Fridays for Stalin in Gelsenkirchen

Wie eine linksextreme Organisation die FFF-Proteste unterwandert
Von Thembi Wolf

Dieser Beitrag wurde am 20.11.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Angenommen, man studiert in Gelsenkirchen, sorgt sich um die Umwelt und will etwas tun. Auf der Seite von "Fridays for Future" klickt man auf "Ortsgruppe" und "NRW", scrollt bis "Gelsenkirchen" und bekommt den Link zu einer WhatsApp-Gruppe angezeigt. Man trittt bei.

Fünf Klicks – so schnell gerät man in eine WhatsApp-Gruppe, deren Organisatoren wahrscheinlich vom Verfassungschutz beobachtet werden.

Die offizielle Gelsenkirchener Ortsgruppe von "Fridays for Future" wird von "Rebell" betrieben, der Jugendorganisation der linksradikalen Splitterpartei MLPD.

Im Jugendzentrum Ché, das zur Organisation gehört, finden jeden zweiten Samstag die offiziellen Vorbereitungstreffen für die Freitagsdemos statt. Eine halbe Stunde Busfahrt entfernt liegt die Parteizentrale der MLPD.

Warum beobachtet der Verfassungsschutz MLPD und Rebell?

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland und ihr Jugendverband Rebell werden vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie maoistisch-stalinistisch ausgerichtet sind.

"Mittels gezielter ideologischer Schulungen soll den Jugendlichen dabei die politische Arbeit einer streng maoistisch-stalinistisch orientierten Partei vermittelt werden", heißt es im letzten Verfassungsschutzbericht .

Die linksextreme Partei ist klein, der Verfassungsschutz vermutet etwa 2800 Parteimitglieder, zur Europawahl holte sie etwa 0,03 Prozent der Stimmen. Rebell soll sogar nur 150 Mitglieder haben.

Als bento der Gelsenkirchener WhatsApp-Gruppe beitritt, kommt nach wenigen Minuten diese Warnung: 

Ein User hat gesehen, dass bento neu dabei ist, schickt eine private Nachricht und verweist auf den Instagramaccount @gfridaysforfuture.ge.

Hinter dem Account steckt eine zweite Ortsgruppe von "Fridays for Future" in Gelsenkirchen. Sie nennt sich "überparteiliches" Fridays for Future, distanziert sich von MLPD und Rebell – und ist auf der bundesweiten Webseite nicht aufgeführt.

Seit Monaten tobt zwischen den beiden Gelsenkirchener "Fridays for Future"-Gruppen ein Streit.

Er steht für eine ganz grundsätzliche Frage der Bewegung: Darf sich eine radikale Partei für den Umweltschutz engagieren – und dafür das Logo der Freitagsdemos verwenden? Oder muss sich "Fridays for Future" distanzieren?

Nicht nur in Gelsenkirchen gibt es Ärger mit der MLPD. Medien berichteten im September in Mülheim und Recklinghausen von Auseinandersetzungen um MLPD-Fahnen auf Demos. In Witten hatten MLPD-Vertreter im Mai Flyer an die Schüler verteilt – zum Unmut der Organisatorinnen und Organisatoren. In Bochum sprach die Polizei MLPD-Vertretern bei einer Demo sogar einen Platzverweis aus. (Ruhrnachrichten )

Das Problem: "Fridays for Future" ist nicht hierarchisch organisiert. Sprecherin Carla Reemtsma sagt: "Grundsätzlich kann jeder machen, was er oder sie möchte."

Wer eine Gruppe gründen will, findet auf der Website ein PDF mit Anleitungen. Wer wolle, könne sich außerdem bei der "Regionalgruppenbetreuung" melden. Eine inhaltliche Selbstverpflichtung für neue Gruppen findet sich auf der Website nicht. Nur die Forderungen der Bewegung.

Bei mittlerweile mehr als 700 Regionalgruppen habe es nie Probleme gegeben, sagt Carla. Auch nicht von rechts. Den Konflikt in Gelsenkirchen sollten die Gruppen unter sich lösen, findet sie.

Wir können da nicht viel machen.

Carla, Sprecherin von "Fridays for Future"

Wie kam es zum Streit in Gelsenkirchen?

Alles begann am 15. März, nachdem Greta Thunberg erstmals einen internationalen Streik angekündigt hatte. Celina Jacobs, 18, sagt: "Eine Woche vor der Demo saßen wir zusammen und haben gesagt: Das kann doch nicht sein, dass in Gelsenkirchen nichts passiert."

Mit "wir" meint Celina den MLPD Jugendverband Rebell, in dem sie sich seit fünf Jahren engagiert. Die Rebell-Mitglieder haben daraufhin Flyer vor Schulen verteilt und eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Celina hat sich von einem MLPD-Mitglied erklären lassen, wie man eine Demo anmeldet. "Wir wollten das nur initiieren – und dass dann möglichst viele Leute mitmachen, damit der Umweltkampf vorankommt."

Ein Video auf der Facebook-Seite der WAZ  zeigt die Auftaktkundgebung. Und den ersten Zoff.

