Genusserziehung Lass es sein!

Sechs Wochen ohne: Wenn am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt, bietet sich Genießern die Chance zum Verzicht, etwa auf fette Speisen, Schokolade oder Alkohol. Wer durchhält, wird belohnt - und erlebt ein sublimes High.


Fasten Sie auch hin und wieder? Ich nicht. Viel Aufwand, wenig Wirkung. Erst Darm entleeren, dann abnehmen, dann wieder zunehmen, das Ganze gewürzt mit Gemüsebrühe, Wassermassen und schlechter Laune. Zehn Tage darben, relativ viel Aufwand ohne Effekt.

Das ist nichts für mich.

Drehen Sie den Korken nicht raus - die Fastenzeit könnte der Einstieg in den Ausstieg sein
Corbis

Drehen Sie den Korken nicht raus - die Fastenzeit könnte der Einstieg in den Ausstieg sein

Wenn Sie sich wirklich etwas Ergiebiges leisten wollen: Verzichten Sie eine Zeitlang auf ein liebes Laster, während alles andere normal weiterläuft. Wenn Sie zum Beispiel gerne Wein trinken, lassen Sie den mal konsequent einen Monat lang weg (die klassische Fastenzeit sind die knapp sechs bis sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag). Das bringt - nun ja, nicht direkt Spaß, aber jede Menge Kraft und Weisheit.

Regelmäßiger Weinkonsum mündet ja zumeist in der Gretchenfrage: Bin ich schon Alkoholiker? Zahllose Service-Artikel in der einschlägigen Betroffenen-Presse geben beredte Auskunft, doch meist ist der Suchtverdächtige hinterher so schlau wie zuvor.

Wie viel Rotwein pro Tag ist noch gesund bzw. schon fatal? Ein Glas? Oder sollte ich mich nach dem reinen Alkoholwert richten? Muss ich immer einen Messbecher im Gepäck haben?

Es geht auch einfacher. Ein Unternehmensberater, der gerade dabei war, eine Werbeagentur umzukrempeln, sagte mir mal: Wer drei Tage ohne Alkohol locker übersteht, der ist noch kein Alkoholiker. Wer das nicht schafft, hat ein Problem.

Also auf in den Selbstversuch! Kann ja dann nicht mehr so schwer sein.

Doch schnell merkte ich, dass es gar nicht so sehr der fehlende "Stoff" ist, der nervt, sondern das haptisch/rituelle Loch, das sein Fehlen aufreißt. Anders ausgedrückt: Ohne Vino fühlt sich die Hand abends seltsam leer an.

Trinken Sie Wasser ohne Zusatz-Schnickschnack

Und: Wohin nach dem Job, wenn die Weinbar tabu ist? Dabei ist es natürlich völlig einerlei, ob man sich schon während des Nachmittags nach dem frisch gezapften Pils sehnt oder nach dem würzig-spritzigen Rheingau-Riesling lechzt.

Was tun stattdessen? Sämig träge, aber hochmodische Smoothies picheln? Nein: Es wäre eine Verhöhnung des Weingenusses, gequirltes Obst an seine Stelle zu setzen. Machen Sie lieber alles klar: Trinken Sie Wasser, am besten Sorten ohne Kohlensäure und ohne irgendwelchen Zusatz-Schnickschnack. Die übermineralisierten, von ferne heran gekarrten Topmarken können mir gestohlen bleiben.

Das Problem "Ohne Wein sein" bleibt natürlich. Mein Rat: Versuchen Sie, die leidige Lust zu sublimieren. Lesen Sie über Wein, erweitern Sie Ihren Horizont und Wortschatz, es gibt reichlich hoch gelehrte Literatur, die Ihnen zu denken, aber nicht zu trinken gibt. Das Geld dafür haben Sie durch den Schoppen-Verzicht locker eingespielt.

Nach ein paar Tagen fühlen Sie sich fast high, sehr spirituell: wie ein Priester, der die Lehren über die Sünde studiert und verinnerlicht hat. Und: Nur das, was man kennt, kann man effizient bekämpfen!

Beginnen Sie nicht mit einem Barolo

Wenn Sie diese Kraft durch Verzicht erstmal geschöpft haben, wird alles einfacher. Jeder, der schon mal Konditionstraining über einen längeren Zeitraum gemacht hat, kennt das Gefühl des "Vorankommens". Jeden weiteren Tag, den man ohne den geliebten Wein aushält, bringt einen der alkfreien Trinkreife näher.

Man entdeckt ja immer mehr Nullprozentiges, das schmeckt. Viele Winzer bieten auch Obstsäfte aus eigener Produktion an. Da kommen Sie der Rebenessenz über den Apfel- oder Traubensaft nahe.

Bald stellt Ihre neu trainierte Zunge fest, dass es auch hier enorme Unterschiede gibt - schon sind wir wieder auf dem Weg zur befriedigenden Kennerschaft, die gehobenen Genuss perfekt macht.

Den Kaffeekonsum sollten Sie während dieser Zeit übrigens nicht erhöhen, testen Sie stattdessen Grünen Tee. Der sollte aber aus biologischem Anbau stammen.

Nach überstandener Entsagung ist dann irgendwann die Zeit des feinen Wein-Comebacks gekommen. Beginnen Sie nicht gerade mit einem tonnenschweren Barolo; von einem leichten Riesling haben Sie in dieser Phase garantiert mehr.

Mein "Einstiegswein" war ein delikater, einfacher Chardonnay aus dem Friaul: Einer, den ich normalerweise gar nicht für voll nehme. Diesmal fühlte ich mich wie frisch verliebt.



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