Bergungseinsatz am entgleisten Regionalzug Es rumpelt, man hört Glas zersplittern. Dann Stille

Kräne hieven Waggons und Trümmer in die Höhe, noch immer arbeiten Hunderte Helfer am Unglücksort. Es verschlägt den Menschen hier die Sprache angesichts der Katastrophe, deren Aufarbeitung noch Wochen dauern wird.
Aus Burgrain berichtet Katherine Rydlink
Bergungsarbeiten an der Unfallstelle: Weitere Todesopfer nicht auszuschließen

Bergungsarbeiten an der Unfallstelle: Weitere Todesopfer nicht auszuschließen

Foto: Katherine Rydlink / DER SPIEGEL

Der Waggon knackt unangenehm, als er auf der Straße abgelegt wird. Im Inneren rumpelt es ein paar Mal laut, man hört Glas zersplittern, als würden mehrere Geschirrsets zu Boden geschmissen. Dann Stille.

Ein Feuerwehrmann lehnt eine Leiter an den zerdellten Wagen, klettert hinauf und entfernt die riesigen Haken der beiden Kräne, die den tonnenschweren Zugteil zuvor aus dem Graben neben den Gleisen gehoben haben. Helfer räumen die weißen Sichtschutzwände weg, die zuvor den Blick auf den Unglücksort verborgen haben. Nun versperrt der Waggon den Blick auf die Stelle, die niemand sehen soll und auch niemand sehen will.

Geborgener Zugwaggon am Unglücksort

Geborgener Zugwaggon am Unglücksort

Foto: DOMINIK BARTL / AFP

Etwa 20 Minuten später tritt der oberbayerische Polizeipräsident Manfred Hauser vor die Journalisten, die mit roten Gesichtern und sonnenverbrannten Armen hinter der Leitplanke der B2 warten. Er spricht so leise, dass er gebeten wird, das Gesagte zu wiederholen.

Es fällt ihm sichtlich schwer, die Stimme zu erheben: »Ich muss leider mitteilen, dass sich die Opferzahl auf fünf erhöht hat.« Er spricht aus, was alle befürchtet hatten. Unter dem zertrümmerten Waggon des Regionalzugs, der am Freitag nahe Burgrain entgleist ist, wurde soeben ein weiteres Todesopfer gefunden.

Am Freitagmittag sprang der hintere Teil des Zugs, der von Garmisch-Partenkirchen nach München unterwegs war, wenige Kilometer nach dem Start aus den Gleisen. Die mittleren Zugteile rutschten die Böschung hinunter, ein Waggon blieb auf der Seite liegen.

Weitere Todesopfer nicht auszuschließen

44 Menschen wurden bei dem schweren Unglück verletzt, drei von ihnen schwer. Vier weibliche Opfer, die den Unfall nicht überlebten, wurden bereits am Freitag geborgen. Nun ein weiteres Todesopfer, und noch immer werden mindestens sieben Menschen vermisst. Polizeipräsident Hauser geht nicht davon aus, dass diese noch unter den anderen Waggons begraben sind. »Aber ausschließen können wir das zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht«, sagt er mit leiser Stimme.

Dass im Hintergrund der traurigen Szenerie das mächtige Zugspitzmassiv vor dem strahlend blauem Himmel prangt, macht den Anblick noch eindrücklicher. Die Region ist eines der beliebtesten Ausflugsziele bei Urlaubern aus ganz Deutschland, in Bayern haben gerade die Pfingstferien begonnen.

Nun fährt vorerst kein Zug mehr nach Garmisch-Partenkirchen und auch mit dem Auto soll die Region weiträumig umfahren werden. Dennoch staut sich im nahe gelegenen Örtchen Burgrain der Verkehr entlang der einzigen Hauptstraße. Autofahrer, die aus dem Norden kommen, werden durch den kleinen Ort gelotst, da die eigentliche Strecke direkt am Unfallort vorbeiführt und gesperrt ist. Niemand hupt, alle ertragen das Verkehrschaos, wissend um den Grund.

Um den eben geborgenen Waggon, an dem noch Buschwerk hängt, stehen bereits Polizeiermittler und begutachten die Schäden. Fünf Fenster sind eingeschlagen, durch sie wurden vermutlich die Insassen gerettet. Rund 24 Stunden zuvor war der rote Doppelstockwagen zuerst das altbekannte und vertraute Fortbewegungsmittel, dann eine furchtbare Falle für 140 Menschen. Nun ist er als Trümmerhaufen zum Gegenstand von Ermittlungen geworden.

Aufarbeitung könnte Wochen oder Monate dauern

Weder Bahn noch Polizei wissen bislang, warum der Zug entgleist ist. Eine Kollision oder Sabotage werden ausgeschlossen. Die Ermittler gehen von einer technischen Störung aus – lassen aber offen, ob diese am Zug oder am Gleis gewesen sein könnte. Die eingleisige Strecke wurde erst vor einigen Jahren generalsaniert und gilt daher eigentlich als intakt. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Zug zu schnell war, auf dem Streckenabschnitt sind 100 km/h erlaubt. »Die Aufarbeitung könnte noch Wochen oder Monate dauern«, sagt der Polizeisprecher.

Vorerst muss der komplette Zug geborgen werden und auch das kann noch dauern. Die beiden Schwerlastkräne können die Teile nur Zentimeter für Zentimeter bewegen. Um die Waggons von der Unglücksstelle abzutransportieren, müssen sie zerschnitten und auf Lkw geladen werden, so erklärt es der Polizeisprecher. Etwa 300 Hilfskräfte seien dabei in Burgrain im Einsatz.

Am Morgen hatte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ihre Arbeit gelobt. Er sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und sagte etwas, das besonders im Gedächtnis bleibt: Seine Gedanken seien auch bei denjenigen, die den Unfall unverletzt überlebt hätten. »Die seelischen Wunden, die sie erlebt haben, gilt es nun aufzuarbeiten.«

Markus Söder am Samstagmorgen an der Unglücksstelle

Markus Söder am Samstagmorgen an der Unglücksstelle

Foto: Angelika Warmuth / picture alliance / dpa

Unweigerlich lenkt der Anblick des roten Zugs die Gedanken darauf, dass die Bahn an diesem Wochenende eigentlich mit anderen Nachrichten Schlagzeilen machen wollte: dem gerade eingeführten 9-Euro-Ticket. Im ganzen Land sind Urlauber und Pendler unterwegs, die das Ticket ausprobieren. Begleitet von Journalisten, die überfüllte Züge und bemerkenswerte Geschichten erwarten. Das 9-Euro-Ticket gilt im Nahverkehr – etwa in Regionalzügen wie dem bei Burgrain entgleisten.

Gerade an diesem Pfingstwochenende, das die Aufmerksamkeit besonders auf den deutschen Zugverkehr lenkte, erschüttert das Unglück umso mehr.

Eine einzige Straße führt so nah an der Unglücksstelle vorbei, dass ein Blick auf den Zug möglich ist. Sie führt über eine Brücke, auf der Schaulustige stehen bleiben, Mountainbiker rollen extra langsam vorbei. Sie werden von der Polizei fortgeschickt. Über dem zertrümmerten Zug kreisen immer wieder Hubschrauber. Ansonsten ist es vergleichsweise still am Unfallort, die Helfer arbeiten konzentriert, nur das Quietschen und Ächzen der Kräne ist ab und an zu hören.

Jemand ist zum Brückengeländer vorgedrungen und hat einen kleinen Blumenstrauß daran gebunden. Als Gedenken an die Opfer. Es sind Wildblumen, die lila und gelb blühen.

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