Absturz Die letzten Minuten von Germanwings-Flug 9525

Was passierte auf Germanwings-Flug 9525? Der Überblick über die letzten Minuten bis zum Absturz - anhand der bislang bekannten Daten und Ermittlungsergebnisse.
Wrackteil der abgestürzten Maschine: In den französischen Alpen zerschellt

Wrackteil der abgestürzten Maschine: In den französischen Alpen zerschellt

Foto: EMMANUEL FOUDROT/ REUTERS

Hamburg - Es ist ein unfassbares Szenario, das die Ermittler vom Absturz der Germanwings-Maschine zeichnen: Offenbar ließ Co-Pilot Andreas Lubitz den Airbus A320 mit 150 Menschen an Bord absichtlich in den französischen Alpen zerschellen. Das, so der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin, sei die plausibelste Erklärung für den Crash.

Anhand verfügbarer Flugdaten, Auskünfte der französischen Flugsicherung (DSNA) und nach bisheriger Auswertung des Cockpit-Stimmenrekorders lässt sich der Ablauf von Flug 4U9525 am Dienstag wie folgt rekonstruieren:

  • Kurz nach 10 Uhr (MEZ): Die Maschine startet von Barcelona in Richtung Düsseldorf. An Bord sind 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder. Mit Patrick S. sitzt ein erfahrener Pilot am Steuer. Er hat mehr als 6000 Stunden Flugerfahrung, größtenteils im Airbus A320. Co-Pilot Andreas Lubitz, 27, war seit Herbst 2013 bei Germanwings beschäftigt und hatte etwa 630 Flugstunden absolviert.
  • Die Zeit nach dem Start: "In den ersten 20 Minuten sprechen die Piloten vollkommen normal miteinander", sagt Staatsanwalt Robin. Auffällig erschien ihm allerdings, dass Andreas Lubitz nur "lakonisch" auf die Instruktionen des Kapitäns zur Landung in Düsseldorf reagierte. "Die Antworten sind kurz, es gibt keinen wirklichen Austausch."
  • 10.27 Uhr: Daten von Flugtrackern wie Flightaware  oder Flightradar24 zufolge erreicht die Maschine ihre Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (knapp 11.600 Meter).
  • 10.30 Uhr: "Germanwings Eins Acht Golf" - so das Funkrufzeichen von Flug 4U9525 - bestätigt die letzte von der Flugsicherung DSNA erhaltene Anweisung. Etwa zu diesem Zeitpunkt bittet der Pilot laut Staatsanwalt Robin seinen Co-Piloten, das Kommando zu übernehmen. "Man hört das Geräusch eines Sitzes, der nach hinten geschoben wird, und einer Tür, die sich schließt." Die Ermittler vermuten, Patrick S. will zur Toilette gehen.
  • 10.31 Uhr: Andreas Lubitz ist allein im Cockpit. Laut Robin leitet er den Sinkflug ein. Dazu müsse man mehrfach einen Drehknopf drehen. "Die Aktion auf diesem Höhenregler kann nur gewollt gewesen sein", so Robin. Nach Erkenntnissen von Flightradar24  wurde der Autopilot auf 96 Fuß (29 Meter) umprogrammiert. Die gewählte Höhe wird laut europäischer Luftsicherheitsorganisation Eurocontrol  per Funk übertragen. Die Maschine verlässt ohne Freigabe der Flugsicherung ihre Reiseflughöhe. Das Bodenradar meldet eine durchschnittliche Sinkrate von 17,8 Metern pro Sekunde (gut tausend Meter pro Minute).
  • Reaktion der Flugsicherung: Die DSNA versucht, auf der Arbeitsfrequenz eine Funkverbindung zur Germanwings-Maschine herzustellen - erhält von Flug 4U9525 aber keine Antwort. Etwa zu diesem Zeitpunkt will der Pilot offenbar ins Cockpit zurückkehren. "Man hört mehrere Rufe des Bordkommandanten, der Einlass in das Cockpit verlangt", sagt Staatsanwalt Robin. Auch Klopfgeräusche sind demnach zu vernehmen - aber keine Reaktion von Andreas Lubitz. "Er hat kein Wort mehr gesagt, nachdem der Pilot das Cockpit verlassen hatte." Die Ermittler gehen davon aus, dass Lubitz seinem Kollegen absichtlich den Zutritt zum Cockpit verweigert hat. (Mehr zur Verriegelung von Cockpit-Türen lesen Sie hier).
  • 10.35 Uhr: Die DSNA erklärt die international normierte "Notstufe" (DETRESFA Distress Phase) und informiert die nationale Leitstelle des französischen Such- und Rettungsdienstes. Zu dieser Zeit fliegt Germanwings 4U9525 in etwa 7600 Metern Höhe.
  • 10.36 Uhr: Auch der letzte Versuch der Flugsicherung, Funkkontakt auf der internationalen Notfrequenz herzustellen, scheitert. Die Luftraumkontrolleure empfangen auch kein Notsignal aus dem Cockpit.
  • 10.40 Uhr: Das Radarziel von Flug 4U9525 verschwindet vom Bildschirm. Die letzte angezeigte Flughöhe beträgt etwa 1890 Meter. Auf dem Stimmenrekorder sind den Ermittlern zufolge bis zum Schluss normale Atemgeräusche des Co-Piloten zu hören, es habe keine Anzeichen von Panik gegeben. "Das ist nicht die Atmung von jemandem, der gerade einen Infarkt erleidet", sagt Staatsanwalt Robin.
  • Die letzten Sekunden vor dem Aufprall: Alarmsignale gehen los, um der Besatzung die Nähe des Bodens anzuzeigen. Dann hört man auf dem Stimmenrekorder heftige Schläge gegen die Cockpit-Tür. Die Passagiere dürften die dramatische Lage erst jetzt bemerkt haben. Schreie sind den Ermittlern zufolge erst "in den letzten Augenblicken" zu hören, ehe die Maschine mit rund 700 Kilometern pro Stunde gegen eine Felswand prallt.
  • 10.42 Uhr: Die DSNA informiert die nationale Leitstelle des französischen Such- und Rettungsdienstes über den Verlust des Radarzieles.
  • 10.49 Uhr: Militärhubschrauber des französischen Such- und Rettungsdienstes starten. Sie fliegen in Richtung der letzten Position des Radarziels von Germanwings 9525. Signale des selbstständigen Notsenders im Airbus (Emergency Locator Transmitter ELT) werden nicht gemeldet.
  • 11.10 Uhr: Die Hubschrauberbesatzungen entdecken Trümmer der abgestürzten Maschine.

Warum Andreas Lubitz das Flugzeug abstürzen ließ, ist bisher unbekannt. Es sprechen aber eindeutige Hinweise dafür, dass er es bewusst tat: Der Sinkflug muss willentlich eingeleitet worden sein. Zudem hätte der Pilot die Tür zum Cockpit mit einem Code öffnen können. Außer die Tür wurde von innen verriegelt (siehe "Lock" im Bild unten), wovon auszugehen ist.

Blick ins Cockpit eines A320: Klicken Sie zum Vergrößern bitte auf das Bild

Blick ins Cockpit eines A320: Klicken Sie zum Vergrößern bitte auf das Bild

Foto: [M] DPA, Airbus, SPIEGEL ONLINE

Anmerkung der Redaktion: Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

wit/AFP/Reuters/dpa