Fabrikeinsturz in Bangladesch Die letzte Umarmung

Mehr als 1100 Menschen sterben, als am 24. April ein Fabrikgebäude in Bangladesch einstürzt. Ein Bild von den Opfern geht um die Welt: ein Paar, bis zur Hüfte begraben in Trümmern, das sich im Tod umarmt. Wer waren diese zwei Menschen? Ein Gespräch mit der Fotografin Taslima Akhter.
Berühmtes Foto: "Das Gefühl, sie zu kennen, ihnen schon mal begegnet zu sein"

Berühmtes Foto: "Das Gefühl, sie zu kennen, ihnen schon mal begegnet zu sein"

Foto: Taslima Akhter

Dhaka/Islamabad - Es ist laut auf den Straßen von Dhaka, Autos hupen, Händler brüllen, Fahrräder klingeln. Taslima Akhter versucht, in diesem Höllenlärm zu telefonieren. Ständig klingelt ihr Telefon, Fernsehsender, Zeitungen, Online-Redaktionen aus aller Welt sind dran, oft auch Menschen, die einfach nur wissen wollen, wie sie helfen können.

Ein Foto hat Taslima Akhter berühmt gemacht: jenes Bild, das ein totes Paar in den Trümmern der eingestürzten Fabrik von Savar am Stadtrand von Bangladesch zeigt. Zwei Menschen, die sich im Tod umarmen. Ein gespenstisch-schönes Bild, das sagt: Wir sind Menschen, die in diesen Fabriken arbeiten und die Kleidung für euch herstellen, keine Maschinen, keine gesichtslosen Arbeiterinnen und Arbeiter, keine Nummern.

Akhter hat versucht herauszufinden, wer diese beiden sind. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE berichtet sie von ihren Erlebnissen und was sie bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Akhter, wie ist dieses Bild entstanden?

Akhter: Als ich am Morgen des 24. April von dem Einsturz hörte, bin ich sofort nach Savar gefahren. Ich bin Aktivistin und setze mich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Bangladesch ein. Es war entsetzlich, überall diese Toten und Verletzten zwischen Trümmern und Schutt. Ich versuchte zu helfen und machte Bilder, viele Stunden lang. Stunden später, gegen 2 Uhr morgens, sah ich dieses Paar, das sich umarmt. Mich überkamen Trauer und Entsetzen, ich empfand auch Zuneigung für die beiden und hatte das Gefühl, sie zu kennen, ihnen schon mal begegnet zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die beiden?

Akhter: Ich weiß es leider nicht. Dreieinhalb Wochen nach dem Unglück habe ich es immer noch nicht herausgefunden. Ich habe alle möglichen Leute gefragt, Rettungskräfte, Polizisten, das Personal in den Krankenhäusern. Ich habe ihnen das Bild gezeigt und gefragt: Kennt ihr sie? Immer schüttelten die Leute die Köpfe. Manche reagierten auch verärgert. 'Warum interessieren dich diese zwei? Da sind so viele Menschen gestorben, warum findest du diese zwei so besonders?'

SPIEGEL ONLINE: Suchen Sie trotzdem weiter?

Akhter: Im Moment nicht. Mir geht es nicht gut, psychisch wie körperlich. Diese Katastrophe hat auch bei mir Spuren hinterlassen. Manchmal möchte ich gar nicht über dieses Foto sprechen und mich am liebsten für ein paar Tage zurückziehen und nachdenken. Aber das geht natürlich nicht. Ich muss jetzt so viel tun, die ganze Welt interessiert sich endlich für das Schicksal der Arbeiterinnen in Bangladesch. Wenn ein bisschen Zeit vergangen ist, werde ich die Suche nach ihnen fortsetzen. Ich glaube aber nicht, dass das erfolgreich sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten Aushänge machen oder eine überregionale Zeitung um Hilfe bitten.

