Deutscher EM-Berater in Kiew Der Spielmacher

Er half 2006, das deutsche Sommermärchen zu arrangieren - jetzt ist Michael Hamalij EM-Berater in der Ukraine. Er soll in Kiew für Fußball-Euphorie sorgen. Sein Rezept: "Politik lassen wir beiseite."
EM-Berater Hamalij: "Sie werden überrascht sein, was Kiew alles zu bieten hat"

EM-Berater Hamalij: "Sie werden überrascht sein, was Kiew alles zu bieten hat"

Foto: dapd

Der Mann federt die Treppen hinauf. Michael Hamalij, 45, betritt sein Büro in der Kiewer Stadtverwaltung, 13. Stock, ein trister Betonblock. Die Fassaden neuer Hotels und Hochhäuser aus Glas und Stahl schimmern durch die milchigen Scheiben. Kiews Olympiastadion, in dem am 1. Juli das Finale der Fußball-Europameisterschaft angepfiffen wird und dessen Umbau 585 Millionen Euro verschlungen hat, duckt sich hinter die zerrissene Skyline der ukrainischen Hauptstadt.

Auf Hamalijs Laptop pappen zwei Aufkleber. "Fifa-WM-Stadt Hamburg" steht auf dem einen, "EURO-2012-Gastgeber-Stadt Kiew" auf dem anderen. Während der Weltmeisterschaft 2006 betreute Hamalij im Auftrag des DFB das ukrainische Team. Torjäger Andrej Schewtschenko, 2004 Europas Fußballer des Jahres, lud ihn zu einer Runde Golf ein, mit Kapitän und Bayern-Spieler Anatolij Tymoschtschuk ist Hamalij befreundet.

Seit 2010 nun berät der Deutsche Kiews Stadtverwaltung. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das Frankfurter Centrum für internationale Migration haben ihn entsandt. Hamalij hilft dabei, die ukrainische Hauptstadt fit zu machen für das erste große Turnier, das in Osteuropa ausgetragen wird.

Manchmal, wenn Hamalij mit Schlips und Anzug ins Büro kommt, nennen ihn die ukrainischen Kollegen halb im Scherz und halb bewundernd "Spez-Agent", als sei er eine Art James Bond unter den Eventmanagern. Das ist freilich übertrieben. In der Sprache des Fußballs gesprochen ist Hamalij ein erfahrener Legionär. Er ist der Spielmacher, den sie nach Kiew geholt haben.

Die Euphorie von damals in die Ukraine bringen

Hamalij hat die Einrichtung einer Fan-Zone durchgedrückt mit einer 150 Quadratmeter großen Leinwand auf dem Platz der Unabhängigkeit, dem Ort, der als "Maidan" während der Orangenen Revolution 2004 weltweit bekannt wurde. Er hat bei den Stadtvätern um Verständnis für die Schweden geworben, die ihre Vorrundenspiele in Kiew austragen und deren Fans vor Anpfiff traditionell zu Zehntausenden durch die Stadt zu marschieren pflegen. Hamalij hat sogar Kiews Verwaltungschef, einen eher öffentlichkeitsscheuen Ex-Offizier des Geheimdienstes, überredet, den Schweden-Marsch anzuführen. Der britische Sänger Elton John soll auf der Maidan-Bühne singen, die Verhandlungen mit dem Star sind fast abgeschlossen.

Es sind verworrene Pfade, die Hamalij nach Kiew geführt haben. 1966 wurde er als Sohn ukrainischer Eltern am Niederrhein geboren. Mutter und Vater waren im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschleppt worden, so wie mehr als zwei Millionen Ukrainer. Doch während die meisten nach Kriegsende emigrierten, in die USA vor allem und nach Kanada, blieben Hamalijs Eltern. "Mutter kam als erstes in ein Lager bei Hamburg, Vater kam über München, Mitte der fünfziger Jahre haben sie sich dann in Mönchengladbach getroffen", sagt Hamalij. Daher rührt seine Liebe zu Borussia Mönchengladbach. In seinem Kiewer Büro hängt ein Borussen-Trikot an der Wand, gleich neben dem Leibchen der deutschen Elf mit Autogrammen der Nationalspieler.

Ende der neunziger Jahre knüpfte der promovierte Volkswirt erste Kontakte zum DFB, als er für Diaspora-Ukrainer Karten für ein Länderspiel organisierte. Als sich die Ukraine dann 2005 für die WM in Deutschland qualifizierte, engagierte der DFB Hamalij als Betreuer. Neben seinem Kiewer Schreibtisch baumelt nun eine Hula-Kette mit schwarz-rot-gelben Plastikblüten von der Wand. Hamalij hat eine Ladung der Fan-Utensilien im ganzen Büro verteilt. Die Ketten, die hawaianischem Blumenschmuck nachempfunden sind, erinnern an die WM 2006. "Das Sommermärchen", sagt Hamalij. "Die Kränze stehen für die Euphorie von damals, die ich mitbringen will in die Ukraine."

"Sie werden überrascht sein, was Kiew alles zu bieten hat"

Das Problem ist, dass es zurzeit nicht nach einem ukrainischen Märchen aussieht. Drei Wochen vor Turnierbeginn läuft es nicht gerade so, wie es sich PR-Berater wünschen. Schuld ist die Politik.

Seit Monaten schon überschattet die Affäre um Oppositionsführerin Julija Timoschenko die Vorbereitungen auf die EM. Präsident Wiktor Janukowitsch brilliert kurz vor Beginn in der Rolle des Bösewichts. Erst ließ er Rivalin Timoschenko samt ihres halben Kabinetts ins Gefängnis werfen, offiziell wegen "Überschreitung von Amtsbefugnissen", tatsächlich wohl aber aus Rache. Druck und Proteste ausländischer Politiker lässt der zwei Meter große ehemalige Boxer ungerührt an sich abtropfen. Mit Blick auf Angela Merkels Boykott-Drohungen warnte Janukowitsch, er werde "nicht zulassen, dass die Ukraine gedemütigt werde".

Politik? "Lassen wir beiseite", sagt der in Kiews Stadtverwaltung entsandte Hamalij diplomatisch. Als Gaststudent kam er 1995 zum ersten Mal in das Geburtsland seiner Eltern. "Damals gab es kaum Restaurants oder Mobiltelefone", sagt Hamalij. "Heute dagegen ist Kiew eine aufregende europäische Großstadt." Für Fans werde sich die Reise in den Osten lohnen. "Sie werden überrascht sein, was Kiew alles zu bieten hat. Die Ukraine hat eine große Zukunft im Bereich Tourismus." Tatsächlich steigt unter der Bevölkerung trotz des Frusts über die Politik langsam die Vorfreude auf das Turnier. Kiew, eine Stadt mit unzähligen zauberhaften Parks und schimmernden goldenen Kirchenkuppeln, putzt sich heraus für seine Besucher.

Freiwillige Helfer werden ausländischen Gästen während der EM dabei helfen, sich in Kiew zurecht zu finden. Daneben hat Hamalijs Abteilung einen Fan-Guide  erstellt und übersetzen lassen: Für die Engländer, die am 15. Juni im Olympiastadion antreten, für die Franzosen, die dort am 19. Juni gegen Schweden spielen. Und auf deutsch, obwohl die DFB-Elf ihre Gruppenspiele in Lwiw und Charkow austrägt und frühestens am 1. Juli in die ukrainische Hauptstadt reisen müsste, sofern sie denn das Finale erreicht. "Davon", sagt Michael Hamalij, "bin ich überzeugt."