Nach Germanwings-Unglück Luftfahrtorganisation der Uno fordert medizinische Spezialtests

Werden Piloten bei der Ausbildung genügend auf ihre "psychische Fitness" geprüft? Nein, findet die Internationale Zivilluftfahrtorganisation und fordert besondere medizinische Untersuchungen.

Trauer in Frankreich: Im Dorf Le Vernet gedenken Menschen der Opfer
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Trauer in Frankreich: Im Dorf Le Vernet gedenken Menschen der Opfer


Berlin - Nach dem Absturz von Germanwings-Flug 9525 werden neue Sicherheitsstandards in der Luftfahrt diskutiert. Die größten deutschen Airlines kündigten bereits an, eine Zwei-Personen-Regel im Cockpit einführen zu wollen. Nun hat sich auch die Uno eingeschaltet und fordert medizinische Spezialtests für Piloten.

Diese Untersuchungen müssten regelmäßig sowohl die psychische als auch die körperliche Fitness der Piloten prüfen, erklärte die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), eine Sonderorganisation der Uno. Hintergrund sind die Erkenntnisse der Ermittler, wonach der Co-Pilot des Airbus A320 die Maschine vorsätzlich gegen eine Felswand in den französischen Alpen steuerte. Berichten zufolge soll der 27-Jährige wegen Depressionen in Behandlung gewesen sein.

Die ICAO erklärte, die Untersuchungen müssten von Ärzten vorgenommen werden, die auf die besonderen gesundheitlichen Anforderungen im Luftverkehr spezialisiert seien. Falls die Ergebnisse Anlass zur Sorge gäben, müssten "noch speziellere" Untersuchungen stattfinden. Dann müssten auch neuropsychologische Checks in Erwägung gezogen werden.

Einer der führenden Arbeitspsychologen für Luft- und Raumfahrtpsychologie erklärte SPIEGEL ONLINE, es gebe in der Ausbildung von Piloten "keine gesetzliche Vorschrift für eine psychologische Prüfung". Auch später würden die Piloten kaum mit psychologischen, geschweige denn psychiatrischen Fragen behelligt, so Klaus-Martin Goeters. Zwar sei die Psychiatrie Teil der flugmedizinischen Untersuchungen, die Piloten regelmäßig absolvieren müssten. "Aber Fliegerärzte sind in aller Regel nicht psychiatrisch geschult", sagte Goeters.

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Germanwings-Unglück: Komplizierte Bergung in den französischen Alpen
Die linksliberale Pariser Zeitung "La Libération" kommentierte die Pilotenausbildung scharf: "Außerdem hat man jetzt erfahren, dass Piloten nach Erwerb ihres Diploms keine psychologischen Tests mehr bestehen müssen. Dies sollte man schleunigst überdenken."

Bei Germanwings herrscht nach dem Unglück Fassungslosigkeit und Entsetzen. "Wir sind alle unter vollkommenem Schock", sagte Konzern-Chef Thomas Winkelmann im ZDF-"heute journal". "Wir haben hier eine Tat, die wir uns so nicht haben vorstellen können." Das Geschehene sei "völlig unerklärlich". Man werde alles tun, damit ein solches Ereignis niemals wieder vorkommen werde.

Blick ins Cockpit eines A320. Klicken Sie zum Vergrößern bitte auf das Bild.
[M] DPA, Airbus, SPIEGEL ONLINE

Blick ins Cockpit eines A320. Klicken Sie zum Vergrößern bitte auf das Bild.

