Gala zum Deutschen Filmpreis Berlin ist eben doch nur Germany

Großer Bahnhof beim Deutschen Filmpreis in Berlin: Doch was am Sonntag im Fernsehen wie eine glamouröse Gala daherkommen soll, fanden die meisten der Beteiligten eher langweilig. Sie übten sich lieber in einer typisch deutschen Kunst: Nörgeln, wo es nur geht. Gründe dafür gab es genug.

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Einzelspielerin: Lola für Martina Gedeck
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Einzelspielerin: Lola für Martina Gedeck

Berlin – Eigentlich hatte alles ganz gut angefangen. Ein langer roter Teppich war ausgelegt und im Gegensatz zum letzten Jahr hatte auch das Wetter mitgespielt. Der Teppich war also trocken und Sonnenbrillen durchaus zu rechtfertigen. Dutzende Fotografen waren postiert und taten alles, um ein bisschen Hollywood-Charme zu verbreiten: "Katja, bitte einmal hier", riefen sie und Katja guckte kurz herüber. Kurz darauf: "Veronica, ein Lächeln bitte", doch Veronica wollte nicht lächeln.

Warum eigentlich nicht? Ähnlich verbissen der Kanzler, der erstaunlicherweise noch nicht beim Vornamen gerufen wird, aber trotzdem nicht stehen bleibt. Gleichwohl blitzte es bei allen und die professionellen Bildbeschaffer grölten wie eine Herde von Fußballfans, wenn einer der Gäste des Deutschen Filmpreises in Berlin ihnen mehr als eine Minute widmete. Die weiträumig abgedrängten Zuschauer an den Gittern konnten sich da besser im Zaum halten.

Der Charme von Amerika und dem großen Glamour aber endete bereits bei einem Blick in die Halle. Groß hatten die Veranstalter angekündigt, dies sei eine "super Location". Bisher war die "Lola" immer Unter den Linden verteilt worden. Doch die imposante Staatsoper ist zu klein geworden für die Horde von 2500 Filmtreibenden und Schauspielern, die sich am Freitag Abend auf den Holzsitzen des Tempodroms drängelten, das eben doch nur eine aufgepeppte, schlecht belüftete Zirkushalle ist. Vom plüschigen Ambiente der Oper waren nur noch rund ein Dutzend quietschrote Sofas im Innenraum übrig geblieben, auf denen die Damen mit den Schlitzen ihrer Abendkleidern kämpften.

Schröder kam, redete und enteilte sofort wieder

Der Kanzler machte das Beste daraus. Gleich zu Beginn hielt er eine kurze Rede, glänzte durch ein scheinbar frei vorgetragenes Rilke-Zitat und ging sofort wieder. Bei der Berliner Schrebergartenkolonie "Abendruh", wo er am Nachmittag bei Bier und Grillwürsten seinem eigentlichen Naturell etwas näher war als bei der Film-Gala, hatte er es länger ausgehalten. So sparte er sich den Rest der Show, während der die Trophäen für die besten deutschen Filme und die daran Beteiligten vergeben wurden. Schröder versicherte aber, beim nächsten mal wolle er länger mitfeiern.

Seid umarmt: Deutsche spielen Filmstars
REUTERS

Seid umarmt: Deutsche spielen Filmstars

Der Fernseh-Sender Sat 1 wird die Parade der deutschen Film-Stars am Sontag gewiss glanzvoller aussehen lassen als sie war. Auch dass die Moderatorin Caroline Beil gleich zu Beginn erst mal die falsche Zeitung als Sponsor der Veranstaltung nannte, lässt sich sicher wieder heraus schneiden. Ebenso, dass der Komiker Dirk Bach jedes seiner Worte vom Teleprompter abliest und deshalb trotzdem nicht wirklich witziger wird. Oder dass es Mode-Zar Wolfgang Joop und Top- Model Nadja Auermann - sicherlich zwei der wirklichen internationalen Stars - während der Show zu langweilig wurde und sie sich zum Plausch in den Vorraum zurück zogen. Ebenso ging es wohl auch dem Gastgeber, Staatsminister Julian Nieda-Rümelin, der auch schon fast eine Stunde vor seinem eigenen Redebeitrag aus dem Publikum verschwand und seine Gattin auf dem Sofa allein ließ.

