Elterncouch Hilfe, mein Sohn ist im Fußball-Wahn

Vor Spielfreude in die Luft gehen (Symbolbild)
Getty Images/ Johner RF

Vor Spielfreude in die Luft gehen (Symbolbild)


Elterncouch-Kolumnist Jonas Ratz wurde immer als Vorletzter ins Team gewählt und ist bekennender Ball-Grobmotoriker. Sein Sohn aber brennt für Fußball. Wie konnte es so weit kommen?

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Es gibt da dieses Gen. Es trimmt die Aufmerksamkeitsspanne auf 90 Minuten, lässt das Hirn nutzlose Zahlenkombinationen memorieren, macht aus dem Herz einen schwarz weißen Ball - und der schlägt im punktierten 4/4-Takt von "Seven Nation Army": Daa-da-da-da-da-daa-daa.

Warum dieses Fußball-Gen in meiner Familie komplett auf meine Schwester übergegangen ist (sie besitzt eine BVB-Dauerkarte und steht jedes zweite Wochenende in der "Süd". Dabei lebt sie in Stuttgart!), bleibt ein Rätsel. Mir jedenfalls ist die Begeisterung für den Lieblingssport der Deutschen ebenso schleierhaft wie Lothar Matthäus die Grundlagen der Arithmetik ("Das Chancenplus war ausgeglichen!").

In der Schule war ich der Vorletzte, der ins Team gewählt wurde, nur der spindeldürre Rafael war hinter mir. Mit dem Geruch von Jungsschweiß und angeschimmelten Sportmatten verbinde ich seitdem nichts Gutes. Dafür brillierte ich in rhythmischer Sportgymnastik. Was das Ganze nicht eben besser machte.

Bekenntnisse eines Grobmotorikers

Sie merken schon, das mit dem Fußball hat in meinem Leben das Zeug zum Trauma. Am Ball bin ich Grobmotoriker, ansonsten komplett uninteressiert. Ist mein Leben deshalb leerer? Nein, im Gegenteil: Was ich allein an Sportschau-Zeit gespart habe. Und an Stadionbesuchen.

Tja. Und dann kam Frederik.

Also von mir, wie gesagt, kann er es nicht haben. Aber wo ich nur einen Ball sehe, sieht er eine Herausforderung. Jede Haustür wird zum Tor. Im Sommer kannte er jedes einzelne Spielergebnis der WM auswendig, inklusive Vorrunde. Ist das normal? In seiner Klasse offenbar schon. Frage ich ihn, wie es in der Schule war, erzählt er nicht vom Diktat oder Mathe, sondern vom Fußball-Match in der großen Pause. Hat er ein Tor geschossen, war es ein guter Tag. Und wenn nicht, geht das Spiel im Garten, Wohn- oder Kinderzimmer weiter. Gegen seinen kleinen Bruder Oliver. Oder gleich solo. Es gibt doch nichts Besseres für die persönliche Torbilanz als ein Spiel ohne Gegner.

Und so musste es wohl so kommen: Vor ein paar Wochen haben wir Frederik im Fußballverein angemeldet. F-Jugend. Frederik würde das Trikot am liebsten gar nicht mehr ausziehen. Und im Grunde muss er das auch gar nicht mehr: Zweimal die Woche Training, dazu die Kicks in jeder Schulpause und am Wochenende das erste Punktspiel mit der Mannschaft.

Ist da etwa ein Fan-Schal? Von diesem Provinzverein?

Frederik im defensiven Mittelfeld. Als ob Siebenjährige sich um ein Spielsystem oder Taktik scheren würden, denke ich noch, als wir mit der kompletten Familie am Samstagvormittag auf dem Weg ins malerische Lehmsal-Mellingstedt sind. Die Jungs sind doch froh, wenn sie mal den Ball treffen. Und überhaupt: Bei so einem Spiel geht es doch vor allem um Spaß.

