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26. Juli 2015, 11:00 Uhr

Fotos aus Knästen in Lateinamerika

Ort des Grauens, Hort des Wahnsinns

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In vielen Gefängnissen Lateinamerikas herrscht das Recht des Stärkeren. Der römische Fotograf Valerio Bispuri hat das Leben der Häftlinge festgehalten, hier sind seine Bilder.

Gefängnisse in Lateinamerika - das sind oft enge, übelriechende und übervölkerte Unorte, die das Schlimmste im Einzelnen hervorkehren können.

Es gibt Folter und Morde, auch durch Sicherheitskräfte. Es gibt tödliche Brände, blutige Revolten, spektakuläre Ausbrüche.

Der italienische Fotograf Valerio Bispuri wollte in diese Welt eintauchen, verstehen, wie es sich anfühlt, dort zu leben. Mehr als 70 Gefängnisse hat der römische Fotoreporter in den vergangenen zehn Jahren abgelichtet. Im Zentrum standen immer die "Encerrados", die Eingesperrten, die dort überleben müssen: "Ich wollte wissen, wie sie ihren Tag verbringen, was sie antreibt, wovon sie träumen."

Bispuri reiste durch Chile, Kolumbien, Peru, er war in Uruguay, Argentinien und Venezuela. An manche Türen musste er lange und andauernd klopfen, andere öffneten sich schon nach wenigen Tagen. "Natürlich sind die Leute verzweifelt. Aber nicht alle."

Oft wurde Bispuri freundlich aufgenommen. Manchmal aber auch nicht. "Für einige Häftlinge war ich eine willkommene Abwechslung, andere betrachteten mich mit Neid, wieder andere mit Verachtung, weil sie davon ausgingen, dass ich nur da war, um mit ihrem Elend Geld zu verdienen."

Einmal habe ihn jemand mit einer Plastiktüte voller Urin beworfen, erinnert er sich. Ein anderes Mal sei er mit einer Spritze bedroht worden, die angeblich infiziertes Blut enthielt. Irgendwann habe ihm jemand ein Messer an den Hals gedrückt. Verstört hat das den Fotografen durchaus, aber er ist nicht nachtragend: "Die Welt der 'Encerrados' ist eine abgeschlossene, jenseits der Realität, es gelten andere Regeln."

In Ländern, in denen das organisierte Verbrechen schon jenseits der Knastmauern stark ist, entfaltet sich in den Strafanstalten bisweilen ein hochkompliziertes Machtgefüge, in dem Beamte und Banditen auf Kosten von Mitgefangenen kooperieren.

In vielen Gefängnissen ist das Gesetz außer Kraft, regieren aggressive mafiöse Gruppen. In Venezuela etwa werden geschätzt drei Viertel der Knäste von Gangbossen, den "Pranes", kontrolliert. Das hat zur Folge, dass bestimmte Knastbereiche nur mit Genehmigung der Verbrecher betreten werden können. Ein System im System.

Mehr als 51.000 Menschen sind in 32 venezolanischen Einrichtungen zusammengepfercht, obwohl nur für 19.000 Platz ist. In den Statistiken steht dann: Belegrate 269,8 Prozent. Die Enge fordert ihren Tribut: Im Jahr 2013 starben 506 Insassen, 616 wurden verletzt.

Für das vergangene Jahr meldete die Gefängnisbeobachtungsstelle OVP einen Rückgang auf 309 Tote. Dies sei allerdings nur darauf zurückzuführen, dass die Gefangenen inzwischen "fast den ganzen Tag eingeschlossen bleiben". Von denen, die tatenlos, fehlernährt und oft krank in ihren Zellen sitzen, ist nur etwa ein Drittel überhaupt verurteilt worden. Der Rest sind Untersuchungsgefangene, die mitunter Jahre auf einen Prozess warten.

Wie kommt der Mensch klar mit dem Primat der Instinkte, der Natur über die Kultur? "Es gibt durchaus Kultur im Gefängnis", sagt Bispuri. In Argentinien habe er einmal drei Insassen beim Mate-Trinken beobachtet. "Sie saßen wohlerzogen beisammen und redeten über Fußball, es war wie in einem netten Straßencafé."

Es gebe außerdem nicht nur Drogendealer und Mafiosi in den lateinamerikanischen Gefängnissen, sondern auch solche, die "einfach einen Blackout in ihrem Leben hatten, so wie es jedem von uns passieren könnte". Zum Beispiel den freundlichen Universitätsprofessor in Peru, der in einem Moment der Eifersucht seine Frau tötete und dafür 15 Jahre absitzen muss. "Er hat sich mit seiner Strafe abgefunden, er hat eine akzeptable Stellung in der Hierarchie, wird von den Mitgefangenen aufgrund seiner Bildung sehr geschätzt."

Der Überlebenswille der Männer und Frauen hinter Gittern sei beeindruckend, sagt Bispuri. Nicht aufgeben, weitermachen, lautete die Devise der meisten. Im Gespräch mit den Gefangenen habe er beobachtet, dass es offenbar drei Phasen in einem Gefängnisleben gebe: "Am Anfang rebelliert man gegen das Schicksal, die Ungerechtigkeit, das Pech, dort gelandet zu sein. Danach kommt die Depression, die Erkenntnis, dass man nicht rauskommt." Irgendwann jedoch fingen die meisten an, sich aufs Weiterleben zu konzentrieren. "Dann versuchen sie, sich möglichst viele kleine Freuden im Alltag zu verschaffen." Ein bisschen wie im ganz normalen Leben.

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