Geplantes Casino in Wiener Schloss Fürstlich Zocken

Die Adelsfamilie Schwarzenberg gebietet über Schlösser, Wälder, Burgen - doch kein Bau ist so prunkvoll und geschichtsträchtig wie das nach ihr benannte Palais in Wien. Nun hat der Clan einen Plan: Ein Casino soll ins Schloss, Automaten inklusive.

Von , Wien


Er ist 76, atmet schwer und stößt Rauchwölkchen aus wie eine Dampflok. Doch kaum nimmt er die Pfeife aus dem Mund, kommt Karl Fürst zu Schwarzenberg zur Sache. Wer wie er Paläste dem Volk öffne, sagt der Fürst, könne für nichts mehr garantieren: "Schon als in unserem Palais hier noch Hotelbetrieb war, wusste doch keiner, ob die Damen, die da übernachteten, nicht Professionelle waren."

Soll heißen: Wenn demnächst, wie geplant, ein Grand Casino im Wiener Palais Schwarzenberg einzieht, samt 290 Slotmachines für Zocker im Untergeschoss, würde das dem Ruf des vornehmen Hauses auch nicht mehr schaden.

So zumindest stellt er es dar, der 12. Fürst Schwarzenberg, Herzog von Krumau und gefürsteter Landgraf von Sulz - das Oberhaupt einer Adelsfamilie, die zu Zeiten des Habsburger Kaiserreichs so wohlhabend und einflussreich war wie sonst kaum ein Geschlecht. Bis heute gebietet man über böhmische wie österreichische Schlösser, Wälder, Sägewerke und Steinbrüche. Darunter das Palais Schwarzenberg, ein Schmuckstück, das seit 2006 fast vollständig leer steht und nun ein Casino werden soll.

Der Finanzminister in Wien will bald entscheiden, an wen die zu vergebenden neuen Glücksspiel-Konzessionen gehen. Dann könnte sich die Zukunft des barocken Gartenpalais hinter der Ringstraße klären, ehemals Sommerresidenz derer von Schwarzenberg und heute im Besitz der Familienstiftung.

"Eine zeitgemäße Lösung"

Einem schweizerisch-deutschen Konsortium ist die Renovierung des Prachtbaus aus dem Jahr 1715 samt Umwandlung zum Casino 40 Millionen Euro wert. Die Stiftung würde das Palais an das Konsortium verpachten, so ist der Plan. Ob die Bieter den Zuschlag erhalten, ist offen.

Den Plan seines Sohns, der das operative Geschäft der Stiftung steuert, hat der Fürst jedenfalls abgesegnet, beziehungsweise: zur Kenntnis genommen. Im Umfeld der Familie klingt das so: "Er hat nicht gesagt 'Nur über meine Leiche'." Warum nicht? Neue Rauchwölkchen, langes Schweigen, dann nuschelt der Fürst mit unbewegtem Gesicht: "Die Sache mit dem Casino ist eine zeitgemäße Lösung."

Traditionalisten sind da anderer Meinung. Das denkmalgeschützte Wiener Palais Schwarzenberg ist Wahrzeichen eines Geschlechts, dem unter anderem Fürst Karl Philipp entstammte - als Feldmarschall 1813 in Leipzig an vorderster Front beim Sieg über Napoleon; und Fürst Felix, der als Premier ab 1848 die Revolution gegen den jungen Kaiser Franz Josef I. ersticken ließ. Fürst Karl wiederum, 1937 in Prag als Karel geboren, brachte es nach 1989 zum Berater von Präsident Václav Havel und später noch zum tschechischen Außenminister.

Gescheiterte Umwidmung zum Luxushotel

Das Wiener Palais, wo Schwarzenberg die ehemalige Orangerie, eine Art Seitenflügel bewohnt, wurde früh zur Bühne für Debatten übers Weltgeschehen - Intellektuelle wie Bruno Kreisky, Konrad Lorenz und György Konrád waren zu Gast beim Fürsten. Künftig nun soll es im Palais statt um Visionen und Geopolitik, wie einst im Salon oder in der Kellerbar, eher um Zählbares gehen.

Im Untergeschoss will der deutsche Glücksspiel-Krösus Paul Gauselmann Automaten aufstellen lassen. In den Prunksälen oben soll unter der Regie des Schweizer Stadtcasinos Baden zum Grand Jeu gebeten werden - zum Pokern im Gobelin-Saal oder zum Roulette im Marmorsaal. Für zwischenzeitliches Chillen ist in der alten Familienkapelle der Schwarzenbergs eine Lounge eingeplant. Fiel Fürstens nichts anderes ein?

