Läden von G20-Randalierern attackiert "Innerhalb von Minuten war alles kaputt"

Gewalttätige Demonstranten demolieren in Hamburg Geschäfte und schlagen Schaufenster ein. Es erwischt Banken, große Ketten und kleine Einzelhändler. Die Empörung ist riesig.

Chris Grodotzki/ jib collective

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Um kurz vor Mitternacht in der Nacht auf Freitag klingelt das Telefon von Christian Möller. Am anderen Ende: die Polizei. Sie hat schlechte Nachrichten für den Geschäftsführer und Inhaber eines Reisebüros im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Die gläserne Ladenfront seines Geschäfts in der Osterstraße sei zerstört worden.

Christian Möller
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"Den Rest der Nacht habe ich dann auf Bürostühlen im Laden und auf einem kleinen Bürosofa im ersten Stock verbracht", sagt Möller am Freitagvormittag . "Ich wollte sichergehen, dass keine Kriminellen die Situation ausnutzen und sich hier im Laden bedienen." Mehrere Scheiben sind stark beschädigt, aber noch im Rahmen. Große Risse ziehen sich über die komplette Fensterfront, ausgehend von kleinen Einschlaglöchern im Glas. Am Morgen hat Möller als Erstes die Versicherung und dann einen Glaser angerufen, der am Freitag noch die Scheiben abkleben soll. "Neue reinmachen lohnt sich nicht", glaubt Möller. "Der G20-Gipfel geht ja noch bis zum Wochenende, wer weiß, was da noch passiert."

So wie Möller geht es noch etlichen anderen Ladenbesitzern und Händlern in Hamburg. In der Nacht vor dem ersten offiziellen Tag des G20-Gipfels in der Stadt lieferten sich gewalttätige Demonstranten mit der Polizei nicht nur ein Katz-und-Maus-Spiel in der Innenstadt. Sie schlugen auch zahlreiche Fensterfronten ein - im beschaulichen Eimsbüttel, auf der Schanze oder in Altona rund um die dortige Ikea-Filiale. Besonders hart hat es die Banken getroffen, vermutlich von den Randalierern als Symbol des Kapitalismus identifiziert. Aber auch zahlreiche kleinere Läden wurden nicht verschont.

Kamila Zejer
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Kamila Zejer

"Es ging blitzschnell. Innerhalb von Minuten war alles kaputt", erzählt Kamila Zejer. Sie ist Verkäuferin in der Preisoase in Altona. "Sechs oder sieben junge Leute haben vor den Augen meines Kollegen die Scheiben zerschlagen." Die Gruppe hätte sich Kapuzen übergezogen und das Gesicht verdeckt, bevor sie das Geschäft angriff. Kamila Zejer ärgert sich über die Zerstörung, ein legitimer Protest der G20-Gegner sieht für sie anders aus. "Wir haben denen doch nichts getan, ich verstehe es nicht. Wir arbeiten hier hart für unser Geld und setzen keine Milliarden um."

Henrietta Owusu
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Henrietta Owusu

Henrietta Owusu arbeitet ein paar Häuser weiter in einem kleinen, inhabergeführten Tee- und Kaffeegeschäft als Verkäuferin. Auch sie fand morgens kaputte Scheiben vor, als sie zur Arbeit kam. Während gegenüber beim vorübergehend geschlossenen Ikea schon die Glaser anrücken und Glasfronten und Sperrholzplatten durch die Gegend tragen, bleibt Owusu erst mal nur abzuwarten. "Solange der G20-Gipfel nicht vorbei ist, können wir die Front nicht richten lassen." Der Laden nebenan ist verschont geblieben, dort schrauben drei Männer gerade eilig Holzplatten vor die Fenster.

Glasbruch in Altonas Neuer Großer Bergstraße
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Glasbruch in Altonas Neuer Großer Bergstraße

Die kaputte Ladenstraße ist nun das Hauptthema auf den Straßen im Viertel, Passanten halten an und schimpfen über die Zerstörung. "So ein Unfug", sagte eine ältere Frau im Vorbeigehen. "Demonstrieren kann man ja, aber nicht so."

Auch Möller aus dem Reisebüro glaubt: "Wer selbst gegen kleine Geschäfte und Einzelhändler randaliert, dem geht es nur ums Kaputtmachen." Die betroffenen Ladeninhaber sind nun in Gesprächen mit ihren Versicherungen und hoffen, dass die Schäden beglichen werden. Möller jedenfalls mag in der Randale keine politische Botschaft der Kapitalismuskritik mehr erkennen. Trotz des Schadens: Drinnen im Reisebüro sitzen schon drei seiner Mitarbeiterinnen und fischen Glassplitter vom Schreibtisch und aus dem Telefon. Der Betrieb läuft weiter.


Update, Samstag, 8. Juli, 9.30 Uhr: Nach Erscheinen dieses Textes hat es in der Nacht von Freitag auf Samstag erneut schwere Krawalle in Hamburg gegeben. Mehr zur aktuellen Lage finden Sie in unserem Liveblog zum G20-Gipfel und hier.

Video: "Wir hatten Angst, dass das Feuer aufs Haus überspringt!"

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