gam/AFP/dpa

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Seite 1
tante_lilalu 27.03.2015
1.
Natürlich sollten psychische Eignungsprüfungen stattfinden. Wenn man depressiv ist, dann darf man ein Flugzeug nicht steuern, weil man sich schlecht konzentrieren kann, weil man vielleicht einen schlechten Schlaf hat. Aber jemand der depressiv ist, ist noch lange kein potentieller Massenmörder. Die Berichterstattung suggeriert, als gäbe es hier einen zwingenden Zusammenhang, dabei entspricht das Geschehen sicher im Zusammenhang mit einem anderen Krankheitsbild.
Freier.Buerger 27.03.2015
2. kein Test der Welt...
kann die Amokgefahr eines Menschen sicher vorhersagen und gleichzeitig "unschuldige/ungefährliche", die an irgendeiner Stelle nicht der Norm entsprechen weiterarbeiten lassen. Wir schicken Trilliarden von Bits und Bytes um die Welt, aber Passagierflugzeuge fliegen mit 40jahre alten roten Flugschreibern, die im Zweifel im Meer versinken. Wir lassen Drohnen mit Joystick starten, 1000km navigieren, Bomben werfen und wieder landen. Wieso kann man nicht ein "verdächtiges" Flugzeug vom Boden übernehmen in eine sichere Parkschleife steuern, alle Daten überprüfen und im Zweifel sicher landen???
B.F.Skinner 27.03.2015
3. Leider unrealistisch
Und welche psychologischen Tests sollen hier "bestanden" werden? Psychologische Testverfahren bzw. Untersuchungen, anhand derer sich ein erweiterter Suizid wie dieser (so es sich um einen gehandelt hat, es liegen noch längst nicht alle Daten vor) zuverlässig prognostizieren ließe, gibt es nicht und wird es auch nicht geben. Dafür tritt dies zu selten auf. Die große Mehrzahl der an Depression Erkrankten begeht keine erweiterten Suizide. Würde man jeden, der zB in einer Lebenskrise depressive Symptome entwickelt, in Zukunft von bestimmten Berufstätigkeiten ausschließen, hätte man eine sehr hohe und unnötige Anzahl falscher Zurückweisungen, die zur Risikominimierung nichts signifikantes beitragen würden, da das Risiko insgesamt bereits äußerst gering ist. Kritisch erscheint mir eher die weitere Stigmatisierung der Betroffenen, die sich vor diesem Hintergrund bemühen werden, ihre Erkrankung zu verheimlichen, anstatt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
dborrmann 27.03.2015
4. Meine Güte
Ich kann das Gefasel von "psychologischer Prüfung" nicht mehr lesen. Für Suizidhandlungen und deren Prognose sind Psychiater zuständig. Und noch etwas. Bereits Mitte der 80er Jahre schlug ich verpflichtend zumindest ein EEG für Flugschüler vor, da die Indizidenz eines 1. Krampfanfalls als Ursache einer plötzlichen Bewusstlosigkeit eines jungen Menschen um den Faktor 50 höher ist, als die einer kardial verursachten Synkope. Bis heute bekommen Flugschüler verpflichtend weder ein EEG noch eine neurologische Untersuchung. EKGs werden aber regelmäßig geschrieben, immer wieder und unsinnige Laborwerte wie der Cholesterinspiegel im Serum werden stets gemacht. Da läuft eine Betriebsblindheit in der Flugmedizin, die ist unglaublich.
MtSchiara 27.03.2015
5. Psychotests sind unsicher
Es gibt keinen sicheren Test der Psyche (Psychotests sind teilweise Ansichtssache, Psychologie ist keine exakte Naturwissenschaft), und Selbstmord-Morde sind in der Luftfahrt schon heute sehr selten. Und was Passiert mit einem Piloten, der von einem derartigen unsicheren Test als etwas zu labil eingestuft wird (Risiko zum Beispiel 0,2% statt 0,01%), so daß die zulässige Schwelle gerade so überschritten ist? Verliert er dann seinen Job? Wer bezahlt dann seine Ausbildung, womit soll er dann stattdessen sein Brot verdienen? Daher muß das Problem auch technologisch gelöst werden: es muß von außerhalb des Cockpits möglich sein, in jedem Falle in das Cockpit hinein zu kommen (zum Beispiel über einen zweiten, besonders sicheren Code), und es muß möglich sein, von außen die Kontrolle des Flugzeuges an eine Bodenstation oder an einen Computer zu übergeben.
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