1945, nach Krieg und Bombenhagel, war das Palais "zerteppscht", so Schwarzenberg, und der aus dem Exil zurückgekehrte Erbonkel Adolph, ein erklärter Antifaschist, stand konsterniert vor der Ruine. Auch die spätere Umwidmung des wiedererbauten Palais zum Luxushotel war nicht von Dauer - "denn 450 Meter Fußweg, um ein warmes Frühstück zu servieren", sagt ein Freund der Familie, "das rechnet sich vielleicht in Indien, nicht aber in Wien".

Spielautomaten als Trockner

Durch die verwaisten Gemächer führt bei Bedarf ein freundlicher Herr, der zum kanariengelben Jackett Schiebermütze trägt: Georg Brockmeyer, PR-Agent im fürstlichen Auftrag. Unter böhmischen Bleikristalllüstern, blätternden Brokattapeten und sieben Schichten Blattgold an den Wänden spricht er wie einer, der seinen Auftrag schon erfüllt hat. "Hier oben kommt das Grand Jeu hin und da, über die Ehrenrampe, fahren zum Valet Parking die High Roller vor", sagt Brockmeyer.

Die betuchten Kunden, die er bereits am Horizont sieht, kommen bevorzugt aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion und von der arabischen Halbinsel: "Die wollen hier natürlich so was wie in Monte Carlo erleben." Würden die auch Automaten-Zockerei im rauchgeschwängerten Untergeschoss in Kauf nehmen? "Davon", sagt Brockmeyer lächelnd, "kriegen die High Roller gar nichts mit." Von der Abwärme der Spielautomaten verspricht man sich, "das alte Gemäuer trocken zu halten".

Derzeit muss noch mit konstanter Raumtemperatur und täglichem Lüften dafür gesorgt werden, dass Blattgold und Stuck nicht auf die intarsienverzierten Böden rieseln. Und draußen im Park, wo einst die Juden Wiens Zuflucht fanden, bedeckt Grünspan die Bänke. "Das Ererbte unbedingt zu erhalten", das sei der Auftrag von Eltern und Vorfahren an ihn, sagt Karl Schwarzenberg, das 12. Oberhaupt des Geschlechts, das einen abgehackten Türkenkopf im Wappen führt und dazu den Wahlspruch "Nil nisi rectum" - "Nur das Richtige".

Ob seine Vorfahren es verfehlt gefunden hätten, Roulettetische unter ihre Ahnengalerie zu platzieren und Lounge-Sessel unter ihren Hausaltar? Wieder Rauchwölkchen, langes Schweigen, dann urteilt der Fürst: "Glücksspiel ist per se so wenig verwerflich wie Weinhandel - allerdings kann beides missbraucht werden."



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
karlsiegfried 05.06.2014
1. Sonst noch Sorgen?
Auch von diesem Palast wird in 1.000 Jahren nur noch zugewachsener Bauschutt übrig sein.
hobbyleser 05.06.2014
2. Immer der gleiche Stil
Erst Jahrhunderte lang die Bevölkerung ausrauben und die Prunkbauten als ....kompensation in die Landschaft setzen und wenn die Leute keine Lust mehr haben, sich ausrauben zu lassen, muss man eben neue revenue streams erschließen.
hedele 05.06.2014
3. Märchenhaft
Ich habe einen solchen Hass auf die Russen und Saudis, dass ich es ihnen von Herzen gönne, dass sie jetzt nach Strich und Faden von den Schwarzenbergs ausgenommen werden und nicht mehr die böhmischen Bauern. Auf die Paparazzibilder in der Bunten bin ich gespannt!
Linksruck 05.06.2014
4. Adelsfamilie
Zitat von sysopLukas Beck/ PAGE SEVEN IMAGES/ DER SPIEGELDie Adelsfamilie Schwarzenberg gebietet über Schlösser, Wälder, Burgen - doch kein Bau ist so prunkvoll und geschichtsträchtig wie das nach ihr benannte Palais in Wien. Nun hat der Clan einen Plan: Ein Casino soll ins Schloss, Automaten inklusive. http://www.spiegel.de/panorama/geplantes-casino-in-wien-gluecksspiel-im-palais-schwarzenberg-a-972972.html
Wie kann sich SPON als seriös ansehen, wenn immer noch fälschlicher Weise über den "Adel" berichtet wird. In Österreich gibt es, wie auch in Deutschland, schon seit fast 100 Jahren keinen Adel mehr.
miss_moffett 05.06.2014
5.
Zitat von LinksruckWie kann sich SPON als seriös ansehen, wenn immer noch fälschlicher Weise über den "Adel" berichtet wird. In Österreich gibt es, wie auch in Deutschland, schon seit fast 100 Jahren keinen Adel mehr.
Die Schwarzenbergs sind weder Österreicher noch Deutsche.
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