Geiseldrama auf der "Hansa Stavanger" Piraten verschleppen drei Deutsche aufs Festland

Die Verhandlungen stocken, die Entführer sind nervös und machen Druck: Die Lage auf dem entführten deutschen Frachter "Hansa Stavanger" spitzt sich zu. Die Piraten brachten drei der fünf Deutschen an Bord nach Somalia aufs Festland. Auf dem Schiff herrscht Angst und Chaos.

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Berlin - Was auf der "Hansa Stavanger", dem seit Anfang April von somalischen Piraten entführten deutschen Frachter, wirklich vor sich geht, weiß niemand genau. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt (AA), das eingeschaltete Bundeskriminalamt (BKA), die am Golf von Aden patrouillierende Bundeswehr und die Reederei Leonhardt und Blumberg - sie alle können aus den wenigen Lebenszeichen der Besatzung nur erahnen, was sich auf dem Schiff abspielt, seit somalische Piraten es am 4. April entführt haben. Mehr als drei Monate sind seitdem vergangen, doch eine Lösung scheint noch immer nicht in Sicht.

Frachter "Hansa Stavanger": Eine Lösung scheint nicht in Sicht
DPA

Frachter "Hansa Stavanger": Eine Lösung scheint nicht in Sicht

Die letzten Lebenszeichen der Mannschaft, unter ihnen fünf Deutsche, jedoch zeugen von einem dramatischen Verhandlungspoker zwischen chaotischen und von Drogen berauschten Piraten und einer recht störrischen Hamburger Reederei. Mehrmals schon waren sich beide Seiten bei den Verhandlungen um ein Lösegeld irgendwo zwischen zwei und drei Millionen Dollar sehr nahe gekommen. Immer wieder aber scheiterten die geplanten Deals. Mal erhöhten die Piraten nach endlosen Telefonaten über Nacht ihre Forderungen, dann wieder zeigte sich der Besitzer des Schiffs "sehr hartleibig", wie es ein erfahrener Fahnder vom BKA ausdrückt.

Nach dem Ende der Woche scheint sich die Situation nun massiv zuzuspitzen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE berichtete einer der Deutschen in den vergangenen Tagen, dass die Piraten nach mindestens drei gescheiterten Verhandlungsrunden zunehmend nervös werden und den Druck auf den Hamburger Reeder deutlich anziehen. Demnach verschleppten sie drei der Deutschen - zwei 19-jährige Auszubildende und einen nautischen Offizier - sowie einen russischen Offizier aufs Festland. Mehr als eine Stunde von der somalischen Hafenstadt Haradhere entfernt, vor der das Schiff liegt, sollen die vier Seeleute nun sein.

Die Mitteilungen vom Schiff, teils per Satellitentelefon und dann wieder per E-Mail abgesetzt, sind für die deutschen Behörden nur schwer einzuschätzen. Auf der einen Seite sind sie die einzigen Indizien, was sich auf dem Schiff abspielt. Auf der anderen Seite aber kennen die Experten des BKA die Taktik von Entführern beim Rangeln ums große Geld. Hilferufe und Schreckensmeldungen, auch wenn das zynisch klingt, können bei solchen Verhandlungen gezielt eingesetzt werden, um Druck zu machen und die Gespräche zu beschleunigen. Gleichwohl ist allen beteiligten Experten klar, dass die Lage auf der "Stavanger" mehr als kritisch ist.

Über die Monate haben sich die Mitteilungen stark verändert. Berichtete der Kapitän des Schiffes - ein Deutscher aus dem Münchner Raum - am Anfang noch von Piraten, die "bekifft, aber freundlich" seien, zeugen seine Mails in den vergangenen Wochen fast ausschließlich von Angst und Terror, den die Seeräuber verbreiten. Mal führten sie Teile der Crew unter Deck und führten dort alptraumhafte Schein-Exekutionen durch, dann wieder ließen sie die Seeleute tagelang hungern, da das Essen auf dem Frachter ausgegangen war. Mittlerweile, so die jüngsten Berichte vom Schiff, sind fast alle Besatzungsmitglieder schwer krank und am Rand ihrer Nerven.

Die Nervosität wird auch bei den Angehörigen der Geiseln immer größer. Ende der Woche entschied sich die Frau des Kapitäns der "Stavanger", Anzeige gegen die Reederei wegen unterlassener Hilfeleistung zu stellen. "Es liegt in der Hand der Reederei, die Geiselnahme zu beenden", sagte sie dem SPIEGEL. Das Unternehmen feilsche extrem hart um das Lösegeld und bewege sich nicht mehr. Firmenchef Frank Leonhardt wollte sich zu diesen Vorwürfen nicht äußern. Seit Beginn der Geiselnahme war von ihm kein Wort über das Drama zu hören, obwohl er offenbar der einzige ist, der über die Lösegeldzahlung entscheiden kann.

Offiziell will es niemand sagen, doch auch bei den Behörden wird Leonhardt kritisiert. Mehrmals schon wurden hochrangige Ermittler des BKA beim ihm vorstellig und redeten auf ihn ein, sich bei den Verhandlungen zu bewegen. Bisher aber, so Mitglieder des Krisenstabs, habe das wenig gebracht.

Die Bundesregierung gerät in der Krise immer mehr unter Druck. Zwar verfolgt der Krisenstab den Fall, doch eine Lösung liegt einzig bei der Reederei, heißt es in Berlin. Etwas verwunden formulierte wohl auch deshalb der Sprecher der Kanzlerin vor zwei Wochen, alle Beteiligten sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Auch wenn Leonhardt nicht direkt erwähnt wurde, waren diese Worte sicherlich nicht an die Piraten gerichtet.

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