Absturz in den Alpen Frankreich plant anonymes Grabmal für Germanwings-Opfer

Tausende Leichenteile sind nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 nicht identifizierbar. Frankreich will sie daher in einem Sammelgrab beisetzen. Hinter den Kulissen beginnt das Tauziehen um Entschädigungszahlungen.
Gedenkstelle in Frankreich: Hinterbliebene über Stand der Ermittlungen informiert

Gedenkstelle in Frankreich: Hinterbliebene über Stand der Ermittlungen informiert

Foto: JEAN CHRISTOPHE MAGNENET/ AFP

Für die Angehörigen der Opfer des Germanwings-Absturzes in den französischen Alpen war der Donnerstag schmerzhaft. Fast vier Stunden lang unterrichtete der französische Staatsanwalt Brice Robin Väter, Mütter und andere Verwandte der Opfer im französischen Außenministerium über seine Erkenntnisse, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Detailliert schilderte er, wie der Co-Pilot Andreas Lubitz seine Passagiere und die Crew am 24. März absichtlich mit in den Tod riss.

Die unfassbare Tat versuchte Robin so genau wie möglich zu erläutern. In drei Filmen, die auf großen Bildschirmen liefen, wurde der Todesflug des Airbus A320 Sekunde für Sekunde nachgestellt. Eine der Animationen zeigte die Handlungen im Cockpit. Kurz nachdem der Kapitän hinausgegangen war, programmierte Lubitz den Bordcomputer neu, leitete den Sinkflug ein, steigerte sogar die Geschwindigkeit. Mit rund 750 Kilometern pro Stunde krachte der Jet in die Alpen.

Die Bilder, besonders das Ende der Animationen, lösten bei den Angehörigen heftige Emotionen aus. Einige brachen zusammen oder liefen aus dem Saal. Bis heute scheint es unvorstellbar, wie Lubitz, der bis zum Crash ruhig atmend im Cockpit saß, bei seinem Suizid den Tod so vieler Menschen in Kauf nehmen konnte. Staatsanwalt Robin berichtete, er habe offensichtlich unter einer Psychose gelitten, da er fürchtete, zu erblinden und deswegen seine Fluglizenz zu verlieren.

Robin beschrieb Lubitz als einen Verzweifelten, der sich immer tiefer in seine Psychose verstrickt habe. 41 Ärzte besuchte er vor dem 24. März, besessen von der Angst, er könne sein Augenlicht verlieren. Verstärkt durch eine Übermedikation von Angsthemmern, Valium und anderen Psychopharmaka, so Robin, sei aus einer depressiven Grunderkrankung eine "handfeste Psychose" geworden. Ob Lubitz am Absturztag unter Medikamenteneinfluss stand, stehe aber noch nicht fest.

Große Belastungen für die Einsatzkräfte

Arbeit am Absturzort: Gendarmen waren rund um die Uhr im Einsatz

Arbeit am Absturzort: Gendarmen waren rund um die Uhr im Einsatz

Foto: CLAUDE PARIS/ AFP

Robins Leute berichteten auch über die schwierige Arbeit der Forensiker am Absturzort. Seit Wochen klagen die Angehörigen, dass sich die Überführung der Leichen in die Heimatorte immer wieder verzögert hatte. Robin entschuldigte sich ausdrücklich, wies aber auch darauf hin, dass die Gendarmen vor Ort rund um die Uhr gearbeitet hätten. Viele von ihnen seien bei der Suche nach sterblichen Überresten zusammengebrochen, sie hielten es einfach nicht mehr aus.

Allein die Zahlen der Suche sind gespenstisch. Insgesamt habe die Polizei in den Bergen 6000 Leichenteile gefunden, berichtete der Forensiker Francois Daoust, nur gut die Hälfte davon konnte den 150 Toten zugeordnet werden. Rund 3000 Teile, so der Oberst der Gendarmerie, seien nicht mehr identifizierbar. Sie sollen nun in einem anonymen Grab in Le Vernet, einem kleinen Ort nahe der Absturzstelle, beerdigt werden. Dort solle dann ein Grabmal errichtet werden, berichtete Daoust.

Der Vortrag des Obersts wurde immer wieder durch Zwischenrufe unterbrochen. Manche Angehörige forderten, sie wollten die forensischen Untersuchungsberichte einsehen, andere verlangten eine schnellere Überführung der Opfer. Auch der Staatsanwalt wurde mehrmals scharf angegangen. "Sprechen Sie niemals wieder von einem Unfall", rief die Mutter eines Opfers, "das war Mord". Robin versprach mehrmals, dass die Justiz den Vorfall lückenlos aufklären will.

Bald wird es um Entschädigungen gehen

Die Veranstaltung vermittelte eine Vorahnung davon, wie sich der Fall nach der Trauerphase juristisch entwickeln könnte. Robin berichtete, er werde die Ermittlungen an drei Richter in Marseille abgeben, diese würden sowohl die Absturzursache als auch mögliche Fehler beim Germanwings-Mutterkonzern Lufthansa recherchieren.

Bisher habe sich Lufthansa sehr aufmerksam gezeigt, sagen die Angehörigen, eine ganze Armada von Mitarbeitern kümmere sich in Krisenteams um die Opfer, sei immer erreichbar und versuche so gut es geht, alle Formalien zu erledigen. Schon bald aber wird die Frage nach Entschädigungen in den Vordergrund rücken. Mehrere Anwälte aus Deutschland, den USA und Spanien waren nach Paris gereist. Einige von ihnen haben bereits Schadensersatzklagen in den USA angekündigt.

Einer der Juristen, der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz, mahnte eine schnelle, unbürokratische Entschädigung an. "Es braucht eine großzügige, strategische Lösung für alle Opfer, die sich nicht an formalen Abkommen orientiert", sagt der Jurist. Schulz kennt sich mit Kompensationszahlungen aus, erfolgreich verhandelte er eine Millionenentschädigung der Opfer des von Libyen geplanten Bombenanschlags auf die Berliner Diskothek "La Belle" in den Achtzigerjahren.

Ohne eine schnelle Entschädigung droht Lufthansa in Frankreich möglicherweise ein unangenehmer Prozess. Mit den Angehörigen auf der Klägerbank könnten die Richter in Marseille anders als in Deutschland eine Unternehmensverantwortung der Airline untersuchen. Umso mehr Zeit vergeht, desto emotionaler dürfte dieser Prozess geführt werden.

Bisher sind die Angehörigen noch nicht aggressiv gegen Lufthansa aufgetreten. Schulz fürchtet, dies könne sich ändern, wenn in Zukunft einige Opfer vor US-Gerichten hohe Abfindungen erstreiten und die Höhe der Entschädigung "am Ende von der Nationalität der Opfer abhängt". Schulz selber vertritt in dem Fall Angehörige von zwei iranischen Opfern des Absturzes. Auch dort wäre bei einem weiteren Zuwarten durch die Lufthansa eine Klage möglich, meint er.


Zusammengefasst: Am Donnerstag hat der französische Staatsanwalt Brice Robin die Angehörigen der Opfer des Germanwings-Absturzes über den Stand der Ermittlungen informiert. Weil viele sterbliche Überreste nicht mehr zu identifizieren sind, soll es in Frankreich ein anonymes Sammelgrab nahe der Absturzstelle geben. In der juristischen Aufarbeitung dürften bald Entschädigungszahlungen in den Vordergrund rücken.

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