Versprecher, Teleprompter und plötzliche Abgänge

Eines aber wird man wohl immer noch sehen, wenn die Show auf den Schirmen flackert: Es gibt zwar reichlich Kategorien für die "Lola", aber leider sehr wenige preisverdächtige Filme. Das hatte auch Vorteile: Da bei jeder Kategorie immer wieder die gleichen Filme in verschiedenen Ausschnitten laufen, kannten diejenigen, die fürs Kino keine Zeit haben, hinterher auf der Party alle Schlüsselszenen und können mitreden. Besonders den Jungstar Daniel Brühl konnte man da kaum übersehen. Zu Recht gewann er eine "Lola" als bester Darsteller. Schon am Abend zuvor hatte Brühl von der "Bunte"-Chefredakteurin den "new faces"-Award des Burda-Verlags entgegen nehmen können. Der Riesen-Erfolg seiner Film-Saison mit sieben Rollen, die mittlerweile gern auch als "Brühl-Festspiele" bezeichnet wird, brachte ihm in Berlin an seinem 24.Geburtstag die zweifelhafte Ehre ein, neben Veronica Ferres einen recht engen Platz auf dem Sofa einnehmen zu dürfen.

Am Ende dann waren alle froh, die Show überstanden zu haben und sich der Party hingeben zu können. Nicht wenige befürchteten allerdings lange, dass sich Alt-Rocker Udo Lindenberg noch mal ans Mikro schwingen wollte. Während der Gala hatte Udo wohl einen der peinlichsten Auftritte seiner Karriere hingelegt. Gemeinsam mit seiner Duett-Partnerin Ellen ten Damme machte der sonst so wunderbar stoische Lindenberg Verrenkungen und sogar hektische Tanzversuche, die auch in der Fernsehfassung schwer zu kaschieren sein werden.

Berlin ist eben nicht Cannes

Die Meinung über die Gesamtveranstaltung teilte sich nach Erfolg der Befragten. Diejenigen, die es im "Bizz“ geschafft haben und das sind wenige, redeten schnell und gern von der diesjährigen Oscar-Verleihung("Haben wir uns dort nicht schon mal gesehen?", Cannes im vorletzten ("Weißt Du noch?") und Venedig ("Das war doch mal was!"). Dabei hielten sie mit ihrer Verachtung gegenüber dem kleinen Berlin ("War ja zu erwarten") nicht hinterm Berg.

Annäherung zwischen jung und alt: Nachwuchsstar Daniel Bruehl mit Mutter Veronica Ferres
AP

Annäherung zwischen jung und alt: Nachwuchsstar Daniel Bruehl mit Mutter Veronica Ferres

Die anderen, die nur Berlin kennen, lästerten trotzdem. "Eine Veranstaltung wie jede andere auch", nörgelte Bürgermeister Klaus Wowereit, "doch die Party ist ja ganz nett." Für Kino hat der Bürgermeister ohnehin keine Zeit, reiht sich sein Freund ein. Schließlich habe er ihn ja in der letzten Woche schon "nur anderthalb Stunden" gesehen.

Bei so viel Glamour, Jet-Set und Rastlosigkeit gab es aber auch viel Normalität, zu erkennen an der Länge der Schlangen. Die Längste fand sich – wie überall anders auch - genau dort, wo es etwas umsonst gab. Ein großer Blumenversand verschickte gratis Sträuße in alle Welt. Das war vielen der Partygästen eine Stunde der teuren Zeit wert, bevor sie sich müde in einer der großen Limousinen fallen ließen, die entweder zum Hotel oder noch in die nicht tot zu kriegende "Paris Bar" in West-Berlin steuerten.

Viele aber waren auch einfach erschöpft vom Partymarathon der Film-Woche. Der hatte für so manchen am Mittwoch mit dem "Focus"-Fest begonnen, wo sich die Politik-Prominenz drängelte und selbst Altkanzler Helmut Kohl sich die Ehre gab. Die beste Party des Dauerlaufs gab es dann am am Donnerstag bei der "Bunte"-Party für die "new faces" der Branche. Dort wurde bis in den Morgen getanzt und gefeiert - manchmal ist der Nachwuchspreis eben doch besser als das Original.

Doch auch nach dem etwa lahmen Filmpreis endete für die ganz Standhaften die Party noch nicht. Schließlich eröffnet am Samstag Abend Produzent und Schauspieler-Sohn Oliver Berben seine neue Bar. Dort bleibt bei Freigetränken und Party-Prominenz dann noch genug Zeit, die Party vom Filmpreis Revue passieren zu lassen.



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