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Fußballfieber in der Mongolei Jubel in der Jurte

Zwischen Zelten und zugigen Holzverschlägen huldigen Fußballfreunde in den Weiten der mongolischen Steppe ihren Stars: Ronaldo, Beckham, Ballack. Der Entfernung von 8000 Kilometern bis Deutschland zum Trotz steigen die Fans in Lederhosen und feiern - in bayerischen Bierzelten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ulan Bator - Die Spielbedingungen sind ideal. Rechtzeitig zum Anpfiff zieht die Schlechtwetterfront ab, der Himmel wird klar. Keine terrestrischen Störungen beeinflussen den Fernsehempfang, kein Kollaps der Energieversorgung durch Überbelastung des Stromnetzes droht. Vorsichtshalber justiert Batdelger Bayaraa, 19, die Antenne noch einmal nach und reckt sie, mit Hilfe von zwei hölzernen Zeltstangen, gut zwei Meter weiter dem Himmel entgegen. Schließlich will der schüchterne Fremdsprachenstudent das Fußballmatch unbedingt sehen. "Große Spiele schauen wir immer", sagt sein wortgewandterer Vater Bayaraa Jugder, 43, ein Lehrer für Kunst und Kultur. "Das bringt uns der großen Welt ein Stück näher." Die Mutter ist da deutlich pragmatischer. "Die sehen doch einfach gut aus", freut sich Khurelbataar, 44, über die leuchtend orangefarbenen Trikots der Niederländer.

Der Zugang zum globalen Fußballrausch liegt in einer Jurte, dem traditionellen Wohnzelt der mongolischen Nomaden, am äußersten Stadtrand von Ulan Bator. Gut 8000 Kilometer entfernt von den Spielwiesen der internationalen Fußballstars, gut 40 Busminuten weg vom nächsten Kaufhaus. Und trotzdem sind sie hier zu Hause, die ganz Großen des Ballsports wie Ronaldo oder David Beckham. An Ehrerbietung mangelt es ihnen auch hier, zwischen Zelten und zugigen Holzverschlägen, nicht.

Und schon gar nicht an der nötigen Begeisterung. Die Schweden haben sie schon gesehen, erzählt die Familie. Und auch Argentinien gegen die Elfenbeinküste, obschon die Live-Übertragung erst um vier Uhr Ortszeit morgens begann. Besonders gespannt warten die Männer nun auf die deutsche Elf. Beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica mussten sie noch arbeiten. "Die haben doch in letzter Zeit schlecht gespielt", weiß Batdelger zu berichten, danach aber immerhin "gut trainiert". Das hat er hier, am Rande der Steppe, sehr wohl mitgekriegt.

Vor zehn Jahren kam die Familie der großen Welt ein gutes Stück näher und damit auch dem internationalen Fußball. Aus einem kleinen Kaff tief im Westen der Mongolei, gut 1500 Kilometer von Ulan Bator entfernt, zogen sie in die Hauptstadt. Dort leben sie nun, Plane an Plane mit Tochter und Schwiegersohn, auf 700 Quadratmeter schlammigem Grund, von rohen Holzpalisaden umzäunt. Kein fließendes Wasser, kein Klo, keine Kanalisation. Dafür aber immerhin Strom und, bei gutem Wetter, sparsamer Fernsehempfang - zwei Jurten müssen sich eine Antenne teilen, das Bild ist leicht verschneit.

"Brasilien ist die Heimat des Fußballs"

Dort fiebern sie den großen Spielen entgegen, vor allem von Deutschland und Brasilien. "Das ist doch die Heimat des Fußballs", sagt Batdelger fachmännisch. Aber Deutschland wird "ein schwerer Gegner sein und auf jeden Fall in die letzte Runde kommen". Die versammelte Sippe nickt anerkennend - bis auf die Mutter.

Die Mongolischlehrerin hält zu den Niederlanden. Dort war sie schon einmal, zu den Paralympics. Bei den Olympischen Spielen für Behinderte nahm sie wegen ihrer Beinprothese am Volleyballwettbewerb teil. Nun sorgt sie sich, ob "unsere", die Oranjes, wohl ins Achtelfinale kommen.

Um der grassierenden Begeisterung im Lande gerecht zu werden, hat das mongolische Fernsehen eigens die Übernahme der Live-Übertragungen garantiert. Auf Fan-Festen in der Hauptstadt werden alle Spiele auf Großbild-Leinwänden gezeigt. Schon Stunden vor dem Eröffnungsspiel feierten etwa gut 1500 Zuschauer die deutsche Elf in einer Art bayerischem Festzelt mit "Deutschland, Deutschland"-Sprechchören und "Olé, Olé"-Gesängen.

