Gefesselter Arzt im Elsass Zwei Männer gestehen Beteiligung an Entführung

Ein Arzt ist geknebelt im Elsass gefunden worden. Zwei Männer haben nun zugegeben, an der Verschleppung des Mediziners beteiligt gewesen zu sein. Der Hauptverdächtige macht den Kardiologen für den Tod seiner Tochter verantwortlich - und hat eingeräumt, aus Sorge vor der Verjährung gehandelt zu haben.

AFP

Mülhausen - Es war ein anonymer Anrufer mit einem starken slawischen Akzent, der die Polizei auf den geknebelten und blutenden Mann in der Rue du Tilleul aufmerksam gemacht hatte. Als Hauptverdächtiger im Fall der Entführung des deutschen Arztes galt von Anfang an André B. Er ist der leibliche Vater des Mädchens Kalinka, das 1982 in der Obhut des Mediziners gestorben war.

Kurz vor Mitternacht hat B. eine Beteiligung an der Tat vor Journalisten gestanden. Er habe vor anderthalb Wochen einen Mann in der Nähe von München getroffen und mit ihm ausgemacht, dass dieser den Mediziner ins elsässische Mülhausen entführen solle, sagte er. Gegen B. wurde ein Ermittlungsverfahren wegen gemeinschaftlicher Entführung, Freiheitsberaubung sowie Körperverletzung eingeleitet. Er wurde unter richterliche Aufsicht gestellt und musste 19.000 Euro Kaution hinterlegen. Frankreich darf er vorerst nicht verlassen. Beamte durchsuchten auf den ersten Verdacht hin sein Haus in Pechbusque nahe Toulouse.

Die Ermittler gehen davon aus, dass B. gemeinsam mit mehreren Mittätern den 74 Jahre alten Arzt vor seiner Wohnung bei Lindau entführt und dann gefesselt und geknebelt nahe einem Gericht in Mülhausen abgelegt hat.

Der Mediziner war 1995 in Frankreich wegen der Ermordung von B.'s leiblicher Tochter Kalinka zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Er war zur Tatzeit 1982 mit Kalinkas Mutter liiert, also der Stiefvater des Mädchens. Bei dem Prozess war er nicht anwesend. Der Haftbefehl wurde nie vollstreckt.

Seitdem kämpft B. darum, dass der Kardiologe seine Strafe absitzen muss. Unter anderem gründete er eine Initiative, die immer wieder auf das Schicksal des Mädchens und die Untätigkeit der Justiz aufmerksam machte.

"Die französischen Behörden haben überhaupt nichts getan"

Die deutsche Justiz lehnte die Auslieferung des Arztes nach Frankreich ab, weil die Todesursache des 14-jährigen Mädchens nicht eindeutig zu klären war. B. ist davon überzeugt, dass der Mediziner Kalinka 1982 eine tödliche Spritze verabreichte und sie vergewaltigen wollte. Fest steht, dass bei der Obduktion des Mädchens Genitalverletzungen festgestellt wurden.

"Die französischen Behörden haben überhaupt nichts getan (…), um die Auslieferung (…) zu erwirken", rechtfertigte B. nun die Entführung des deutschen Arztes nach Frankreich. Da das Urteil 2015 verjähre, habe er befürchtet, dass der Mann ungestraft davonkomme.

B. hat in dem Gespräch mit Journalisten bestritten, Prügel für den Mediziner angeordnet zu haben. Als man ihn fand, blutete der Arzt aus einer Wunde am Kopf. Er hat jedoch zugegeben, der anonyme Anrufer gewesen zu sein, der die Polizei auf den gefesselten Deutschen aufmerksam gemacht hatte.

Mittäter aus dem Kosovo

Wer noch an der Entführung beteiligt gewesen sei, wisse er nicht, sagte er. Am Samstag sei er von einem anonymen Anrufer aufgefordert worden, "wegen des Arztes" nach Mülhausen zu fahren. In einem späteren Anruf sei er informiert worden, dass sich der Mediziner in der elsässischen Stadt befinde. Er sei daraufhin am Sonntagnachmittag nach Mülhausen gefahren, um dem Entführer 20.000 Euro zu geben und sich davon zu überzeugen, dass der Mann nicht auf freien Fuß gesetzt werde.

Vor B. hatte laut Staatsanwaltschaft Kempten auch ein 38 Jahre alter Mann aus dem Kosovo gestanden, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein.

Der Mediziner wurde nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt in Gewahrsam genommen. Sein Anwalt kündigte an, dagegen vorzugehen. "Mein Mandant wurde gewaltsam in Deutschland entführt", sagte sein Anwalt Francois Serres. Grund sei, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine 1995 erfolgte Verurteilung des Deutschen in Frankreich im Fall Kalinka wegen eines unzulässigen Verfahrens für ungültig erklärt habe.

Der Kardiologe hatte seine Zulassung in Deutschland 1997 wegen sexuellen Missbrauchs verloren. Das Landgericht Kempten befand ihn für schuldig, eine 16-jährige Patientin unter Narkose vergewaltigt zu haben. Er wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Vor zwei Jahren befand ihn das Landgericht Coburg des Betrugs für schuldig und verurteilte ihn zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis, weil er seinen Beruf weiter illegal ausgeübt hatte.

han/AFP/dpa



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