Die erste Demo in Gelsenkirchen ist ein Erfolg. Mehr als 200 Schüler stehen im Halbkreis um Celina. Viele halten selbstgemalte Schilder, nur eine Flagge ist auf dem Video zu sehen: die rote Rebell-Fahne. Reihum sprechen Schüler in ein offenes Mikrofon. Dann tritt Celina nach vorn, in brauner Teddyplüschjacke, ihre Stimme hüpft vor Aufregung, aber ihre Worte klingen sicher, als hätte sie geübt.

Um Kapitalismus zu überwinden, reicht eine lose Bewegung von Leuten nicht, die sich einmal in der Woche auf der Straße treffen.

Celina auf der ersten "Fridays for Future"-Demo

Dann ruft Celina die Schüler auf, sich in "Rebell" zu organisieren. Erst gibt es Unruhe, dann Gegenrede: "Ich denke, es gibt verschiedene Ansätze, Klimaschutz anzugehen", sagt ein Schüler. Eine junge Frau sagt: "Fridays for Future möchte sich von allen Parteien distanzieren".

Jan Breitner, 17, ist ebenfalls auf der Demo im März gewesen. Er war mit Freunden dort, dafür bekamen sie eine Freistellung vom Schulleiter.

Als Celina gesprochen hat, wurden Jan und seine Freunde wütend.

"Wir dachten: Das geht nicht, dass eine Partei das vereinnahmt." In den Tagen  darauf haben sie eine zweite Whatsapp-Gruppe gegründet, einen Instagram- und einen Twitter-Account eingerichtet. Unter @FfF_GE mobilisierte die REBELL-Gruppe seit Mitte März für die Freitagsdemos. Unter @FfF__GE (mit einem Unterstrich mehr) taucht eine Woche später die zweite Gruppe auf. Mit diesem Post:

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Die Ablehnung, die auf die Demo gefolgt ist, kann Celina nicht nachvollziehen. "Plötzlich hieß es, wir hätten die FFF-Demo instrumentalisiert und vereinnahmt. Das ist doch absurd."

Schon eine Woche später meldet die Gruppe um Jan eine eigene Demo an. Auch freitags – und nur ein paar Schritte von Celinas Demo entfernt. Noch heute gibt es zwei Demos in Gelsenkirchen. Oft um wenige Stunden versetzt.

Zweimal treffen sich die Schüler beider Gruppen, um sich zu versöhnen, können die Konflikte aber nicht beilegen. Die überparteilichen FFF-Schüler weigern sich, zusammen zu demonstrieren, solange die Rebell-Anhänger nicht auf ihre Fahne verzichten.

Celina spricht von "Lügen", "Hetze" und "Antikommunismus". Jan sagt, wenn sich die Routen der Demos kreuzten, habe es anfangs "Sticheleien" gegeben. Sogar die Regionalzeitung berichtet immer wieder über den Zoff: über offene Briefe und gegenseitige Ausschlüsse aus Whatsapp-Gruppen. (WAZ) 

Rebell wirbt  indessen immer offensiver mit dem "Fridays for Future"-Schriftzug.

Auf Flyern und Postern, die auf der Webseite zum Download stehen, taucht immer häufiger #FridaysforFuture im Titel auf. In langen Texten wird dort beispielsweise erläutert, die Grünen würden eine antikommunistische Spaltung der Umweltbewegung vorantreiben, gemeinsam mit "Antideutschen und anderen Verteidigern der Profitwirtschaft".

Auf einem anderen Flyer werden junge "Umweltkämpfer*innen" zum "lebendigen Erfah­rungsaustausch 'Fridays for future – wie weiter?'" eingeladen – beim "interna­tionalen Pfingstjugendtreffen" der MLPD in Thüringen.

In diesen Beiträgen zeigt sich, was an Rebell so hochproblematisch ist.

Die Texte sind gespickt mit dem dogmatisch-ideologischen Vokabular der MLPD, mit Geschichtsrevisionismus, Verschwörungstheorien und Verharmlosung von Diktaturen.

Im Beitrag "Umweltpolitik im Sozialismus – die fortschrittlichste ihrer Zeit!" werden die Despoten Stalin und Mao Zedong nahezu zu Umweltaktivisten stilisiert. Sie hätten "bis zum Ende um die Einheit von Mensch und Natur" gekämpft, heißt es.

"Im harten ideologischen Kampf führten die Arbeiter und Bauern mit Stalin auf ihrer Seite den Kampf um die Aufforstung der Wälder, die umweltverträgliche Bewässerung der Landschaft gegen gigantomanische Pläne der Bürokraten in Staats- und Wirtschaftsführung wie überdimensionierte Staudämme oder Atomkraftwerke."

Eine Lösung für den Konflikt in Gelsenkirchen ist nicht in Sicht.

"Wenn die bundesweite Orga sich distanzieren würde, das würde das Problem zwar nicht lösen, aber die Verwirrung über die zwei Gruppen beenden", sagt Jan, der Gründer der zweiten Gruppe. "Oder wenn es eine allgemeingültige Absprache gäbe: Wir sind auf den Klimaschutz fokussiert – wir wollen uns nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen."