Gefangen im Superdome Nur noch raus aus der Hölle

Tausende Hurrikan-Opfer sind unter katastrophalen Bedingungen im Superdome von New Orleans eingepfercht. In dem Stadion soll es zu Vergewaltigungen und sogar Mord gekommen sein. Die Wut der Menschen auf die Untätigkeit der Behörden wächst.


"Platz da!": Ein Säugling wird durch die Menge zu den Rettungskräften durchgereicht
AFP

"Platz da!": Ein Säugling wird durch die Menge zu den Rettungskräften durchgereicht

New Orleans - Erst kamen die Fluten. Dann kam die Hölle. "Ich habe alles verloren", sagt Norma Blanco Johnson, die mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin auf den Bus wartet, der sie aus dem Superdome bringen soll - raus aus dem Chaos von New Orleans. Von ihren drei Söhnen fehlt jede Spur, ihr Haus, ihr Hab und Gut sind in den Wassermassen versunken.

Johnson rettete ihr nacktes Leben und suchte Zuflucht im Superdome. Vier Tage lang harrte sie dort aus, eingepfercht mit rund 20.000 anderen Opfern des Hurrikan "Katrina". Es gab kaum Nahrung oder Trinkwasser. Mit der Hitze kam der Gestank aus den Toiletten. Vielleicht wäre all das noch erträglich gewesen, hätten nicht bewaffnete Banden die gleichsam Gefangenen terrorisiert - ohne dass die offenbar völlig überforderten Ordnungskräfte durchgriffen.

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New Orleans: Verzweifeltes Warten auf Rettung

Als Nationalgardisten und Polizisten endlich kamen, um mit der Evakuierung der verzweifelten Menschen zu beginnen, bot sich ihnen ein Bild des Elends. Mit den Nerven am Ende brechen die einen Flüchtlinge in Tränen aus, während andere entkräftet auf dem feuchten Boden liegen. Wieder andere lassen ihrer Empörung über die unhaltbaren Zustände freien Lauf, über den Dreck und die Gewalt; laut schimpfend werfen sie den Behörden Unfähigkeit vor. Wer die Kraft hat, drängt zu den Metallabsperrungen am Ausgang des Superdome, in der Hoffnung, einen Platz in einem der nächsten Busse zu ergattern.

"Platz da!", ruft ein Mitglied der Sicherheitskräfte und bahnt sich seinen Weg durch die wartende Menge. Auf den Armen trägt er eine Frau - eine von vielen, die dehydriert und erschöpft zusammengebrochen sind. Kranke, Frauen und Kinder zuerst, lautet die Devise bei der Evakuierung. Helfende Hände halten Kinder und Hunde hoch, damit sie nicht von den Massen erdrückt werden. Babys werden nach vorne zu den Rettungskräften gereicht, die den Kleinen als erstes Wasser geben. In einem abgetrennten Bereich versorgen Ärzte die dringendsten Fälle notdürftig, bevor sie in die klimatisierten Autobusse getragen werden.

"Der Geruch da drinnen haut dich um", berichtet Lorraine Banks. Wegen verstopfter Toiletten stünden mancherorts im überfüllten Stadion die Exkremente kniehoch, klagt die 53-jährige Krankenschwester. Die Nächte seien das Schlimmste gewesen, sagt Baron Duncan mit Schaudern. Die vollkommene Dunkelheit, die brütende Hitze, der Gestank. "Wir wurden behandelt wie Tiere." Todesangst stand der 42-Jährige aus, als er Schüsse hörte. Sogar zwei Kinder seien vergewaltigt worden.

Ein Mitglied der Nationalgarde hilft einer Frau, die nach einem Schusswechsel im Superdome einen Schock erlitten hatte
AFP

Ein Mitglied der Nationalgarde hilft einer Frau, die nach einem Schusswechsel im Superdome einen Schock erlitten hatte

Ein Polizist bestätigt das Gerücht: "Da wurden Leute vergewaltigt. Da wurden Leute umgebracht. Es gab zahlreiche Unruhen", sagt der Mann, der nach eigenen Angaben seit 13 Jahren bei der Polizei von New Orleans ist und anonym bleiben will. Von offizieller Seite heißt es dagegen, von Vergewaltigungen sei nichts bekannt. Es sei jedoch durchaus möglich, dass es solche Vorfälle gegeben habe, räumt Oberst Peter Schneider von der Nationalgarde ein. "Wenn 20.000 Menschen zusammenkommen, passieren eine Menge verrückter Dinge."

Angesichts der katastrophalen Bedingungen, unter denen die Obdachlosen im Superdome untergebracht wurden, wächst die Wut auf die Behörden. Millionen von Dollar habe die Stadtverwaltung für ein neues Stadion ausgeben wollen, sagt Audrey Jordan. "Aber sie haben es noch nicht einmal geschafft, die Deiche zu befestigen." Ein Mann, der die Situation nicht länger habe ertragen können, habe sich von einem Geländer in den Tod gestürzt, berichtet Jordan.

Auch der Polizeibeamte erhebt schwere Vorwürfe gegen die verantwortlichen Behörden. "Die Stadt wusste seit langem, dass so etwas geschehen würde. Aber sie haben keine Vorbereitungen getroffen", sagt er. "Du kannst nicht so lange dort eingesperrt sein, ohne verrückt zu werden. Die Leute hier waren wie in einem Gefängnis." Sie haben nichts mehr außer ihren Kleidern auf dem Leib, aber zunächst einmal wollen die traumatisierten Menschen nur eins: Raus aus dem Superdome.

Patrick Moser



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