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Co-Pilot des Unglücksfliegers Heimliches Leid

Andreas Lubitz litt offenbar unter einer psychischen Erkrankung. Ein Arzt schrieb ihn krank, trotzdem stieg der Co-Pilot ins Flugzeug. Die Ermittler versuchen, seine Gedankenwelt zu rekonstruieren.
Von Jörg Diehl und David Walden

Jemand hat eine Deutschlandfahne gehisst in der Straße, in der Andreas Lubitz wohnte. Sie hängt an einer Laterne, über einem Parkverbotsschild, auf halber Höhe.

Ein Nachbar kommt aus der Tür, er hat es eilig, die Haare sind noch nass. "Wir sind alle geschockt", sagt er in die Kameras der Fernsehreporter. Lubitz habe fast drei Jahre lang im Haus nebenan gewohnt, sei eine "gepflegte Erscheinung" gewesen, unauffällig, freundlich, ruhig. Es ist der Dreiklang des Unerklärlichen, der überall ertönt, wo man sich nach Andreas Lubitz zu erkundigen versucht.

Noch immer nämlich ist nicht klar, warum Lubitz den Unglücksflieger 4U-9525 zum Absturz brachte - wovon die französischen Ermittler ausgehen. Bemerkenswert drastisch hat Staatsanwalt Brice Robin aus Marseille auf einer Pressekonferenz am Donnerstagmittag den Tatverdacht gegen Lubitz formuliert. Und dann sagte Robin einen Satz, der zu einer Art Programm seiner Zunft geworden ist: "Ich weiß nicht, was im Kopf dieses Co-Piloten vorgegangen ist." Seither versuchen Ermittler und Reporter die Gedanken des 27-Jährigen nachzuvollziehen. Wer war er? Was tat er? Und warum?

Vielleicht aber ist das eher eine medizinische Frage.

So teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft am Freitag mit, man habe in der Wohnung von Lubitz zerrissene Krankschreibungen gefunden, die auch für den Unglückstag galten. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war Andreas Lubitz für den Zeitraum 16. bis 29. März krankgeschrieben. Die Ermittler gehen daher davon aus, "dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat", wie es in einer Mitteilung heißt.

Nach SPIEGEL-Informationen entdeckten Beamte bei der Durchsuchung Hinweise auf eine psychische Erkrankung. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, lässt sich aus der Gesamtschau der entdeckten Dokumente inzwischen eine Krankengeschichte rekonstruieren.

"Unscheinbar, aber gut integriert"

Die Uni-Klinik Düsseldorf teilte am Freitag mit, dass Andreas Lubitz "im Februar 2015 und zuletzt am 10. März 2015" als Patient vorstellig geworden sei. "Es handelte sich um diagnostische Abklärungen", so eine Kliniksprecherin, "Einzelheiten unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht". Zugleich dementierte die Klinik eine Meldung des "Tagesspiegel", wonach Andreas Lubitz dort wegen Depressionen in Behandlung gewesen sei. Das sei unzutreffend.

Die "Bild"-Zeitung berichtete unter Berufung auf "Lufthansa-Kreise" über psychische Probleme des Germanwings-Mitarbeiters. So sei er während seiner Ausbildung an der firmeneigenen Flugschule zeitweise als "flugunfähig" gelistet worden. Auch sei in seiner Piloten-Lizenz eine gesundheitliche Beeinträchtigung vermerkt gewesen.

Ein Sprecher von Germanwings sagte auf Anfrage, das Unternehmen habe keine Hinweise auf eine psychische Erkrankung gehabt. "Der Betreffende hätte selbst auf uns zukommen oder seinen Arzt von der Schweigepflicht entbinden müssen", so Matthias Burkard. Im Übrigen sei Andreas Lubitz als flugtauglich eingestuft gewesen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte auf einer Pressekonferenz lediglich eingeräumt, dass Lubitz sich in seiner Ausbildung vor sechs Jahren "eine längere Auszeit" genommen hatte. Einen Grund für die Fehlzeit nannte Spohr nicht.

Auch in Montabaur, der Heimatstadt von Lubitz, rätseln die Menschen über mögliche Motive des Unglückspiloten. Ein ehemaliger Lehrer vom Mons-Tabor-Gymnasium erinnert sich an ihn als "schüchternen Jungen". Ein Vereinskamerad aus dem Luftsportclub Westerwald, selbst Berufspilot, beschreibt den 27-Jährigen als "unscheinbar, aber gut integriert". Lubitz sei kein Eigenbrötler gewesen, sondern habe an Vereinsfeiern gerne teilgenommen. "Er war einfach ein Ruhiger."


Anmerkung der Redaktion: Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.


Mit Material von AFP
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