DER SPIEGEL

Gehörlose und Maskenpflicht Wenn die Mimik fehlt

Mundschutzmasken sollen Sicherheit geben. Doch während sie vielen Menschen eben dieses Gefühl vermitteln, ist die aktuelle Mundschutzpflicht für Gehörlose eine große Herausforderung und Barriere.

Bernadette Auersperg ist gehörlos auf die Welt gekommen. Schuhe kaufen war eigentlich keine allzu große Herausforderung für sie - bis zur Mundschutzpflicht wegen Corona.

Bernadette Auersperg, wissenschaftliche Mitarbeiterin Gehörlosenverband Hamburg

"Ohne Maske kann ich den Ausdruck und die Mimik erkennen. Einfach alles. Und mit Maske weiß ich zum Beispiel gar nicht, ob das jetzt eine Frage ist oder eine Aussage oder ob es jetzt weitergeht. Das ist ganz schwierig."

Bernadette kam vor sechs Jahren aus Österreich nach Deutschland, um Gebärdensprachen-Linguistik zu studieren. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Gehörlosenverband Hamburg. Der Schuh ist nicht in ihrer Größe im Lager. Der Laden ist eher leer und der Verkäufer nimmt sich die Zeit für ein Verkaufsgespräch mit Stift und Zettel.

Bernadette Auersperg, wissenschaftliche Mitarbeiterin Gehörlosenverband Hamburg

"Wenn es mimisch und gestisch nichts wird, dann kann man das aufschreiben. Das klappte bei dem hervorragend. Ich habe zum Beispiel meine Schuhgröße gezeigt - 38 - und er hat mich verstanden. Ich habe die Zahl in die Luft gezeigt, mit den Fingern, und das war gut. Und dann hat er auch etwas aufgeschrieben, was komplizierter war. Und dann hat das ganz gut geklappt."

Doch so gut läuft es nicht immer. Deshalb fordert etwa der Gehörlosenverband Hamburg, dass in der Coronakrise mehr an die Gehörlosen und Hörgeschädigten gedacht wird. In Deutschland gibt es circa 80.000 Gehörlose und geschätzt 16 Millionen Hörgeschädigte. Für diese Menschen müssten viel mehr solcher Visiere in den Umlauf kommen. Aber auch für andere, zum Beispiel für Verkäufer in den Läden. Ganz besonders jedoch für Berufsgruppen, bei denen Missverständnisse fatal wären.

Ralph Raule, Vorsitzender Gehörlosenverband Hamburg

"Es gibt ja auch viele Menschen, die die Gebärdensprache nicht beherrschen. Und über Zettel zu kommunizieren, ist nicht so optimal. Das bedeutet, dass die Kommunikation allgemein sehr eingeschränkt ist. Wir wünschen uns, dass allgemein in systemrelevanten Berufen, wie zum Beispiel im Krankenhaus, der Medizin, bei der Polizei oder Feuerwehr, dass wir diese Visiere einsetzen. Da kann man das Gesicht super erkennen."

Der Preis für diese Masken mit Visier liegt bei fünf bis 20 Euro. Spezielle Anbieter verkaufen sie online. Man kann sie aber auch selber machen. Im Netz gibt es eine Menge Beispiele. Dieser Junge aus Mexiko hat einen 3D-Drucker verwendet, um den roten Bügel anzufertigen. Ansonsten braucht man Klarsichtfolie, etwas Schaumstoff und ein Band zum Festmachen. Aber ganz ideal sind auch diese Masken nicht.

Bernadette Auersperg, wissenschaftliche Mitarbeiterin Gehörlosenverband Hamburg

"Mit der Maske ist es schwer zu gebärden. Normalerweise ist der Gebärdenraum viel näher am Körper. Und jetzt ist der Gebärdenraum viel weiter weg vom Körper - aufgrund der Maske, weil die ja sonst stört."

Nächster Einkauf, um zu sehen, wie schwierig es mit einem Mundschutz ist. Diesmal beim Bäcker. Auch hier läuft die Verständigung recht gut.

Bernadette Auersperg, wissenschaftliche Mitarbeiterin Gehörlosenverband Hamburg

"Meine Erfahrung ist, dass junge Leute da wesentlich offener und flexibler sind. Bei älteren Leuten ist das schwieriger. Dass es mit transparenten Masken wesentlich einfacher wäre - auch das Mundbild bei den Verkäufern abzulesen oder Gestik und Mimik zu sehen. Und wenn eine normale Maske auf ist, geht das alles verloren."

Der Gehörlosenverband führt derzeit Gespräche mit der Stadt Hamburg. Die Stadt hat zugesagt, mehr Visiere produzieren zu lassen und sie Gehörlosen, aber auch Menschen in systemrelevanten Berufen zur Verfügung zu stellen. Der Verband will sich an der Verteilung beteiligen.

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