Als hätten die mongolischen Veranstalter geahnt, dass sich die deutschen Organisatoren der WM der globalen Sportwelt als Volk in Lederhosen präsentieren würden, lassen sich Dschingis Khans Erben zu den Spielen hinter Stein- und Masskrügen nieder. Im Publikum schwarz-rot-goldene Hüte und Deutschland-Caps. Manche tragen gar das Trikot mit dem Adler, bevorzugt das rote Auswärtshemd. Jeder deutsche Spielzug wird bejubelt, bei den Toren tanzt die trunkene Menge auf den Tischen.

Ringen, Bogenschießen - aber Fußball?

So geht es seit dem ersten Anstoß jede Nacht. Und inzwischen sind Fan-Utensilien nahezu aller Teams verfügbar, und seien es gut kopierte. Das Bier, "gebraut nach deutschem Reinheitsgebot", fließt in Strömen. Zwischen den Spielen heizen ein Moderator und eine Rockband die Stimmung an. Bis in den frühen Morgen.

So viel Fußballbegeisterung ist nicht eben typisch für ein Land, dessen Sommer kaum länger als drei bis vier Monate währt. Hier ist Ringen Volkssport Nummer eins und erste olympische Disziplin - mit Medaillengewinnern. Übergewichtige Sumo-Kämpfer sind die Nationalhelden, gleich mehrere rangieren unter den Top Ten der Welt. Auch Bogenschießen geht noch. Aber Fußball?

Eine nationale Liga gibt es nicht. Gerade eine Handvoll Clubs spielt halbwegs organisiert. Straßenfußball ist eine Rarität und findet dann, in der Steppe, zwischen roh gezimmerten Pfosten und auf welligem Grund statt. Bei der Fifa rangiert die mongolische Republik im aktuellen Ranking auf Rang 179, noch hinter Mauretanien, Niger und den Seychellen und nur knapp vor den Cayman-Inseln (182) oder Samoa (183).

Bei der Ausscheidung zur Weltmeisterschaft scheiterten die Mongolen schon in der Vorqualifikation, an einem anderen Heimatland des Ballsports, den Malediven (Platz 137). Nach einem 1:1 zu Hause reichte es auf den Atollen nur zu einem 0:11.

Expertisen in perfektem Deutsch

Weniger ungewöhnlich ist da schon die große Sympathie für Deutschland. Mindestens 30.000 Mongolen sprechen nach amtlichen Schätzungen fließend Deutsch, vielleicht sind es inzwischen sogar einige tausend mehr.

Über die Hälfte lernte die Sprache im einstmals sozialistischen Bruderland DDR. Inzwischen wird sie auch an etlichen Universitäten und Schulen unterrichtet. In vielen Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft sitzen hoch qualifizierte und perfekt Deutsch sprechende Experten.

Bei der Professionalität und Ausdauer lässt vielleicht noch manches zu wünschen übrig. So fällt das einzige Tor zwischen den Niederlanden und Serbien-Montenegro ausgerechnet, als die Regie aus unerfindlichem Grund zwischendurch ins Studio zu gelangweilten Kommentatoren schaltet.

Und in der Jurte wird während des Spiels lebhaft über die Frage debattiert, wann eigentlich Montenegro zum "Freistaat" wird und wieso für das Team ungeschoren ein Mann mit dem Namen des "Diktators Milosevic" spielen kann.

Mongole, "original bayerisch"

Und auch mit dem fußballerischen Sachverstand ist's nicht immer ganz so weit her wie mit dem Leistungsvermögen an den Bierkrügen. Es dauert Minuten, bis nach Frings fulminantem Weitschuss gegen Costa Rica kurz nach Anpfiff sich auch bei den Mongolen die Erkenntnis durchsetzt, dass das Runde ins Eckige gehört und knapp vorbei eben doch nicht drin ist. Nur langsam klingt der Jubel ab.

Oder zum Beispiel die Partie Niederlande gegen die Elfenbeinküste. Es ist kurz vor drei Uhr morgens, nur noch wenige Minuten bis zum Abpfiff, aber elf Stunden nach Zeltöffnung, das Bier scheint zu kochen. Ein Mongole vom Nachbartisch kommt herüber, bekleidet mit einem Trikot von Bayern München, Lederhose, weißen Strümpfen und Wanderstiefeln. "Original bayerisch", freut er sich und gibt sich als "großer Fußball-Fan" zu erkennen. Nur eines macht ihn stutzig beim zu Ende gehenden Spiel: "Wer sind eigentlich die vielen Schwarzen"?

In der Jurte wird nüchterner abgewogen, wie es um den weiteren Verlauf des Turniers steht. Bei Stutenmilch und Quarkkeksen zeigen sich Vater Bayaraa und Sohn Batdelger auch nach dem Holland-Spiel von der Favoritenrolle Brasiliens und Deutschlands überzeugt - wenn, ja wenn da nicht ein überraschender Geheimfavorit wäre. Auf die Rolle Russlands seien sie "sehr gespannt", sagen die beiden. Die Spannung, was aus dem russischen Team bei der WM 2006 wird, lässt sich mit Hilfe der Besucher schnell lösen. Die Mannschaft hat sich gar nicht erst qualifiziert.

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