Kritik an gendergerechter Sprache "Ich frage mich, wovor diese Menschen eigentlich Angst haben"

Die Stadt Hannover kommuniziert seit einem Jahr geschlechtergerecht. Die Aufregung war anfangs groß. Die Gleichstellungsbeauftragte Friederike Kämpfe erhielt massenhaft Beschwerden. Und heute?
Ein Interview von Lisa Duhm
Friederike Kämpfe, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hannover

Friederike Kämpfe, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hannover

Foto:

LHH

SPIEGEL: Frau Kämpfe, im Januar 2019 hat Hannover die geschlechterneutrale Sprache eingeführt. Die 11.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stadt sollen sie bei jeglicher öffentlicher Kommunikation anwenden - bei Prospekten, Formularen, Briefen. Die Aufregung unter Kritikern war groß. Wie viele Beschwerden haben Sie seither erhalten?

Friederike Kämpfe: Wir haben nicht gezählt. Ich war aber wochenlang mit nichts anderem beschäftigt, so viel kann ich sagen. Seitdem sind die Anfragen etwas abgeebbt, sie gehören jetzt zu unserem Alltag. Besonders zu Beginn gab es die Rückmeldung: Was macht ihr denn da für einen Quatsch, gibt es nichts Wichtigeres? Diese Fragen kamen meist von Menschen, die gar nicht hier in Hannover leben.

SPIEGEL: Was haben Sie ihnen geantwortet?

Kämpfe: Wir haben zwei Standardbriefe erarbeitet. In einem Anschreiben bedanken wir uns für die Rückmeldung, es gab ja durchaus auch positive Reaktionen. In dem anderen erklären wir noch einmal unsere Intention. Einige Rückmeldungen waren aber so unseriös, dass wir gar nicht geantwortet haben.

SPIEGEL: Wo war für Sie die Grenze überschritten?

Kämpfe: Zu Beginn haben wir ein Pressefoto veröffentlicht, darauf waren vier oder fünf Frauen abgebildet. Wir erhielten einige abwertende Reaktionen, frei nach dem Motto: "So was können sich ja auch nur Frauen ausdenken." Oder: "Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?" Solche Kommentare haben wir erhalten.

SPIEGEL: Das hört sich noch vergleichsweise gesittet an.

Kämpfe: Wenn man tagelang abwertende Kommentare über die eigene Arbeit erhält, ist es das nicht mehr. Ganz zu schweigen von den vielen negativen Kommentierungen, besonders auch in den sozialen Medien. Darunter waren auch viele sexistische Äußerungen, zum Beispiel "übergeschnappte Emanzen".

SPIEGEL: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil warnte damals, dass sich die Sprache zu weit vom alltäglichen Gebrauch der Menschen entfernen könnte. Hat Sie das überrascht?

Kämpfe: Dass Gegenwind kommt, damit haben wir gerechnet. Aber die Stärke des Sturms haben wir nicht vorhergesehen. Ich glaube aber, dass wir seitdem sehr viel bewegt haben. Einige, die vor einem Jahr noch sehr skeptisch waren, haben inzwischen festgestellt: So schlimm ist das alles gar nicht.

SPIEGEL: Was hat sich seitdem verändert?

Kämpfe: Es ist selbstverständlicher geworden, geschlechtergerechte Sprache anzuwenden. Ich freue mich immer wieder, dass die Drucksachen und auch Anträge aus der Politik gemäß unseren Empfehlungen formuliert sind. Es ist nicht die eine große Veränderung, sondern die vielen kleinen Dinge, die ich bemerke.

SPIEGEL: Mit welchen Worten haben Sie die meisten Probleme?

Kämpfe: Ein Knackpunkt waren Rechtstexte. Wir haben uns gefragt, ob wir die jetzt plötzlich auch mit Sternchen schreiben müssen, obwohl im Ausgangstext Männer und Frauen angesprochen werden. Da stand aber schnell fest: Rechtssicherheit geht vor geschlechtergerechter Sprache. Diese Auszüge aus Gesetzestexten werden nicht angepasst. Probleme hatten wir auch mit zusammengesetzten Wörtern, Führerschein zum Beispiel oder Arbeitgebermarke.

SPIEGEL: Wie haben Sie entschieden?

Kämpfe: Beim Führerschein liegt der Fokus auf dem Papier, die Arbeitgebermarke ist einfach ein festgesetzter Begriff. Beide Beispiele haben wir daher nicht geändert. Die Dezernentenkonferenz etwa haben wir aber zur Dezernent*innenkonferenz gemacht.

SPIEGEL: Wie viele Gedanken machen Sie sich heute noch um korrekte Formulierungen?

Kämpfe: Die geschlechtergerechte Sprache ist für mich als Gleichstellungsbeauftragte eine meiner Kernaufgaben. Ich berate Kolleginnen und Kollegen auch heute immer wieder bei der richtigen Umsetzung. Wir befinden uns ja in einem Prozess. Eine Broschüre, die kurz vor der Einführung der Sprachregelung unter alten Voraussetzungen erarbeitet wurde, musste nicht ins Altpapier wandern, nur weil die geschlechtergerechte Sprache nicht ordnungsgemäß angewendet wurde. Das wird jetzt nach und nach abgeändert.

SPIEGEL: Wenden Sie die Regeln auch privat an?

Kämpfe: In der Schriftsprache läuft es, da denke ich eigentlich gar nicht mehr groß drüber nach. Beim Sprechen gelingt es mir mal mehr und mal weniger. Mir kommt es aber nicht so kompliziert vor, diese Art der Formulierungen umzusetzen. Ich glaube, das unterscheidet mich von den Leuten, die das Ganze kritisch sehen.

SPIEGEL: Können Sie Menschen verstehen, die geschlechtergerechte Sprache für unsinnig halten?

Kämpfe: Ich frage mich, vor welchem Privilegienverlust diese Menschen eigentlich Angst haben. Es haben sehr viele Menschen etwas davon, wenn man geschlechtergerecht formuliert. Im Gegenzug schließt man die Hälfte der Bevölkerung aus, wenn man das generische Maskulinum verwendet. Dabei tut es wirklich nicht weh, geschlechterumfassende Sprache anzuwenden.

SPIEGEL: Gegner argumentieren auch mit der Schönheit der Sprache oder der Leserlichkeit. Was entgegnen Sie Ihnen?

Kämpfe: Die Frage der Leserlichkeit wurde neulich in einer Studie untersucht. Demnach führen geschlechtergerechte Formulierungen nicht zu einem geringeren Verständnis. Und die Frage der Schönheit ist meines Erachtens nachrangig: Sprache schafft Wirklichkeit und deshalb sollte sie präzise sein.