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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Geld oder Liebe

Macht ein Bankraub Eindruck auf Frauen? Kommt drauf an.
Von Lydia Harder
aus DER SPIEGEL 4/2007

Ein Wärter holt Dejan ab aus Zelle AE16 und führt ihn in den Besucherraum. Sechs Schalter stehen darin, Sicherheitsglas teilt den Raum, zum Reden benutzt man Telefonhörer. Dejan setzt sich an Schalter 1. Er trägt eine Trainingshose und einen weiten Pullover, hat kurzgeschorene Haare und ein schmales, blasses Gesicht.

Dejan, 32, war für kurze Zeit Österreichs berühmtester Bankräuber. Von den Zeitungen wurde er verhöhnt, die anderen Häftlinge machen sich über ihn lustig, und es stimmt ja: Sein Bankraub war nicht sehr exakt geplant und der Plan relativ talentfrei ausgeführt. Dejan spricht mit leiser Stimme. Er möchte einen Fehler zugeben, aber er will am Ende nicht als Depp dastehen. Dejan erzählt von der Liebe.

Er erzählt von einer Frau, einer jungen Studentin aus Wien. Ihretwegen zog er von Serbien nach Österreich, er war Wachmann gewesen und wurde Bauarbeiter, sie heirateten, und er war glücklich. Und er dachte, es bliebe immer so. Doch im letzten Sommer war Schluss: »Ich will mich von dir trennen. Ich will, dass du ausziehst«, teilte sie ihm mit. Freunde sagten, sie habe einen anderen.

Für ihn kam das überraschend, vielleicht macht Liebe ja wirklich blind. Auf jeden Fall aber, das weiß Dejan heute, trübt Liebeskummer die Urteilskraft, zumal wenn man ein paar Bier intus hat.

Am Abend des 13. September ging Dejan in eine Spielhalle und verlor am Automaten 700 Euro in 30 Minuten. Ihm war alles egal, nichts hatte er mehr zu verlieren, dachte er. Er trank viel Bier, zum ersten Mal seit langem, wankte in seine Wohnung in der Ybbsstraße im zweiten Bezirk, einer etwas heruntergekommenen Gegend in Wien.

Er müsste etwas leisten, etwas Tolles, wirklich Beeindruckendes. Er würde sie zurückgewinnen. Er konnte nicht schlafen. Er trank noch mehr Bier.

Ein Banküberfall.

Der Gedanke kam und verselbständigte sich. Außerdem war Dejan gerade nicht flüssig.

Nun legte er eines der misslungensten Gangsterstücke Österreichs hin. Er steckte ein altes Küchenmesser in die Hosentasche, 20 cm Klingenlänge. Er zog eine graue Trainingsjacke an und verließ die Wohnung.

Dejan ging zu einer kleinen Filiale der Bank Austria Creditanstalt, zwei Straßen von seiner Wohnung entfernt. Ein Fehler, der erste von vielen, ein kluger Bankräuber arbeitet nicht in seiner eigenen Nachbarschaft.

Gegenüber der Bank war gerade ein Straßenfest. Dejan brauchte noch Tarnung, er kaufte sich auf dem Fest eine knallrote Baseballkappe. Dann betrat er die Bank.

Doch irgendwie war sein Plan hier zu Ende. Er stand am Eingang der Schalterhalle, sah sich um, ein Schritt nach vorn, einer zurück, er zögerte, er drehte ab zum Geldautomaten, schob seine Karte in den Schlitz und versuchte, Geld abzuheben, eine Übersprungshandlung, natürlich ohne Erfolg. Er verließ die Bank wieder, irrte eine halbe Stunde umher.

Die Situation war ihm entglitten. Alles kam zusammen: Verzweiflung, Selbstzerstörungswille, Müdigkeit.

Um 14 Uhr kehrte Dejan in die Filiale zurück, diesmal steuerte er direkt auf den Kassenschalter am Eingang links zu. Er zog das Küchenmesser aus der Hosentasche, fuchtelte damit vor der Angestellten an der Kasse herum, rief: »Geld, Geld!«

Sehr unwirklich kam ihm das alles vor, so als ob er gar nicht beteiligt wäre. Er weiß noch, wie die Frau mit den dunklen kurzen Haaren das Geld auf den Tisch legte, wie er die Scheine in eine Plastiktüte schob - 14 260 Euro.

Als er draußen war mit den 14 260 Euro, hatte er seine Bankkarte nicht mehr.

Er hatte sie liegenlassen. Beim Überfall, in der Bank.

Dejan rannte ins Freie, mischte sich unter die Menschen auf dem Straßenfest, warf die Baseballkappe weg. Er steckte die Beute in Jacken- und Hosentaschen und in den Hosenbund. Ein paar Scheine fielen zu Boden, er steckte sie in die rechte Socke.

Die Suche nach ihm war leicht. Die Angestellten fanden die Bankkarte auf dem Tresen, die Polizei leitete die Fahndung ein. Dejan lief die Straßen entlang, sah immer mehr Polizeiwagen.

Das Geld musste weg. Wohin damit? Die Antwort: zur Bank.

Dejan ging zu seiner Hausbank, zehn Minuten Fußweg entfernt. Er würde gern Geld einzahlen, sagte er, und den Verlust seiner Karte melden, das wolle er auch.

Die Angestellte tippte seine Daten in ihren PC. »Bitte Polizei verständigen - Bankräuber«, meldete der Computer. Die Frau blieb ganz ruhig, gab Dejan ein Blatt, das er ausfüllen sollte, und alarmierte unterdessen die Polizei. Er trug alles ein, Namen, Adresse. Um 15 Uhr hörte er Stimmen hinter sich. »Sind Sie Dejan R.?« Dejan gestand sofort, kam in Untersuchungshaft.

Im Dezember 2006 erging das Urteil. Das Gericht gewährte ihm mildernde Umstände aufgrund der »dilettantischen Durchführung« seiner Tat. Er bekam vier Jahre Haft.

Dass all das einen Sinn hatte, das hofft er noch immer. Bisher hat er von der Studentin nichts gehört. Er sitzt an Schalter 1 und sagt mit leiser Stimme: »Vielleicht kommt sie mich nächste Woche ja besuchen.« LYDIA HARDER

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