Gefährlicher Frost Sorge vor Eisnacht

Klirrende Kälte und frostklare Luft - was für die einen wunderbares Winterwetter ist, könnte für andere zur Lebensgefahr werden: Obdachlose seien durch den Frost in höchster Gefahr, warnen Hilfsorganisationen. Bisher starben vier Menschen in der extremen Kälte.


Düsseldorf - Rund 345.000 Menschen müssten hierzulande vor den eisigen Temperaturen Zuflucht suchen, sagte der Vorsitzende des Vereins "Gemeinsam gegen Kälte", Thomas Beckmann, der Nachrichtenagentur ddp.

Fotostrecke

11  Bilder
Frostalarm: Kältewelle setzt sich in Deutschland fest

Er forderte die Kommunen auf, "ihre U-Bahnhöfe und öffentlichen Einrichtungen für Obdachlose zu öffnen". Beckmann appellierte "insbesondere an Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, während der Kältewelle die Bedürftigen nicht aus den Bahnhöfen zu vertreiben". Beckmann rief die Kommunen auf, "für jeden Obdachlosen eine Notschlafstelle bereitzuhalten". Auch die Bürger seien gefragt, Obdachlosen, die vom Alkohol- oder Drogenmissbrauch betäubt seien, zu helfen und einen Krankenwagen oder die Polizei zu holen. Es gebe ein "Gebot der Mitmenschlichkeit und der christlichen Nächstenliebe".

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAW) in Bielefeld verwies darauf, dass etwa 20.000 Männer und Frauen regelmäßig auf der Straße leben. "Sie sind durch die Kältewelle besonders gefährdet", sagte BAW-Geschäftsführer Thomas Specht-Kittler. Mangel an Notunterkünften gebe es vor allem "in kleinen und mittelgroßen Städten". Während im vergangenen Winter fünf Obdachlose erfroren, seien bereits vor Beginn der Kältewelle in diesem Winter sechs Obdachlose an Unterkühlung gestorben, sagte Specht-Kittler.

Verantwortlich für den derzeitigen strengen Frost ist Hoch "Claus", das im Nordosten für die kälteste Nacht des Jahres sorgte. Lokale Rekordwerte gab es vor allem im Osten und Südosten. Am unbewohnten bayerischen Funtensee wurden am Morgen minus 34,8 Grad gemessen, im bayerischen Haidmühle zitterten die Bewohner bei minus 27 Grad, in Morgenröthe-Rautenkranz in Sachsen bei minus 24,5. In Berlin war es mit 17,8 Grad Frost so kalt wie seit 64 Jahren nicht mehr. In Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen erfroren mehrere Menschen.

In Wolfen in Sachsen-Anhalt stürzte eine 74-jährige gehbehinderte Frau auf dem Weg zum Briefkasten vor ihrem Haus. Sie konnte nicht allein aufstehen und erfror. In Chüttlitz nahe Salzwedel starb ein 48 Jahre alter Mann, der auf einem Feldweg zu Fuß unterwegs von einer Feier nach Hause war. Im niedersächsischen Hameln erfror ein 68-Jähriger nur zehn Meter vom Eingang seines Hauses entfernt, nachdem er gestürzt war. In Wiesbaden starb ein Obdachloser an der Kälte. Bereits am Samstag kam eine 60-jährige Frau in Duisburg ums Leben, die von ihrem Lastschiff in den eiskalten Rhein gestürzt war.

Notunterkünfte für Obdachlose

Einige Städte reagierten bereits auf die außergewöhnlichen Temperaturen und richteten zusätzliche Unterkünfte für Obdachlose ein. München stellte Notunterkünfte oder Zimmer in einfachen Pensionen zur Verfügung, wo Betroffene übernachten können. Tagsüber gibt es außerdem Wärmestuben für Obdachlose. In Berlin stehen drei U-Bahnhöfe als Notunterkunft zur Verfügung, wie die Polizei mitteilte. Auch in Stuttgart sollen bei Bedarf mehr Zimmer angemietet werden.

Auf den Straßen gab es wegen der trockenen Kälte keine größeren Behinderungen oder Unfälle. Auch bei der Bahn lagen keine Berichte über größere Störungen vor. Die Schifffahrt wurde dagegen auf mehreren Flüssen wegen Eises eingestellt.

Besonders verheerend ist die Kälte in Osteuropa. So erfroren in Rumänien mindestens drei Menschen. Auch in Russland hatten die Menschen weiter unter der Kälte zu leiden. In einem Vorort von Moskau waren 12.000 Menschen ohne Heizung, weil eine Heißwasserleitung brach. Ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums erklärte, betroffen seien mehr als 20 Gebäude in Podolsk, darunter ein Kindergarten.

Die Temperaturen waren in der Nacht auf minus 38 Grad gesunken. Es ist der kälteste Winter in der Hauptstadt seit 1978/1979. Die russischen Nachrichtenagenturen berichteten, am Wochenende seien allein in Moskau sieben Menschen erfroren. Auch aus Estland, Polen und Moldawien wurden Kältetote gemeldet.

Kälte macht auch Tieren zu schaffen

Auch Zoo- und Haustieren in Deutschland macht die sibirische Kälte zu schaffen. So hat der Zoo Hannover für Tiger, Erdmännchen, Löwen und Geparde heiße Steine in die Gehege gebaut, an denen sich die Tiere wärmen können, teilte der Tierpark mit. Einige afrikanische Zoobewohner hingegen gehen nur kurz nach draußen, Flusspferde bleiben ganz im 20 Grad warmen Pool. Anderen Tieren kann es hingegen kaum kalt genug sein. Die sibirischen Tiger etwa genießen Schnee und knackige Kälte. Erst Temperaturen unter minus 30 Grad bereiten ihnen Probleme.

Unterdessen warnte der Hamburger Tierschutzverein davor, Hunde übermäßig lange im geparkten Auto zu lassen. Die Wagen würden schnell auskühlen. Gegen einen Spaziergang mit dem Hund sei aber nichts einzuwenden. Kaninchen in Ställen sollten mehr Stroh bekommen. Als nicht erfolgreich bewies sich unterdessen die Wärm-Methode einiger Tierpfleger im Zoo der russischen Stadt Jaroslawl. Sie schütteten große Mengen von Wodka ins Trinkwasser ihrer vor Kälte zitternden Elefanten. Die Dickhäuter kamen daraufhin in Rage, begannen zu randalieren und rissen Heizkörper aus den Verankerungen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.