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26. Dezember 2009, 13:36 Uhr

Gedenken an Tsunami-Opfer

"Ich höre nicht auf, für sie zu beten"

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 erschütterte eine der schlimmsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte den Indischen Ozean: Riesenwellen rissen Hunderttausende in den Tod. Fünf Jahre später wird der Opfer weltweit gedacht - auch in Deutschland.

Am Samstag haben Menschen in aller Welt jener Opfer gedacht, welche die verheerende Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean vor genau fünf Jahren forderte. Binnen weniger Stunden und Tage waren damals 230.000 Menschen durch Riesenwellen ums Leben gekommen. Darunter auch Tausende Touristen, die an den Stränden Thailands und Sri Lankas im Weihnachtsurlaub waren. Ganze Landstriche wurden verwüstet, Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht.

Mittlerweile aber sind viele der damals zerstörten Häuser, Brücken und Straßen, teils mit Unterstützung weltweiter Hilfsorganisationen, wieder aufgebaut oder repariert worden. Fischer haben neue Boote bekommen, und Kinder, die ihre Eltern verloren haben, werden von Paten finanziell unterstützt. Aber für viele konnte der Schmerz über den Verlust der Angehörigen dennoch nicht gelindert werden.

Das unterseeische Beben, das den Tsunami am zweiten Weihnachtstag vor fünf Jahren auslöste, erschütterte zunächst die Westküste Sumatras. Mit einer Stärke von 9,1 auf der Richter-Skala war es eines der drei stärksten je registrierten Erdbeben. Die enorme Verwerfung im Meeresboden löste einen Tsunami aus, der innerhalb von Minuten mit bis zu 30 Meter hohen Wellen auf die Küste Sumatras zurauschte. In den nächsten Stunden breiteten sich die Killerwellen im gesamten Indischen Ozean aus und richteten bis an die Küsten Afrikas teils verheerende Verwüstungen an.

Trauerfeiern für die Opfer

In Banda Aceh auf der indonesischen Insel Sumatra nahmen am Samstag Tausende an Gebeten für die Opfer teil. Vizepräsident Boediono war angereist und besuchte eines der Massengräber, in dem einige der 170.000 Toten von Sumatra begraben wurden. Viele der Leichen waren von den Wellen kilometerweit transportiert oder auf das offene Meer hinausgezogen worden, bevor sie endlich geborgen werden konnten, so dass eine Identifizierung oft nicht mehr möglich war.

Ein typischer solcher Fall ist der des 45-jährigen Idris, der die Katastrophe zwar überlebte, dabei aber seine Frau und seine vier Kinder verlor. "Ich habe nach den Leichen gesucht, sie aber nie gefunden", sagte er am Samstag. "Sie sind bestimmt in einem der Massengräber. Ich höre nicht auf, für sie zu beten." In der Provinz Aceh sind nach dem Tsunami mehr als 130.000 Häuser, 2700 Kilometer Straßen und 1000 Brücken neu gebaut worden. Das Gros der vielen tausend Helfer ist inzwischen aber wieder abgezogen. Arbeitslosigkeit sei jetzt das größte Problem, sagte der Vizegouverneur von Aceh, Muhammad Nazar.

In Thailand führten Hunderte buddhistische Mönche die Trauerfeiern an. Einheimische und Touristen legten in Takuapah in der besonders betroffenen Provinz Phang-Nga nördlich der Ferieninsel Phuket Opfergaben in die Schalen der Mönche. Nach buddhistischem Glauben können sie damit für sich und verstorbene Verwandte Meriten für das nächste Leben sammeln. Der Ort, rund 30 Kilometer nördlich der Touristenregion um Khao Lak, war vor fünf Jahren zum Lagezentrum der Helfer geworden. Dort wurden auch viele der Leichen identifiziert. In Thailand kamen etwa 8000 Menschen um, ein Viertel davon ausländischen Touristen. Im nahegelegenen Fischerdorf Ban Nam Khem löschte die Welle 60 Prozent der Bewohner aus.

Schweigeminuten auf Sri Lanka

Auch in Sri Lanka erbaten Tausende in hinduistischen und buddhistischen Zeremonien Segnungen für die etwa 40.000 Toten. Auf der Insel hielten die Menschen für zwei Schweigeminuten inne. Im Fischerdorf Karathivu rund 350 Kilometer östlich der Hauptstadt Colombo hielten Dorfbewohner Fotos der 400 Angehörigen hoch, die bei dem Tsunami umkamen.

"Die Infrastruktur ist wieder aufgebaut, aber diese Familien sind noch immer am Boden zerstört, weil sie ihre Liebsten verloren haben und sich an diesen furchtbaren Tag erinnern", sagte der Fischer Sivalingam Muttusamy. In Galle lamentierten Fischer, dass ihre Häuser zwei Kilometer weit im Landesinneren wieder aufgebaut wurden. In Teilen der Insel hat der erst vor wenigen Monaten beendete Bürgerkrieg Hilfsprojekte bislang blockiert. Mit Kerzenlicht-Prozessionen wurde in Indien der 14.000 Opfer auf den Nikobaren-Inseln nahe des Epizentrums und an der Ostküste gedacht.

In Deutschland wurde der Toten mit einem zentralen Gottesdienst in der Düsseldorfer Johanneskirche gedacht. Ein blaues Tuch auf den Altarstufen sollte dabei die tödliche Riesenwelle symbolisieren. Etwa 70 Angehörige und Überlebende aus ganz Deutschland waren zu der Trauerfeier angereist. Insgesamt kamen bei der Katastrophe 552 Deutsche ums Leben oder sind bis heute als vermisst geführt. Bei der Gedenkfeier, an der knapp 200 Menschen teilnahmen, stellten Angehörige Kerzen auf und verlasen Namen von deutschen Opfern. Bundespräsident Horst Köhler und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ehrten die Toten mit Kränzen.

Dass der Schmerz vieler Hinterbliebener nicht ohne Bitterkeit ist, machte der Leiter der rheinischen Notfallseelsorge, Landespfarrer Joachim Müller-Lange, in seiner Predigt deutlich. Zu schnell sei die Gesellschaft in der Bundesrepublik nach dem Tsunami-Schock vor fünf Jahren wieder zum Alltag zurückgekehrt. So sei der Gedenkgottesdienst auch ein Appell, die Opfer der Flutwelle "fest in guter Erinnerung zu behalten" - und auch die vielen anderen Leidtragenden "einer von Katastrophen gebeutelten Zivilisation" niemals zu vergessen.

mak/dpa

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