montiert, dieser sinkt bis zu einer angebrachten Begrenzungsschürze ein! Diese Konstruktion wird dauerhaft Wasser in der Größenordnung von mehreren tausend Litern mal 3 Türme (unter Volllast 22.700 Liter pro Löschkanone in der Minute) – ferngesteuert zur Verfügung stellen, da für große Ölbände gebaut und auf Dauerbetrieb ausgelegt. Volllast dürfte zwar aufgrund der statischen Belastung des Turmes (Rückstoß der Wasserkanone) und der Pumpenleistung der oben eingetauchten Pumpe niedriger ausfallen, aber dafür stetig sein! * Diese Wassermenge kann genutzt werden, um zu Löschen, Kühlen und Partikel aus den atomaren Rauch/Dampfwolken auszuwaschen – da haben wir sogar hier was von!!* Der Zylinder hat einen großen Rand - so dass er oben im Schornstein aufsitzt, sich sozusagen selbst befestigt und vom Wasser beschwert wird - im Zylinder liegt eine Tauchpumpe, die vom Boden elektrisch versorgt werden muss! Das muss mittels Generatoren erreicht werden, die aber von der gebrauchten Leistung bei ca. 600 PS liegen! Als Lösch- und Kühlmittel wird Seewasser herangeführt - Pumpen am Meer versorgen diese Zylinder mit Wasser, es kann Bor beigefügt werden als Neutronenfänger! Aber wer wie ich schon seit Montag Abend letzter Woche bei einem japanischen Konsulat (Frankfurt), japanische Botschaft, den Büros der Professoren und Experten, beim Katastrophenschutz und anderen Einrichtungen funktional durchaus plausible Lösungen vorzuschlagen versucht, kann nur eines erleben! Nämlich das solche Katastrophen und die Verschlimmerung der Auswirkungen nur einem geschuldet sind - der unglaublichen Bürokratie und Einfältigkeit eines Großteils unserer Gesellschaft! Natürlich muss gefiltert werden – aber das bedeutet nicht das 100% aller Vorschläge oder Lösungsansätze von außen schlechter sind, als intern verfolgte oder erdachte und natürlich sind aber die Möglichkeiten zur Abwägung und Analyse beschränkt. Aber was Behörden, Ingenieure und Beamte "leisten" ist ja wieder gut zu sehen! Da werden auch SIE was von haben – Pazifiklachs fällt zumindest schon aus! Auf Hunderte denken nur wenige selbst, noch weniger entscheiden und die meisten hoffen aus diesem System der "Zuständigkeiten" käme dann eine Lösung! Falls dem so wäre müsste ich abseits der Atomkatastrophe keinen TickermMeldungen lesen, daß in _JAPAN MENSCHEN OHNE WASSER SIND UND TEILS HUNGERN! - IN JAPAN! _ die Lösungen die so ein System produziert sehen sie im Fernsehen! Das ist ein Industrieland – Berlin wurde in kürzester Zeit voll aus der Luft versorgt? Warum werden da nicht Paletten aus militärischen Transportmaschinen eingesetzt! *Wäre eine Auswaschlösung eingesetzt worden - hätte Tokio vielleicht geringere Sorgen?! http://jltt.de/Top_Mounted_Water_Cannon_Proposal_for_Fukushima.html Was mir Sorgen macht, ist das Lösungen dieser Art nicht mal für Deutschland geplant scheinen!*
Da_Niel 23.03.2011
3. verseuchtes Gebiet
Zitat von sysopDie Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima belastet immer stärker die Bevölkerung der Millionenmetropole Tokio: Im Leitungswasser wurde erhöhte Radioaktivität gemessen, Kleinkinder sollten es nicht trinken. Außerdem zogen Behörden mehrere Gemüsesorten und Rohmilch aus dem Verkehr. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752768,00.html
der Edo-Fluss ist ein Arm des Tone-Flusses ( http://en.wikipedia.org/wiki/Edo_River ) und der Tone-Fluss fließt aus dem Westen Japans nach Tokio... scheint so, als würden sich die strahlenden Isotope einfach nicht an die 20-30Km Evakuierungszone halten wollen...
elbröwer 23.03.2011
4. widerlich
Es ist wie in der BRD, die Schäden werden vergesellschaftet die Profite gehen an die Aktionäre. Kapitalismus ist schon was tolles! Es sei denn man ist Mensch und betroffen dann sollte man bereit sein für das überlegen System zu sterben.
wusson 23.03.2011
5. .
"Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA beklagte sich über mangelnde Informationen aus Japan. Es gebe keine Angaben über Temperaturen von verbrauchten Brennstäben in den Reaktoren 1, 3 und 4. Es trete noch immer Strahlung aus, und man wisse nicht, woher diese komme, erklärte die Behörde." Und dann wunderen sich manche hier über aufkommende Spekulationen...?
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