Klar. Spaß. Vor der Umkleide staucht ein Vater seinen jammernden Sohn zusammen. "Wir fahren nicht nach Hause, du ziehst dich jetzt gefälligst um und dann ab!" Ich will möglichst schnell wieder raus, dieses Jungsschweiß-Odeur bekommt mir schlecht, Sie verstehen?

Am Spielfeldrand sammeln sich die Spielereltern, es ist nasskalt. Erzwungener Smalltalk unter dem Regenschirm: Ja, Frederik ist zum ersten Mal dabei. Nein, das letzte HSV-Spiel habe ich nicht gesehen. Ja, wirklich toll, wie die beiden Trainer der F-Mannschaft das machen. Die sind 16 und lassen die Jungs jetzt zum Aufwärmen über den Platz traben. Ein paar Probeschüsse aufs Tor und ich gucke auf die Uhr. Warum mussten wir eigentlich schon eine Stunde vor Anpfiff hier sein?

Auf der Gegenseite sammeln sich die Eltern der Gegner. Skeptische Blicke. Haben die da wirklich ein Transparent mitgebracht? Ob der Sohn das überhaupt lesen kann? Und ist das da etwa ein Fan-Schal? Von diesem Provinzverein? Ob ich will oder nicht, langsam sickert dieses bedingungslose Wir-Gegen-Euch auch bei mir ein.

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Philipp, der Vater von Lennard aus Frederiks Mannschaft, ist da schon weiter: "Die können nichts", raunt er mir zu. Mit Kennerblick hat er das gegnerische Aufwärmtraining verfolgt und legt mir nun wortreich dar, warum der erste Auswärtssieg der Saison schon so gut wie sicher sei. Ich heuchele angestrengt Interesse und streue hier und da ein fachmännisches "der Ben schafft ja auch Räume" ein.

Ben ist der Star von Frederiks Team, hat im Training jeden Schuss versenkt. Philipp scheint es zu schlucken, ohnehin ist jetzt Anpfiff. Nach fünf Minuten wird der Regen stärker. Der Sportplatz verschlammt zusehends. Doch die Jungs sind nicht zu halten: Frederik rennt mit im Pulk, hat ein paar Ballkontakte, glaube ich zumindest, ist im Dauerregen schwer auszumachen.

Als einer der Gegner gegen Lennards Bein rutscht, tritt bei Philipp die Halsschlagader hervor. "Foul!" Leider gibt es in der F-Jugend keine Schiedsrichter, das regeln die Trainer gemeinschaftlich. Es gibt Freistoß. Lennard passt zu Ben, der steht frei und - Toooor! Moment: Hab ich da etwa gerade gebrüllt wie ein Neandertaler?

Die Kinder triefend nass, aber "heiß wie Frittenfett"

Nächste Szene: Ein gegnerischer Siebenjähriger zieht zum Tor, doch da steht Frederik und schießt den Ball zu Lennard. "Jawooooll!", entfährt es mir, Philipp schlägt mir auf die Schulter. Die anschließenden Sprechchöre sind mir nicht einmal peinlich. Die Luft ist geschwängert von Nieselregen und Testosteron, Frederiks Mannschaft läuft und läuft, längst triefendnass aber "heiß wie Frittenfett", attestiert Philipp.

Und mit jedem Schuss, jedem Pass und jedem Tor an diesem verregneten Samstagvormittag bröckelt mein persönliches Fußballtrauma.

Das Ergebnis: 2:1 für uns, beide Tore hat Ben geschossen, beim Abpfiff liege ich Nebenmann Philipp im Arm. Und trage Frederik zur Kabine.

Ob das in meiner Brust zu diesem Zeitpunkt noch ein Herz oder schon ein Fußball ist - ich weiß es nicht.

Hauptsache, es schlägt. Im punktierten 4/4-Takt natürlich: Daa-da-da-da-da-daa-daa.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (sieben Jahre), Oliver (vier Jahre) und Elisa (sechs Monate)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.

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6 Leserkommentare
jujo 02.12.2018
Strafjurist 02.12.2018
Stäffelesrutscher 02.12.2018
njotha 02.12.2018
andy.arbeit 02.12.2018
mitverlaub 03.12.2018

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