Geiseldrama in Somalia Angehörige kritisieren Verhandlungstaktik des "Stavanger"-Reeders

Es ist ein Hilferuf und Brandbrief zugleich: Angehörige von Geiseln auf dem Frachter "Hansa Stavanger" beschuldigen den Reeder, den Lösegeldpoker zu verschleppen. Verzweifelt appellieren sie an den Unternehmer, die 24 Seeleute endlich aus den Händen der somalischen Piraten freizukaufen.

Berlin/Moskau - Im Fall des von Piraten vor Somalia gekaperten deutschen Frachters "Hansa Stavanger" wächst der Druck auf den Hamburger Reeder Frank Leonhardt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE forderten fünf Ehefrauen und eine Mutter der entführten russischen und ukrainischen Seeleute den Unternehmer in einem halbseitigen Brief eindringlich dazu auf, die Verhandlungen um das Lösegeld für das Schiff und die 24-köpfige Besatzung - darunter fünf deutsche Seeleute - endlich abzuschließen.

Seit der Entführung am 4. April verhandelt der Reeder über Mittelsmänner mit den Piraten, die ein Lösegeld in Millionenhöhe fordern. In dem verzweifelten Brief der Angehörigen, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, kritisieren sie deutlich die Haltung des Reeders, der sich auch nach Aussagen von deutschen Behörden "sehr hartleibig" bei den Gesprächen zeigt.

"In der letzten Zeit ist bei uns der Eindruck entstanden, dass die Verhandlungen entweder verschleppt oder ignoriert werden", schreiben die Angehörigen aus Russland und der Ukraine. So sollen die Gespräche in dem mehr als dreimonatigen Geiseldrama mindestens einmal für ganze drei Wochen komplett unterbrochen worden sein, weil sich die Reederei nicht mehr bei der Crew oder den Entführern meldete.

Kritik an Verhandlungspausen

Die Vorwürfe der Angehörigen, die regelmäßig über Satellitentelefon mit den Seeleuten an Bord der "Stavanger" sprechen können, richten sich direkt gegen den Reeder Leonhardt. Demnach kämen die schwierigen Gespräche zwischen der Reederei und den Piraten immer dann zum Stillstand, wenn Frank Leonhardt "sich außerhalb des Landes" befinde, "ebenfalls an allen Wochenend- und Feiertagen".

Die Angehörigen zeigen sich darüber schockiert: "Wir verstehen nicht, wie man sich erholen kann und was es zu feiern gibt, wenn Ihre Seeleute zur gleichen Zeit unmenschliche Qualen in der Gefangenschaft der Piraten erleiden."

Deutlich appellieren die Frauen in dem Brief an den Reeder, seine starre Haltung bei den Verhandlungen aufzugeben. Demnach betrage "der Unterschied zwischen dem, was die Piraten fordern, und dem, was Sie bereit sind zu zahlen, nur noch einige hunderttausend Euro". "Für diese geringe Summe", so der Brief, "riskieren unsere Ehemänner jede Minute ihr Leben vor den Waffen der Piraten." Es sei "schwer zu glauben", schreiben die Frauen an den Reeder, "dass ein Mensch, der zu den reichsten Männern Deutschlands zählt, diese Summe nicht auftreiben kann".

Die Piraten sind "nervös und sehr wütend"

Für die Angehörigen entwickelt sich die Geiselnahme zu einem Nervenkrieg. Eine der Unterzeichnerinnen sagte SPIEGEL ONLINE, sie halte mit ihrem Mann Telefonkontakt. Demnach habe er zuletzt am Montagmorgen bei ihr angerufen. "Er hat erzählt, dass die Piraten sehr wütend und nervös sind, weil sich die Verhandlungen so lange hinziehen", so die Ehefrau.

Ihr Mann, der russische Offizier Wladislaw Y., befinde sich bei der Gruppe der drei Deutschen, die von den Piraten von der "Hansa Stavanger" an Land verschleppt worden seien. "Ich fordere von der Reederei, dass sie die Männer endlich freikauft", empört sich die Frau.

Die Aussagen des Offiziers decken sich mit Informationen, die SPIEGEL ONLINE am Sonntag unter Berufung auf Anrufe deutscher Geiseln bei ihren Familien veröffentlicht hatte. Demnach wurden drei Deutsche, zwei 19-jährige Auszubildende und der nautische Offizier, gemeinsam mit einem russischen Offizier von den Piraten am Samstag von Bord geschafft und an Land gebracht.

