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Unfälle Gereimter Dank

Bürgerinitiativen entlang den deutschen Autobahnen kümmern sich um verunglückte Reisende - gegen Gotteslohn.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Wenn im niedersächsischen Salzhausen nachts das Telefon bei Hannelore Petersen, 53, klingelt, ist es meist die Polizei. Der Beamte am anderen Ende bittet die Frau, so schnell wie möglich bei einem Unfall irgendwo auf der A 7 südlich von Hamburg zu helfen.

Das Bild, das sich dort bietet, ist fast immer das gleiche: Hektisch versorgen Sanitäter Schwerverletzte, am Straßenrand hocken unversehrte Autoinsassen - hilflos und geschockt.

Routiniert kümmert sich die Samariterin nach den Rettungsarbeiten der Polizei um diese Opfer. Sie lädt sie in ihr Auto, birgt Gepäckstücke aus den Unfallwagen und organisiert Notquartiere mit Vollpension, Familienanschluß inklusive.

Petersens schlimmster Fall im vergangenen Sommer: Bei der Autobahnabfahrt Thieshope brannte der VW-Bus einer dänischen Touristengruppe lichterloh. Petersen: »Vier Erwachsene und acht Kinder mußten plötzlich nachts untergebracht und neu eingekleidet werden.«

Für die gelernte Lehrerin kein Problem: Sie leitet den »Freiwilligen Helferkreis für verunglückte Reisende« in Salzhausen, eine Mischung aus mobiler Caritas und mildtätigem ADAC, betrieben von 20 Nothelfern aus wohlsituierten Familien.

Rund 30 solcher Gruppen gibt es heute in der Bundesrepublik von Schleswig bis zu den Alpen. Sie bieten - ehrenamtlich, kostenlos und in Absprache mit der Polizei - verunglückten Touristen, Geschäftsleuten und Brummifahrern ihre Dienste an. Die Mitarbeiter besorgen Unterkunft, benachrichtigen die Angehörigen, sagen Termine ab und alarmieren die Versicherung. Die Gruppe im Alpenstädtchen Oberstdorf betreut nebenher auch verunglückte Bergsteiger.

Seit zwölf Jahren sorgen sich die Menschenfreunde für ein Dankeschön um Reisende in Not. 1984 gründete Gisela Arp, 61, aus Seevetal bei Hamburg den ersten »Helferkreis für verunglückte Touristen und Reisende«.

Auf die Idee gebracht hatte die ehemalige Sekretärin ein knapper Zeitungsbericht über einen schweren Verkehrsunfall. »Ich wollte zeigen, daß man auch ohne Geld anderen Menschen helfen kann«, begründet Arp ihre Initiative. »Denn ohne ehrenamtliches Engagement kann unsere Gesellschaft nicht weiterexistieren.«

Vor allem Frauen arbeiten in den Gruppen mit - aus Lust am Helfen. »Ich mache das aus Nächstenliebe«, sagt Gertrud Siemer, 44, aus Oberstdorf. Ursula Weber, 55, gelernte Rechtspflegerin aus dem niedersächsischen Maschen, findet es »toll«, verunglückten Reisenden beizustehen.

»Uns geht es gut, wir haben eine heile Familie, ein Dach über dem Kopf, gesunde Kinder. Da ist es unsere menschliche Pflicht zu helfen«, so Hannelore Petersen, »nicht irgendwo in Afrika, sondern vor unserer Haustür.«

20 bis 30 Großeinsätze leistete jede der Helfergruppen früher pro Jahr. Seit die Zahl der schweren Verkehrsunfälle rückläufig ist, sind es nur noch halb so viele Einsätze.

Die Samariter suchen deshalb nach neuen Aufgaben. Der Helferkreis Salzhausen bietet seit kurzem einen weiteren kostenlosen Service an - als Dolmetscher.

Wenn Ausländer verunglücken oder bei Verkehrskontrollen auf Autobahnen und Landstraßen gestoppt werden, fordert die Polizei bei den Salzhausenern Übersetzungshilfe an. Mehr als 20 Sprachen führen die im Angebot - Russisch ebenso wie Serbokroatisch und Rumänisch. »Wir haben eine Telefonliste mit den Dolmetschern, die wir dann anrufen können«, sagt Polizeimeister Jürgen Platzer, 32, von der Autobahnpolizei Thieshope.

Soviel Hilfsbereitschaft stößt bei betroffenen Autofahrern meist erst einmal auf Skepsis.

»Die Leute sind mißtrauisch, wenn wir ihnen anbieten, sie könnten kostenlos bei uns übernachten«, sagt Gertrud Siemer. »Sie verstehen gar nicht, daß wir ihnen aus der Patsche helfen, ohne etwas dafür zu verlangen.«

Später bedanken sich die meisten mit Briefen, Blumen oder selbstgereimten Gedichten.

Auf die Idee, den Rettern nachzueifern, ist allerdings bisher noch niemand gekommen. Wohltäterin Arp: »Keiner von denen hat je einen eigenen Helferkreis ins Leben gerufen.« Y

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