Akhter: Es sind so viele hundert Leichen aus den Trümmern geborgen und anschließend begraben worden, ohne dass ihre Identität geklärt wurde. So ist das eben. Viele Arbeiterinnen kommen vom Land, ihre Angehörigen wissen überhaupt nicht, wo sie arbeiten. Vielleicht werden sich die Familien erst in ein paar Monaten oder auch Jahren wundern, warum sie nichts mehr von ihrer Tochter oder Schwester hören. Bei dem Paar kann es sich um Eheleute handeln, die in derselben Firma arbeiteten, vielleicht auch um eine Beziehung zwischen Kollegen, von der die Familien nichts wusste. Vielleicht ist es deshalb auch gut, sie in Ruhe zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: In den sozialen Medien wurde Ihr Bild viel gelobt, aber auch kritisiert, weil es den Toten sehr nah kommt und sie weltweit sichtbar macht. Trifft Sie diese Kritik?

Akhter: Ja, sehr. Da sind mehr als 1100 Menschen gestorben. Menschen, die sich zu Tode gearbeitet haben, die ausgebeutet wurden. Kein Mensch interessiert sich für sie, aber sie sollen gefälligst für die ganze Welt unter schlimmen Bedingungen Kleidung herstellen. Jetzt soll die Welt hinschauen! Sie soll das Leid sehen! Was ist das für eine grausame Gesellschaft, die verlangt, sie wolle das nicht gezeigt bekommen? Das waren Menschen mit Gefühlen und Träumen. Manche schreiben im Internet, das Bild würde sie verfolgen. Ja, es verfolgt mich auch.

SPIEGEL ONLINE: Ahnten Sie, als Sie auf den Auslöser drückten, dass Sie gerade das Foto machen, das zur Ikone für dieses Unglück werden würde?

Akhter: Überhaupt nicht. Ich bin keine Fotojournalistin, ich will mit meinen Bildern auch kein Geld verdienen. Die Einnahmen für dieses Foto spende ich, um den Näherinnen zu helfen. Ich fotografiere also nicht für Medien, sondern nutze Fotografie als politisches Instrument, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Als im November eine Textilfabrik nahe Dhaka brannte, war ich auch dort und habe fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde dieses Bild von der letzten Umarmung zweier Menschen weltbekannt?

Akhter: Ich habe es auf meiner Facebook-Seite hochgeladen, zusammen mit anderen Bildern. Da haben Leute es geteilt, immer mehr Menschen wurden darauf aufmerksam. Irgendwann riefen die ersten Redaktionen an.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat das Bild ja bewirkt, was Sie wollen: die Aufmerksamkeit auf die Situation der Arbeiterinnen in Bangladesch zu lenken.

Akhter: Ich befürchte, dass die Menschen aus der Katastrophe die falschen Schlüsse ziehen. Wir wollen nicht, dass Kleidung aus Bangladesch boykottiert wird und dass Fabriken geschlossen werden. Manche Fabrikbesitzer und auch unsere Regierung tun so, als seien wir Aktivisten und Arbeiterinnen gegen die Textilindustrie, als wollten wir sie zerstören. Aber im Gegenteil, wir sind für Industrialisierung. Da sind wir einer Meinung, auch die Gewerkschaften. Aber wir verlangen, dass die Sicherheitsstandards und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Derzeit bekommt eine Arbeiterin umgerechnet etwa 40 Euro im Monat. Das reicht nicht, um zu überleben.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben also den Fabrikanten und der Regierung von Bangladesch die Schuld an der Misere?

Akhter: Nicht nur. Das ist kein lokales Problem, sondern ein internationales. Die westlichen Textil- und Handelskonzerne kaufen zu Preisen, die viel zu niedrig sind. Sie scheren sich nicht um die Arbeitsbedingungen und um die Sicherheit der Menschen. Fabrikbesitzer, unsere Regierung und internationale Käufer sind gleichermaßen verantwortlich. Seit fünf Jahren versuche ich, das mit meinen Bildern zu zeigen.

Das Interview führte Hasnain Kazim.


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