Offenbar versuchen die Piraten, durch die Verlegung die Gespräche zu forcieren. Sicherheitskreise rechnen auch damit, dass schon bald Fotos der Geiseln auftauchen könnten, um den Druck auf den Reeder zu erhöhen.

Auch die anderen Fakten aus dem Brief entsprechen den Details der Verhandlungen. So sind sich die beiden Seiten in dem Poker ums Lösegeld sehr nahe gekommen, immer wieder aber scheiterten die Gespräche. Einmal gab es schon eine schriftliche Vereinbarung, doch die Piraten erhöhten ihre Forderungen am nächsten Tag.

Zynisches Spiel mit dem Leid der Geiseln

Schuldzuweisungen sind im Falle der "Hansa Stavanger" allerdings schwierig. Zwar ist der Reeder daran interessiert, die Lösegeldsumme maßvoll zu halten. Gleichwohl agieren auch die Piraten chaotisch. Oft scheint noch nicht einmal die Hierarchie der Gruppe geregelt zu sein. Immer neue Personen meldeten sich in der Vergangenheit mit immer neuen Forderungen.

Prognosen über den Ausgang der Entführung sind entsprechend schwierig. Aus den Verhandlungen ist ein harter Poker um das Leben der Geiseln geworden. Experten wiesen darauf hin, dass man mit den Piraten taktisch verhandeln müsse, um Ergebnisse zu erzielen. Ein zu schnelles Eingehen auf Forderungen, so eine Regel, zieht schnell neue Wünsche nach sich. Aus dieser Perspektive erscheint die offenbar sehr harte Verhandlungsführung durch den Hamburger Reeder verständlicher. Dass die Angehörigen ganz anders auf die Verhandlungen schauen, ist ebenso klar.

Was sich auf dem Schiff und nun auch an Land abspielt, ist für die deutschen Behörden dabei schwer einzuschätzen. Auf der einen Seite sind die Anrufe und E-Mails die einzigen Hinweise auf die Situation. Ebenso aber kennen die Experten des Bundeskriminalamts die Taktik von Entführern. Hilferufe, Schreckensmeldungen und am Ende vielleicht auch dramatische Fotos können gezielt eingesetzt werden, um Druck zu machen und die Gespräche zu beschleunigen.

Klar ist allen beteiligten Experten nur, dass die Lage auf der "Stavanger" mehr als kritisch ist. Über die Monate haben sich die Mitteilungen der Crew stark verändert. Berichtete der Kapitän des Schiffes - ein Deutscher aus dem Münchner Raum - am Anfang noch von Piraten, die "bekifft, aber freundlich" seien, zeugen seine letzten Mails fast ausschließlich von Angst und Terror, den die Seeräuber verbreiten.

Mal brachten sie Teile der Crew unter Deck und führten dort Scheinexekutionen durch, dann wieder ließen sie die Seeleute tagelang hungern, da das Essen auf dem Frachter ausgegangen war. Mittlerweile, so die jüngsten Berichte vom Schiff, sind fast alle Besatzungsmitglieder schwer krank und mit den Nerven am Ende.

Deutsche Frau von Geisel will Reeder anzeigen

Die Nervosität wird auch bei den Angehörigen der Geiseln entsprechend immer größer. Ende der Woche entschied sich die Frau des Kapitäns der "Stavanger", Anzeige gegen die Reederei wegen unterlassener Hilfeleistung zu stellen. "Es liegt in der Hand der Reederei, die Geiselnahme zu beenden", sagte sie dem SPIEGEL. Das Unternehmen feilsche extrem hart um das Lösegeld und bewege sich nicht mehr.

Firmenchef Frank Leonhardt wollte sich zu diesen Vorwürfen nicht äußern. Seit Beginn der Geiselnahme war von ihm kein Wort über das Drama zu hören, obwohl er offenbar der einzige ist, der über die Lösegeldzahlung entscheiden kann. Auch zu dem Hilferuf der russischen Frauen wollte sich die Reederei am Montag nicht äußern. Weder wollte das Unternehmen zu den Vorwürfen Stellung nehmen noch den Eingang des Schreibens der Angehörigen bestätigen.

Der Krisenstab der Bundesregierung setzt sich nach eigener Aussage unvermindert für die Befreiung der Geiseln ein. Insider jedoch sagen, dass nur die Reederei eine Einigung erzielen könne. Indirekt an den Reeder gerichtet hatte der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel deshalb vor zwei Wochen gesagt, alle Beteiligten müssten sich ihrer Verantwortung bewusst sein.

Mitarbeit: Wladimir Pyljow